Thema: Der Weihnachtsfriede

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Eisberg (24) aus Turku

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#1

Wie mir aufgefallen ist, gibt es hier ja noch gar keine richtige Weihnachtsgeschichte, also erzähl ich euch mal eine, die vom Grundgedanken her stimmt. Sie spielt mitten im ersten Weltkrieg und fängt brutal an:

Wir schreiben den Dezember 1914. In Europa wüten die Schrecken des ersten Weltkrieges. Die deutsche Armee ist an der Westfront, hinter der deutschen Grenze, in einen Stellungskrieg mit Franzose und Briten verfallen. Hunderte, nein, Tausende Menschen sterben, darunter auch viele Soldaten des Oberleutnants Hoffman. Seine Soldaten frieren, es ist Schnee gefallen. Aussicht, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein, gibt es nicht. Es wird eisern ausgehalten, bis zum letzten Mann, so lautet sein Befehl. Jeder Gedanke an Freude und Frieden vergeht mit schwerem Kanonendonner. Zeit zum Ausruhen gibt es nicht: Die feindliche Artillerie hat gerade den Schützengraben getroffen. Hoffman erlebt das nicht zum ersten Mal, und trotzdem ist er jedes mal aufs Neue erschüttert, wenn er all die toten Gesichter sieht. Und war das dort nicht der Franz, der Franz, der noch vor einer Stunde voller Freude verkündet hat, was man bei ihm zu Hause zu jedem Weihnachten kochte? Und dort Paul, der im Frühling heiraten wollte. Alles so deprimierend, dachte er. Wann hört das endlich auf?

Nur 50 Meter entfernt saß Field Marshall Stevenson in seinem Bunker. Vor zwei Tagen hatte seine Armee eine französische Truppe abgelöst, und seit dem hielten sie hier die Stellung. Unerbittlich schlugen deutsche Sprengkörper ein, ein entsetzliches Donnern. Fast ein Drittel seiner Männer fiel der deutschen Artillerie zum Opfer. ,,Help me, I don't want o die!'' Seit nunmehr 30 Minuten fährt dieser Schrei ihm durch die Glieder. Er kommt von James, der im Schützenstand ''Pontivy'' eingesetzt war, als dieser von einer Granate getroffen wurde. Das war nun schon eine halbe Stunde her. Er wurde mitten auf das Schlachtfeld geworfen. Jeder konnte ihn sehen, er lag keine 10 Meter vom Graben entfernt. Doch helfen konnte man ihm nicht. Es wäre glatter Selbstmord gewesen, jetzt zu ihm zu rennen. Doch Stevenson plagten andere Gedanken: Sie hatten keinen Proviant mehr. Noch 1 Woche würde ihr Vorrat reichen. Doch glücklicherweise hatte sich die britische Regierung ihrer erbarmt: Geschenkboxen mit Grußkarten, Alkohol, etwas Proviant und Tabak wurden ihm zugesichert, sie sollten am späten Abend des 23. Dezembers eintreffen. Vielleicht sollte Weihnachten doch nicht so schlimm werden, wie er es noch vor wenigen Stunden geglaubt hatte. Er lehnt sich in seinem klapprigen Holzstuhl zurück, als von draußen ein Schrei ertönt: ,,No, Victor, come back!''. Dann Schüsse. Wieder einer. Offenbar hatte er versucht, James zu retten, dessen Schreie mittlerweile immer kläglicher wurden. Es ging mit ihm zu Ende. Am Morgen des 23. Dezembers schließlich starb er. Nachdem er 6 Stunden da gelegen hatte.

 

(Fortsetzung folgt)

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#7

Die Geschichte ist richtig gut:-)

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Eisberg (24) aus Turku

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#6

Zitat von: Never

Diese Geschichte ist grossartig. Sie enthält meiner Meinung nach alles, was eine Geschichte wirklich enthalten muss und ja, grosses Kompliment !!!

 

Vielen Dank :D

aus Tja...

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Never (23) aus Tja...

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schrieb :

#5

Diese Geschichte ist grossartig. Sie enthält meiner Meinung nach alles, was eine Geschichte wirklich enthalten muss und ja, grosses Kompliment !!!

aus Turku

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Eisberg (24) aus Turku

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#4

So, hier der letzte Teil, bitte schön ;)

 

50 Meter entfernt war man mit dem schmücken der Weihnachtsbäume fertig geworden, man öffnete gute Dosen Jagdwurst zu dem feierlichen Anlass. ,,Alles ruhig, Herr Oberleutnant!'', meldete er Wachposten. Auch an diesem heiligen Abend konnte man niemandem trauen. Man redete über das liebe Zuhause, als plötzlich Männerstimmen ertönten: ,,I hear the mountain birds,...''. Die Briten sangen! Und es war ein schönes Lied. ,,I'm dreaming, of home...'' Als das Lied zuende war, waren die Soldaten gerührt und klatschten lautstark, jubelten.

