Über ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht

Alarmierend: "Rote Liste" der bedrohten Arten

von Katrin Schönfeld - 22.10.2008

Auf der Konferenz der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) wurde eine sehr wichtige Liste veröffentlicht: die "Rote Liste" der bedrohten Tiere und Pflanzen auf der Welt. Sie besagt, dass über ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten stark vom Aussterben bedroht ist, und ein Viertel aller Säugetiere! Der Grund dafür ist vor allem, dass immer mehr Tiere und Pflanzen durch Jagd, Klimawandel und Umweltverschmutzung ihre Lebensräume verlieren. Der Mensch ist also nicht unschuldig daran und schadet sich damit sogar selbst. Denn auch wir könnten als Folge irgendwann aussterben.

Der Iberische Luchs ist vom Aussterben bedroht: Es leben nur noch weniger als 100 Tiere in freier Wildbahn, vor zehn Jahren waren es noch fünfmal so viele dieser seltenen Katzenart. (Quelle: www.lynxexsitu.es)Anfang Oktober meldeten Wissenschaftler, dass sehr viele Tier- und Pflanzenarten bald für immer von der Erde verschwinden könnten. Sie stellten in Barcelona (Spanien) die "Rote Liste" vor - eine Liste aller Tiere und Pflanzen, deren Art vom Aussterben bedroht ist. Diese Liste wird von der Weltnaturschutzunion IUCN erstellt und alle vier Jahre veröffentlicht. Die Abkürzung IUCN steht für "International Union for Conservation of Nature and Natural Resources" und bedeutet so viel wie "Internationale Naturschutzunion".

Diese Organisation befindet sich in der Schweiz, hat aber insgesamt über 1.000 Mitglieder in 62 Ländern auf der Welt. Sie kümmert sich darum, dass die Menschen immer wieder daran erinnert werden, dass sie dringend etwas für den Naturschutz tun müssen. Dies macht die IUCN mithilfe der "Roten Liste". Ähnliche Listen werden aber auch in den einzelnen Ländern der Welt erstellt, in Deutschland sogar für die jeweiligen Bundesländer.

1.300 "stark gefährdete" Tierarten mehr als letztes Jahr

Der Davidshirsch wurde in China nicht mehr in freier Wildbahn gesehen und gilt somit als ausgestorben. Ein paar der Tiere leben noch in Zoos. (Quelle: Wikipedia)Für die "Rote Liste" werden alle bekannten Tier- und Pflanzenarten aufgeschrieben und bei jeder einzelnen Art wird untersucht, wie gefährdet sie ist. Fachleute beurteilen dabei, wie sich eine Art in der Vergangenheit entwickelt hat und wie seine Entwicklung in der Zukunft sein könnte.

Es gibt verschiedene Stufen, die angeben, wie stark eine Gefährdung ist. Zum Beispiel wird unterschieden zwischen "ausgestorben" (wenn in den vergangenen Jahren kein Tier einer Art mehr gesichtet wurde), "vom Aussterben bedroht" (wenn innerhalb von zehn Jahren über 90 Prozent einer Art verschwunden sind), "stark gefährdet" (wenn der Bestand, also die Anzahl von Tieren einer Art, zwischen 70 und 90 Prozent zurückgegangen ist) und "gefährdet".

Insgesamt wurden bisher fast zwei Millionen Arten beschrieben - Wissenschaftler vermuten jedoch, dass es auf der Welt noch viel mehr Tier- und Pflanzenarten gibt, etwa zwischen zehn und 100 Millionen. In der Roten Liste sind etwa 45.000 Arten aufgelistet, und davon werden mehr als 16.000 als "stark gefährdet" bezeichnet. Das ist ungefähr ein Drittel aller Arten. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind es 1.300 Tierarten mehr.

Fast jedes vierte Säugetier stark gefährdet

Der Europäische Ziesel gehört zu den in Deutschland lebenden bedrohten Arten. (Quelle: Wikipedia)In der aktuellen Rote Liste wurden ganz besonders die Säugetiere betrachtet. Säugetiere haben im Gegensatz zu anderen Tieren ein Fell aus Haaren und säugen ihre Jungtiere mit ihrer Milch. Auch der Mensch gehört zu dieser Klasse. Säugetiere bilden zwar nur einen kleinen Teil von allen Tierarten, aber weil sie für den Menschen meist besonders interessant und attraktiv sind, gelten sie als relativ gut erforscht.

Die Wissenschaftler bezeichnen insgesamt 1.143 von den 5.500 Säugetierarten als "vom Aussterben bedroht", "stark gefährdet" oder "verletzlich". Somit ist von fast einem Viertel aller Säugetiere der Bestand nicht gesichert. Es ist also unklar, ob es sie auch in den nächsten Jahren noch geben wird.

