"Jeden Tag sterben 100 Tier- und Pflanzenarten aus"

von Kai Hirschmann - 05.01.2006
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Umweltschützer schlagen Alarm: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Werden Wildtiere wie Leoparden, Gorillas und Tiger bald nur noch im Zoo überleben? Das Helle Köpfchen hat mit Peter Pueschel vom Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) darüber gesprochen, weshalb so viele Arten für immer von der Erde verschwinden.

Die Heimat des Sifaka-Lemuren gehört zu den bedrohtesten Naturparadiesen unserer Erde. (Quelle: David Haring / Duke Universität, Primatenzentrum)Helles Köpfchen: Ist es wirklich so schlimm, dass Pflanzen und Tiere aussterben? Schließlich sind auch Dinosaurier, Säbelzahntiger und Mammuts verschwunden, und das Leben auf der Erde ist trotzdem weitergegangen.
Peter Pueschel: Es gehört sicherlich zum Kreislauf der Natur, dass immer wieder einzelne Tierarten aussterben. Aber wir sind besorgt darüber, wie viele Tierarten aus allen Ökosystemen der Erde heutzutage gleichzeitig verschwinden. Das hat es so noch niemals gegeben.

HK: Wie viele Arten sind es denn, die verschwinden?
Pueschel: Wir gehen davon aus, dass jeden Tag mindestens 100 Tier- und Pflanzenarten aussterben. Manche Experten sagen sogar, dass es noch viel mehr sind. Die meisten dieser Tiere sind sehr klein, so dass es kaum jemandem auffällt, dass es sie plötzlich nicht mehr gibt. Viele Arten verschwinden sogar von der Erde, bevor der Mensch sie überhaupt entdecken konnte.

HK: Sind einige Erdteile besonders stark betroffen?
Pueschel: Es gibt einige Ökosysteme auf unserem Planeten, in denen außergewöhnlich viele Tier- und Pflanzenarten leben. Das sind zum Beispiel die Regenwälder und die Korallenriffe. Leider werden gerade diese Lebensräume heute von Menschen besonders schnell zerstört. Dadurch sterben dort auch mehr Tierarten aus als anderswo. Sichere Rückzugsräume für Tiere gibt es allerdings überall auf der Welt nur noch sehr wenige. Denn die Menschen drängen die Natur zurück, um Städte, Fabriken, Ackerflächen und Straßen zu bauen. Daher ist das Artensterben ein Problem, das es überall gibt.

HK: Der Mensch ist also Schuld, weil er anderen Lebewesen den Platz wegnimmt?
Pueschel: Die meisten Tierarten sterben tatsächlich aus, weil Menschen ihren Lebensraum zerstören. Manche Tiere werden auch gezielt gejagt, weil sich mit ihnen Geld verdienen lässt. Arme Menschen in Afrika bekommen zum Beispiel für einen Stoßzahn eines Elefanten so viel Geld, wie Fabrikarbeiter in einem ganzen Jahr verdienen. Aus dem Elfenbein werden anschließend kleine Figürchen geschnitzt, die achtlose Urlauber kaufen, obwohl dies verboten ist. Auch über das Internet werden oft Produkte von geschützten Tierarten gehandelt.

In Regenwäldern leben sehr viele Arten zusammen. Sie sind besonders bedroht. (Quelle: Fundación ProAves, Kulumbien)HK: Welche Tierarten sind besonders gefährdet?
Pueschel: Zahlenmäßig sterben am meisten Insekten aus. Das liegt einfach daran, dass es sehr viel mehr Insektenarten auf der Erde gibt als etwa Säugetiere oder Vögel. Aber letztlich sind alle Tierarten vom Artensterben betroffen, die noch in freier Wildbahn leben. Denn die meisten Tiere sterben aus, weil ihr Lebensraum vernichtet wird. Und das trifft große und kleine Tiere gleichermaßen.