,,What the hell?'' entfuhr es Stevenson, der den Beifall von deutscher Seite vernahm. Die Soldaten freuten sich, wollten schon zum nächsten Lied anstimmen, als drüben eine kräftige Männerstimme sang: ,,Stille Nacht, heilige Nacht...''. Es war Hans, Gustav stimmte mit seiner Harmonika ein. Bald kannten die Briten den Takt und summten mit. Auf beiden Seiten wurde im einklang gesungen. Das Lied ging zuende, als der britische Wachposten rief: ,,Attention, there's something strange!''. Stevenson guckte durch den schmalen Sehschlitz des Schützenstandes, und sah Weihnachtsbäume. Dutzende. Sie standen direkt vor den Schützengräben. Hände stellten immer neue auf. War das ein Ablenkungsmanöver? Doch da erklang schon ein ,,Oh, Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter...''.

Oberleutnant Hoffman war schon skeptisch genug, doch auf einmal, kurz, nachdem Hans ''Oh Tannenbaum'' anstimmt, stand dieser auf, nahm sich einen Weihnachsbaum und betrat das Schlachtfeld. ,,Bist du verrückt geworen? Komm sofort zurück!'', forderte Hoffman, doch Hans ging zielstrebig weiter. ,,Du grünst nicht nur, zur Sommerszeit...''.

Neugierde machte sich breit, man schaute vorsichtig über den Graben und sah einen einzelnen Deutschen mit einem Tannenbaum in der Hand. Und er sang. Sehr zum Entsetzen ihres Field Marshalls standen nun die britischen Soldaten auf und jubelten Hans zu. Nun standen auch die deutschen Soldaten auf. Hoffman war mittlerweile aucha uf dem Schalchtfeld, rief Hans zu, er solle zurückkommen, erkannte nun aber, wie Absurd die Lage war. Alle jubelten und klatschten, als Hans das Lied beendete. Hoffman stellte sich nun neben Hans. Da kam auch schon Stevenson, ging auf die beiden zu. Er stellte sich vor Hoffman und reichte ihm die Hand, mit den Worten: ,,Merry Christmas.'' ,,Fröhliche Weihnachten'', entgegnete Hoffman. Nun näherten sich auch die Soldaten und trafen sich in der Mitte. Man baute langsam erste Verbindungen auf, zeigte Fotos, und schnell entstanden Gruppen aus britischen und deutschen Soldaten. Gustav traf drei britische Soldaten, und man fand schnell ein Gesprächsthema. ,,Fekers Fise fisd frise Fise'' ,,Haha, No, you have to say: Fischers Fritze fischt frische Fische!'' Die Briten kugelten sich vor Lachen und öffneten eie Flasche Whiskey. Selbstverständlich wurde brüderlich geteilt. Hoffman und Stevenson saßen mittlerweile auf einer kleinen Mauer, die die Artillerie verschont hatte. Hans brachte den Britten derweil deutsche Weihnachtslieder bei. Stevenson und Hoffman redeten derweil, so gut, wie es eben ging, über Weihnachten. Man gelangte zu dem Schluss, Weihnachten sei etwas bedeutendes, völlig egal, wo man es feiert, oder mit wem. Kurz vor Mitternacht versammelten sich alle vor einem Erdhügel. Der britische Pfarrer Henry hatte sich dort drauf gestellt. Fast 300 Soldaten, britische und deutsche, stnden erwartungsvoll vor ihm. Dann klingelte ein Wecker. Das Signal. Es ist Mitternacht. Pfarrer Henry las in Latein aus der Bibel vor. Er las von Maria und Joseph, von Christi Geburt und von Weihnachten, von den drei heiligen Königen. Jedes seier Gebete wurde mit einem 300 Stimmen umfassenden ''Amen'' bestätigt. Schließlich klappte er seine Bibel zu. Gustav nahm seine Harmonika wieder an den Mund, und stimmte Weihanchtslieder an, englische und deutsche. Hans sang, die Masse gröllte mit. Minuten. Stunden. Es war herrlich. Man verbrachte die Zeit damit, jeweils Bräuche, Traditionen, Familienfotos und nicht zuletzt alkoholische Getränke auszutauschen. Gegen 3 Uhr früh kehrten die Soldaten wieder zu ihren Schützengräben zurück.

Der nächste Morgen war kalt. Alle schliefen, als man ein Geräusch vernahm. Es klang wie eine Schaufel. Man schaute vorsichtig über die Gräben. Da stand ein Engländer und budelte ein Loch. ,,The peace is past!'' schrie Stevenson. Doch Hoffman, nun ebenfalls wach, betrat das Schlachtfeld und ging wieder auf die Mauer zu. Stevenson tat es ihm gleich. Man handelte ina ller Ruhe aus, dass man doch die Toten begraben solle. Es waren dutzende, die teils schon Tage dort lagen. Beide stimmten zu. Und so verbrachte man die Stunden bis in den Nachmittag damit, Löcher in den gefrorenen Boden zu graben. Briten und Deutsche gleichermaßen. Es gab keine feindlichen Bemerkungen, das freundschaftliche Verhältnis entsprach dem des gestrigen Abends. Man identifizierte die Toten, ein dutzend Männer waren damit beschäftigt, Holzkreuze aus Trümmerteilen zu basteln. Die Toten hüllte man in Decken. So auch James, der 6 Stunden lang in der Kälte leiden musste. Am Ende des Tages war das Schlachtfeld übersäht mir Kreuzen. Man verabschiedete sich wieder und kehrte zurück.