Zum Beispiel leben nur noch weniger als 100 Iberische Luchse in freier Wildbahn, vor zehn Jahren waren es noch fünfmal so viele dieser seltenen Katzenart. Deshalb wird er auch als "vom Aussterben bedroht" eingeordnet. 76 Säugetierarten gelten sogar schon als ausgestorben. So wurde zum Beispiel der Davidshirsch in China nicht mehr in freier Wildbahn gesehen und gilt somit als ausgestorben. Jedoch leben noch ein paar dieser Tiere in Zoos. Die Zahl der gefährdeten Säugetiere ist aber vermutlich noch viel höher, weil es über zahlreiche weitere Säugetierarten zu wenig Informationen gibt.

In Deutschland bereits zwei Säugetierarten ausgestorben

Die Zahl der Finnwale, die nach den Blauwalen die zweitgrößten Tiere der Erde sind, ist deutlich zurückgegangen. Sie gelten mittlerweile als bedrohte Tierart. (Quelle: Wikipedia)In Deutschland gibt es ungefähr 100 Säugetierarten, davon werden vier Arten als "bedroht" bezeichnet: der Finnwal, der Europäische Ziesel, der Atlantische Nordkaper und der Europäische Nerz. Auch der Feldhase ist in Deutschland immer seltener zu sehen. Sogar zwei der etwa 100 Arten sind schon ausgestorben: das Wildpferd und die Bayerische Kurzohrmaus.

Neben den Säugetieren wurden in Deutschland auch die Haus- und "Nutztiere" wie Hunde, Pferde, Rinder, Schafe, Schweine, Enten, Kaninchen, Hühner und Bienen untersucht. Das Angorakaninchen gilt zum Beispiel als extrem gefährdet, weil es nur noch ganz wenige Züchter gibt. Auch einige Hunderassen gelten als stark gefährdet, zum Beispiel der schwarze Großspitz. Von ihnen gibt es nur noch vier Rüden und drei Hündinnen, mit denen gezüchtet wird.

Die Wissenschaftler sagen, dass Säugetiere sehr wichtig für das Leben vieler Tier- und Pflanzenarten sind. "Wenn ein Säugetier ausstirbt, sind oft auch viele andere Tierarten gefährdet", sagt Andrew Smith von der Arizona State University in Tempe, einer der Hauptautoren der Studie. Sie sind fest eingebunden in ein so genanntes "Ökosystem" und die Nahrungskette. Jede Art lebt mit vielen weiteren in einem gemeinsamen Ökosystem. Die Tier- und Pflanzenarten eines Systems sind abhängig voneinander. Sie sorgen entweder für die Nahrung anderer Arten wie zum Beispiel Raubtiere, oder aber sie tragen zur Entstehung von neuem Leben bei, wie die Biene, die Blüten bestäubt. Fällt ein Glied der Nahrungskette weg, kann es sein, dass der ganze "untere" Teil dieser Kette daran zugrunde geht.

Erfreulich: Einige Tiere wieder gesichtet

In der Mongolei wurde das Mongolische Wildpferd in Gefangenschaft gezüchtet und wieder in der Wildnis ausgesetzt. Dort schafften es einige Pferde, zu überleben. (Quelle: Wikipedia)Neben diesen schlechten Nachrichten gab es aber auch etwas Positives zu berichten: Einige Tierarten, von denen man glaubte, dass sie ausgestorben sind, wurden wieder gesichtet. Zum Beispiel wurde in der Mongolei das Mongolische Wildpferd in Gefangenschaft gezüchtet und wieder in der Wildnis ausgesetzt. Dort schafften es einige Pferde, zu überleben. Diese Pferdeart wurde also erfolgreich "ausgewildert". Das ist ein großer Erfolg.

Wenn Tiere durch den Menschen aufgezogen werden, zum Beispiel in Zoos, ist es für sie sehr schwer, in der Natur zu überleben. Denn sie müssen erst lernen, sich ihre Nahrung selbst zu beschaffen. In den Zoos wurden sie zuvor schließlich von den Tierpflegern gefüttert.

Vertrieben und verkauft

Jedes Jahr werden nach Schätzungen weltweit 16 Millionen Hektar des tropischen Regenwaldes zerstört. Das entspricht der halben Fläche Deutschlands. (Quelle: WWF)Es gibt viele Ursachen für die dramatische Entwicklung. Der Hauptgrund ist die Zerstörung der Lebensräume oder allein das Vordringen des Menschen in von Tieren bewohnte Gegenden. So werden die Lebensräume der Tiere zerstört, weil Wälder abgeholzt werden, um noch mehr Weideflächen für Zuchttiere wie Kühe oder Schweine zu schaffen, neue Siedlungen und neue Straßen zu bauen oder auch, um an Rohstoffe wie Gold heranzukommen. Dadurch haben die Tiere keinen Platz mehr zum Leben und können nicht mehr genügend Futter finden. Durch die Zerstörung von Lebensräumen werden sogar - vor allem im immer noch nicht vollständig erforschten südamerikanischen Regenwald - Tier- und Pflanzenarten vernichtet, die uns völlig unbekannt sind.