HK: Was sind die Folgen für die Umwelt, wenn eine Tierart ausstirbt?
Pueschel: Jede Tierart lebt mit vielen anderen Tieren und Pflanzen in einem gemeinsamen Ökosystem zusammen. Diese Arten sind voneinander abhängig. So können zum Beispiel die Samen einiger Baumarten in Afrika nur dann keimen, wenn Elefanten sie zuvor gefressen und wieder ausgeschieden haben. Wenn die Elefanten aussterben würden, dann gäbe es bald auch diese Bäume nicht mehr. Und von diesen Bäumen sind wiederum ganz viele andere Tiere wie Insekten, Vögel und kleine Säugetiere abhängig. Wenn also nur ein einziges Tier oder eine einzige Pflanze verschwindet, dann könnten gleichzeitig auch viele andere Tier- und Pflanzenarten aussterben. Manchmal reicht es sogar schon aus, dass der Bestand einer bestimmten Art in einem bestimmten Gebiet stark zurückgeht, um das gesamte Ökosystem zu zerstören.

HK: Viele Umweltschutzgruppen setzen sich ganz gezielt für ein bestimmtes Tier ein - den Pandabären, zum Beispiel. Ist dies überhaupt sinnvoll, wenn die Leben von so vielen Tier- und Pflanzenarten miteinander verknüpft sind?
Pueschel: Menschen sollten nicht Gott spielen. Es ist gefährlich, wie ein Manager zu überlegen, welche Tiere besonders nützlich sind und deshalb erhalten werden sollen. Und welche Arten man eher vernachlässigen kann. Denn auch kleine, unscheinbare Tiere können sehr wichtig für ein Ökosystem sein. Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wer in der Natur von wem abhängig ist.

Peter Pueschel kämpft beim IFAW gegen den Handel mit Wildtieren. (Quelle: Internationaler Tierschutz-Fonds (IFAW))HK: Dennoch hat sich auch der Internationale Tierschutz-Fonds ganz bestimmte Arten herausgesucht, für die er sich einsetzt.
Pueschel: Ja, das stimmt. Auch der IFAW hat sich auffällige Leittiere für seine Arbeit gesucht, wie zum Beispiel Wale. Diese großen Tiere erregen viel Aufmerksamkeit in den Medien. Wir haben sie aber auch aus einem anderen Grund gewählt.

HK: Welcher ist das?
Pueschel: Wale ziehen auf festen Routen durch die Weltmeere. Wenn ihr Lebensraum geschützt wird, dann profitieren davon auch alle anderen Tiere, die dort leben. Wir wollen erreichen, dass Wale und andere Meeressäuger nicht mehr gejagt werden dürfen. Besonders wichtige Regionen, in denen Wale zum Beispiel geboren werden oder aufwachsen, müssen ganz besonders geschützt werden. So sollen Schiffe dort nicht mehr fahren dürfen. Dadurch würden Gebiete entstehen, in die sich alle Tiere, die dort leben, zurückziehen könnten. Aus ähnlichen Gründen setzen wir uns auch dafür ein, dass Elefanten besser geschützt werden.

HK: Die AZE - "Alliance for Zero Extinction" (das bedeutet etwa "Bündnis für die Null-Ausrottung") - hat 794 Tierarten bestimmt, die nur noch an einem Ort leben. Umwelt- und Tierschutzorganisationen aus 52 Staaten setzen sich dafür ein, dass diese Lebensräume streng geschützt werden. Was halten Sie von dieser Initiative?
Pueschel: Ich kenne die "Weltkarte der bedrohten Ökosysteme" und finde diesen Ansatz sehr gut. Die AZE verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie wir. Auch sie will nicht nur einzelne Tierarten erhalten, sondern vollständige, einzigartige Lebensräume. Das ist sehr wichtig, um nicht immer weitere Arten zu verlieren. Wir setzen uns aber auch für den Schutz noch nicht bedrohter Ökosysteme ein. Es wäre ein großer Fehler, immer so lange zu warten, bis irgendwo eine oder mehrere Arten kurz vor dem Aussterben stehen. Uns ist wichtig, dass die Menschen erkennen, dass Tiere und die gesamte Natur grundsätzlich respektiert werden müssen.

Asiatische Elefanten haben dank des IFAW auch in China eine Zukunft. (Quelle: IFAW / Jian)HK: Reicht es aus, bedrohte Tiere zu schützen und Naturschutzgebiete festzulegen, um das Artensterben zu stoppen?
Pueschel: Nein, die Menschen vor Ort müssen auch hinter dem Tierschutz stehen. Ein Beispiel aus China: Dort leben nur noch etwa 200 wilde Elefanten. Trotzdem hat man immer wieder erschossene Tiere gefunden. In Gesprächen mit den verarmten Bauern kam heraus, dass die Elefanten deren Felder leer gefressen und völlig zertrampelt hatten. Die Ernte sollte für die Familien den Lebensunterhalt für ein ganzes Jahr sichern. Natürlich waren die Bauern deshalb wütend und haben die Elefanten gejagt. Tierschützer haben ihnen dann erklärt, dass die Felder mitten auf einem Hauptwanderweg der Elefanten lagen. Außerdem bauten die Bauern Pflanzen an, die Elefanten besonders gerne fressen und diese anlockten.