,,Ablösung morgen!'' sagte Hoffman. Man hatte von dieser unerlaubten Waffenruhe gehört, Hoffman sollte mitsamt seiner Kompanie nach Russland versetzt werden. Man arrangierte ein letztes Treffen, man verabschiedete sich in aller Sinnlichkeit und wüschte sich Glück. Am 27. Dezember brachen die deutschen Soldaten nach Russland auf. Die Kompanien sahen sich nie wieder...

Beim Weihnachtsfrieden im Winter 1914 kam es überall zu solchen Brüderlichkeiten an der gesamten Grenze. Nachher gab es nie wieder solch einen Waffenstillstand. Die Geschcihte oben mitsamt den Namen ist zwar frei erfunden, könnte sich aber genau so zugetragen haben.

Weihnachten ist ein Fest, das weder an Kriege noch Nationalitäten gebunden ist. In diesem Sinne wünsche ich allen:

FROHE WEIHNACHTEN!

 

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schrieb :

#3

Deine Geschichte ist wirklich gut

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Eisberg (24) aus Turku

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schrieb :

#2

So, hier die Fortsetzung:

 

,,Soll das ein Witz sein?!'' Hoffman lass den Brief noch einmal durch, dann noch einmal. ,,Alle fünf Meter einer!'' ,,Was, alle fünf Meter?'', fragte der junge Friedrich, der im selben Bunker gerade die Decke mit hölzernen Stützpfahlen stabilisierte. ,,Die oberste Heeresleitung will Weihnachtsbäume an der Front aufstellen. Alle fünf Meter einer. Das macht ja beinah 100000 Stück!'' ,,Aber das ist doch eine ganz reizvolle Idee, finden sie nicht, Herr Oberstleutnant?'' ,,Ich frag mich, wie die das anstellen wollen. Das sind ganze Zugladungen!'' Alle fünf Meter einer. Die Artillerie hatte den Beschuss in der Nacht eingestellt, zu wenig Munition. Es war wieder ruhig. Gespenstisch ruhig. as sah man auf Britischer Seite nicht viel anders als auf der Deutschen Seite. Am Abend trafen schließlich die Weihnachtsbäume inklusive Schmuck ein. ,,Naja, jetzt, wo wir die Bäume schon mal haben, können wir's ja mal versuchen...'', meinte Hoffman, dem das ganze immer noch etwas merkwürdig erschien. Seine Soldaten hungerten, seine Soldaten froren, seine Soldaten konnten nicht schießen. Weihnachtem im Schützengraben. Nicht gerade, das, was er sich unter Weihnachten vorstellte, aber was hatte er für eine Wahl? Kurz vor Mitternacht versuchten die Briten in einem hoffnungslosem Kampf, bis zum deutschen Graben vorzudringen, wurden aber allesamt erschossen. Friede? Was war das noch mal?

Die restliche Nacht blieb wieder ruhig. Am Morgen des 24. Dezembers schließlich packte man auf beiden Seiten seine Geschenke aus. ,,Boah, schaut mal, was mir mein Gänseblümchen geschickt hat: Einen schönen dicken Mantel! Und Wertershausener Spitzenbräu''. Hans war fasziniert. ,,Brotfladen, steinhart gefroren'', entgegnete Gustav, nahm das unförmige DIng, dass er für einen Brotfladen hielt, schlug es gegen eine Holzkiste und nahm die abgebrochene Ecke. ,,Egal, was es ist, es kann nicht genießbar sein. Du bekommst was von meine Spitzenbräu ab'', meinte Hans lachend. Alle anderen lachten mit. Es kam so etwas wie Weihnachtsstimmung auf. Man schmückte nun die Bäume und war stolz drauf.

Auf der britischen Seite derweil: Field Leutnant Stevenson ordnete an, dass man vorerst keine weiteren Angriffe durchführen würde und dass die Soldaten den Feiertag zum Ausruhen nutzen sollten. Man trauerte um die Soldaten, die bei der letzten Stürmung starben, und um James, dessen Leiche immer noch auf dem Schlachtfeld lag. Der Nachmittag ging in den Abend über, und nun dachte keiner mehr an Krieg, sondernn nur noch an die Verwandten, die im schönen warmen Zimmer zuhause saßen. Man zeigte Bilder von seinen Frauen, erzählte von seinen Plänen und so weiter. Es war nicht ganz 20 Uhr, als jemand auf die Idee kam, zu Singen. Man sang ,,Draming of home''. Es dauerte nicht lang, und alle sangen mit, immer lauter.

 

(Anmerkung von mir: Leider bekomm ich den ganzen Text nicht auf einmal hier rein, deswegen die ganzen Teile)

 

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