Eine weitere Ursache ist die Jagd. Viele Tiere werden gejagt, weil ihre Knochen, ihre Zähne, ihr Fleisch oder ihr Fell sehr begehrt zum Handeln sind. Sowohl der Handel als auch der Kauf von Produkten bedrohter Tiere sind illegal, man macht sich dadurch strafbar. Trotzdem jagen noch sehr viele Menschen solche Tiere, weil sie dadurch leider weiterhin viel Geld verdienen können. So ist zum Beispiel der Tiger "stark gefährdet" und in einigen Teilen der Welt sogar schon ausgestorben. Tigerknochen werden vor allem für traditionelle chinesische Medikamente verwendet und sehr teuer verkauft. Experten sind der Meinung, dass der Tiger sehr bald ausgestorben sein wird, wenn die Jagd nicht beendet wird. Auch viele Walarten sind bedroht und werden wegen ihres begehrten Fleisches dennoch gejagt. In Japan und anderen Ländern gilt Walfleisch als "teure Delikatesse" - so wie in China die Suppe aus Haifischflossen. Zahlreiche Haiarten sind heute bedroht.

Der Tiger ist "stark gefährdet" und in einigen Teilen der Welt sogar schon ausgestorben. Tigerknochen werden vor allem für traditionelle chinesische Medikamente verwendet und sehr teuer verkauft. (Quelle: Wikipedia)Durch die Fischerei werden viele im Wasser lebende Tierarten gefährdet. So werden viele Fische "unbeabsichtigt" gefangen, weil sie sich in dem Gebiet aufhalten, wo gerade gefangen wird - zum Beispiel, wenn auf der Jagd nach Thunfischen auch Delfine mitgefangen werden. Dies nennt man "Beifang". Viele Fische, die auf diese Weise im Netz gelandet ist, verenden. Durch Beifang werden unzählige Meeresbewohner ohne Nutzen getötet - oft ist die Anzahl dieser Tiere am Ende viel höher als die Zahl der eigentlich gejagten Fische.

Auch die starke Umweltverschmutzung sorgt dafür, dass Arten aus ihren ursprünglichen Lebensräumen verschwinden. Beispiele hierfür sind das Einleiten von giftigen Chemikalien in Flüsse oder Meere oder das unbeabsichtigte Auslaufen von Öl aus verunglückten Schiffen.

Es muss dringend gehandelt werden

Dieses Bild zeigt den Meeresgrund vor und nach dem Einsatz eines Schleppnetzes. (Quelle: Helles Köpfchen)Um diese dramatische Entwicklung zu verhindern, sollten zum Beispiel für besonders gefährdete Tier- und Pflanzenarten spezielle Schutzgebiete eingerichtet werden. Dort könnten die Tiere dann in Ruhe leben und sich wieder weiter vermehren. Auch müssen der Handel und die Jagd auf gefährdete Arten gestoppt werden, damit der Bestand dieser Tiere sich erholen kann.

Bei der Fischerei müsste viel stärker auf die Fangtechnik geachtet werden. Tiefseefischer zum Beispiel ziehen ihre Schleppnetze über den Meeresgrund. Dabei zerstören sie Riffe, die teilweise Jahrtausende gebraucht haben, um zu entstehen. Viele Tiefsee-Fischarten pflanzen sich nur langsam fort und ihr Bestand wird bedroht. Außerdem sollten die Fische während der Laichzeit nicht gefangen werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu vermehren. Junge Fische, die sich selbst noch nicht fortgepflanzt haben und noch klein sind, könnte man durch größere Maschen in den Netzen vor dem Fang bewahren. So haben sie die Chance, sich zu vermehren. Dies würde eine dauerhafte Befischung der Meere möglich machen, die Fische würden also nicht ausgerottet werden. Der Begriff hierfür ist "Nachhaltigkeit". Nachhaltigkeit bedeutet beim Tierfang, dass trotz der regelmäßigen Tötung einer Tierart immer darauf geachtet wird, dass der Bestand sich selbst erhalten kann.

Darstellung einer Nahrungskette: Ist ein Tier gefährdet, hat das auch Folgen für andere Arten. (Quelle: Wikipedia)Es lässt sich zwar sagen, dass alle Arten irgendwann aussterben werden. Das ist der unvermeidliche Weg der Evolution, also der Entwicklung des Lebens auf der Erde. Über 99 Prozent der von der Evolution hervorgebrachten Lebewesen gibt es heute nicht mehr, obwohl viele einst perfekt an ihre Umwelt angepasst waren. Denn die Umweltbedingungen ändern sich stetig oder plötzlich - zum Beispiel durch eine Naturkatastrophe. Selbst die Dinosaurier, die einst die Erde beherrschten und am oberen Ende der Nahrungskette standen, sind vor ungefähr 65 Millionen Jahren von der Erde verschwunden. Auch der Mensch könnte aussterben. Dadurch, dass der Mensch die Natur zerstört, vernichtet er auf Dauer auch seinen eigenen Lebensraum und damit die Quelle seiner Nahrung. Die Folge könnte sein, dass auch er vom Aussterben bedroht sein wird. Und nicht nur deshalb ist es höchste Zeit zu handeln!

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Bilder: Wikipedia