HK: Konnte hier ein Ausweg gefunden werden?
Pueschel: Die IFAW hat erreicht, dass die Bauern von der Regierung neue Felder abseits der Elefantenpfade bekommen haben. Außerdem bauen die Bauern seitdem andere Feldfrüchte an, die Elefanten nicht so gerne fressen, die den Bauern aber mehr Gewinn bringen. Schließlich wurden kleine Hotels für Touristen gebaut, die sich Elefanten in freier Wildbahn ansehen wollen. So entstanden in der armen chinesischen Provinz viele neue Arbeitsplätze. Seitdem setzen sich die Menschen aktiv für den Tierschutz ein - und die Elefanten haben wieder eine Zukunft.

Die mexikanische "Kinderstube" der Grauwale bleibt geschützt - auch wenn ein großer Konzern andere Pläne hatte. (Quelle: IFAW / R.Sobol)HK: So haben die Bauern sogar Vorteile, wenn sie die Natur schützen. Anders sieht es aber aus, wenn große Firmen die Natur zerstören wollen, um dadurch mehr Gewinne zu machen. Ist es für Umweltschützer dann nicht oft unmöglich, sich durchzusetzen?
Pueschel: Nicht unbedingt. Es gibt ein tolles Beispiel aus Mexiko, wo es uns gelungen ist, die Natur zu retten. Mitsubishi wollte mit der mexikanischen Regierung in der Bucht San Ignacio eine riesige Meerwasser-Entsalzungsanlage bauen. Doch ausgerechnet dort gibt es die meisten Baby-Grauwale der Welt. Umweltschutz-Organisationen und die Menschen vor Ort haben dann so lange für die Wale protestiert, bis der Weltkonzern im Jahr 2000 darauf verzichten musste, die Anlage zu bauen.

HK: Was waren bisher die größten Erfolge der Tierschutzbewegung?
Pueschel: Aus meiner Sicht waren dies das internationale Walfangverbot und das weltweite Verbot des Elfenbeinhandels. Ohne dieses Verbot gäbe es sehr wahrscheinlich in den meisten Ländern Afrikas und Asiens heute keine Elefanten mehr. Allerdings wird in letzter Zeit immer wieder versucht, den Handel zumindest teilweise wieder zu erlauben. Das zeigt uns, dass wir Tierschützer uns nicht auf den Erfolgen ausruhen dürfen, sondern immer wachsam bleiben müssen.

Wenn der Elefant ausstirbt, dann würden mit ihm auch viele andere Tier- und Pflanzenarten für immer verschwinden. (Quelle: Hendrik Feldmann)HK: Wie können die Leser des Hellen Köpfchens etwas dazu beitragen, dass weniger Tiere ausgerottet werden?
Pueschel: Tierschutz fängt vor der eigenen Haustür an. Auch bei uns wird die Natur immer weiter zurückgedrängt. Da können Kinder und Jugendliche mit eigenen Projekten ein Zeichen setzen. Viele Kinder und Jugendliche setzen sich für exotische gefährdete Tierarten ein. Sie sammeln in der Freizeit Unterschriften, schicken Protestbriefe an Politiker und bilden Tierschutz-AGs. Wir vom IFAW unterstützen diesen Einsatz gerne mit Informationsmaterial. Tierschutz-Themen sollten außerdem Teil des normalen Unterrichts sein. Ich möchte alle Kinder und Jugendlichen ermutigen, einfach beim Biolehrer nachzufragen, ob Walfang, Robbenjagd oder Wildtierhandel mal im Unterricht behandelt werden könnte. Zum Thema "Schutz von Wildtieren" hat der IFAW Arbeitsblätter für den Unterricht im Netz bereitgestellt (unten verlinkt). Auch andere Tierschutz- und Umweltorganisationen helfen interessierten Kindern und Jugendlichen gerne weiter.

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