Wie wird man eigentlich Astronaut, Herr Jehn?

Interview mit Rüdiger Jehn vom Raumflug-Kontrollzentrum in Darmstadt

von Kai Hirschmann und Marlen Schott - 01.05.2005

Rüdiger Jehn sucht Lösungen für das Müll-Problem im Weltall. Außerdem bereitet der Wissenschaftler die Weltraum-Mission zum Merkur, dem ersten Planeten unseres Sonnensystems, im Jahr 2012 vor. Seit 1989 arbeitet Rüdiger Jehn im europäischen Raumflug-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt. Nun hat er sich einen Vormittag frei genommen, um sich den Fragen des Hellen Köpfchens zu stellen.


Rüdiger Jehn, Wissenschaftler beim europäischen Raumflug-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt. (Quelle: Rüdiger Jehn)

Helles Köpfchen: Sie sind Wissenschaftler bei der Europäischen Raumfahrt Gesellschaft Esa. War das schon immer ihr Traumberuf?
Rüdiger Jehn: Na ja, eigentlich wollte ich Astronaut werden. Aber leider wurden 1986 zum bislang letzten Mal europäische Astronauten ausgebildet. Damals war ich leider noch nicht mit meinem Studium fertig und habe deshalb diese Möglichkeit verpasst.

HK: Sie möchten also immer noch Astronaut werden und warten nur auf die nächste Gelegenheit, die sich bietet?
Jehn: Nein. Mittlerweile macht mir meine Arbeit hier, am Boden, so viel Spaß, dass ich gar nicht mehr in den Weltraum will.

HK: Können Sie unseren Lesern Hoffnung machen, dass einer von ihnen einmal als Astronaut ins Weltall fliegen kann?
Jehn: Ja, auf jeden Fall! Zurzeit sind ein schweizer Astronaut und drei deutsche Astronauten im Esa-Team. Um sich als Astronaut bewerben zu können, muss man ein geeignetes Studium abgeschlossen haben und zwischen 27 und 37 Jahren alt sein. Bis die Leser des Hellen Köpfchens dieses Alter erreicht haben, sind die heutigen Astronauten bereits im Ruhestand und es werden voraussichtlich wieder Plätze frei sein. Also lohnt es sich, schon jetzt etwas für seinen Traum zu tun.

HK: Welche Talente braucht man denn, um Astronaut werden zu können?
Jehn: Man muss vor allem neugierig sein und Spaß daran haben, die Welt zu erforschen. Zweitens muss man richtig gut Englisch sprechen können, weil das die Sprache ist, mit der wir uns hier alle unterhalten. Und drittens brauchen künftige Astronauten noch gute Noten in Physik und Mathematik, um diese Fächer später studieren zu können. Es gibt auch den speziellen Studiengang "Luft- und Raumfahrttechnik". Ohne Studium kommt niemand in das Astronautenprogramm.

Der Esa-Astronaut Claude Nicolli bei einem "Weltraumspaziergang". Er muss im Weltall Reparaturarbeiten durchführen. (Quelle: ESA)

HK: Muss man auch sehr sportlich sein, um mitmachen zu dürfen?
Jehn: Nein, ganz im Gegenteil. Die Esa sucht clevere Leute, die nicht total unsportlich, aber auch keine Hochleistungssportler sind. Ich zum Beispiel mache sogar zu viel Sport. Dadurch verbraucht mein Körper sehr viel Sauerstoff. Aus diesem Grund bin ich schon beim Gesundheits-Check für das Astronauten-Training durchgefallen.

HK: Astronauten-Training? Das klingt spannend! Muss man bei der Esa arbeiten, um das auch mal auszuprobieren?
Jehn: Nein, auch Erwachsene, die genügend Geld bezahlen und den Gesundheits-Check bestehen, dürfen ein Astronauten-Training mitmachen. Aber natürlich ist die Anlage in erster Linie für die Esa-Astronauten gedacht. Sie müssen schließlich üben, um sich für künftige Weltraum-Missionen fit zu halten.

HK: Dabei schickt die Esa doch eigentlich gar keine bemannten Raketen ins All?
Jehn: Nein, sie selbst nicht. Aber die Esa ist an der internationalen Raumstation ISS beteiligt. Dorthin werden auch Esa-Astronauten von amerikanischen oder russischen Weltraumraketen mitgenommen.

HK: Was tun Sie denn eigentlich so, wenn sie nicht gerade neugierigen Reportern Fragen beantworten
Jehn: Ich habe zwei Arbeits-Schwerpunkte. Von 1989 bis 1999 habe ich fast ausschließlich am Problem des Weltraum-Mülls gearbeitet. Da bin ich Experte und war im April auch in den ZDF-Nachrichten zu sehen. Ich erstelle mit meinem Team Prognosen (Vorhersagen), wie viel Weltraumschrott entsteht, wie groß die Gefahren für die Satelliten sind, davon getroffen zu werden und was man dagegen tun kann. Ein zweiter Schwerpunkt ist seit 2000 die Vorbereitung der Merkur-Mission der Esa.

An der Internationalen Raumstation ISS sind 16 Länder beteiligt. Seit 1998 wird an ihr gebaut - im Jahr 2006 soll sie fertig gestellt sein. (Quelle: ESA)

HK: Das beschäftigt sie also schon fünf Jahre. Dann geht's bestimmt bald los?
Jehn: Oh nein. Wir sind noch in der Planungsphase. Die Mission soll erst im Jahr 2012 starten. Aber es dauert halt ziemlich lange, bis alles passt. Wir können nämlich beim Bau unserer Satelliten nicht auf eine Standard-Plattform zurückgreifen wie etwa beim Bau von Wettersatelliten.

HK: Worin liegt denn der Unterschied?
Jehn: Jeder unserer Satelliten ist ein völliger Neubau. Und immer wieder müssen neue Materialien getestet werden. Die Wissenschaftler, mit denen wir zusammenarbeiten, wollen ständig neue Apparaturen eingebaut haben. Dabei darf der Satellit jedoch nie schwerer werden.

HK: Warum nicht?
Jehn: Weil sonst der Treibstoff der Rakete nicht reicht. Für die Merkur-Mission wollen wir einen modernen Ionenantrieb einbauen, den wir gerade erfolgreich bei einer Mond-Sonde getestet haben. Um mit diesem Antrieb aber bis zum Merkur zu kommen, muss der Satellit sich bei der Umrundung von mehreren Planeten Schwung holen. Um all das zu berechnen und zu simulieren, braucht unser Team viel Zeit.

HK: Sucht die Esa auch nach Leben im Weltraum?
Jehn: Ja, wir planen gerade ein solches Projekt. Es hat den Namen "Darwin". Wir wollen Planeten finden, die der Erde ähnlich sind. Je weiter ein Planet von seiner Sonne entfernt ist, ist, desto schlechter können wir ihn von hier aus sehen. Seine Sonne überstrahlt ihn einfach.

Vom Kontrollraum der Esoc in Darmstadt aus werden alle europäischen Satellitenstarts überwacht. (Quelle: Kai Hirschmann (Helles Köpfchen))

HK: Und wie wollen Sie diese Planeten finden?
Jehn: Wir haben nun einen Weg gefunden, den Planeten und sogar seine Atmosphäre mit Infrarot-Teleskopen sichtbar zu machen. Vielleicht finden wir so auch einen Planeten, auf dem es Ozon gibt. Denn Ozon ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass es auf dem Planeten Leben gibt. Das wäre ein Traum.

HK: Wer sind eigentlich die Leute, die bei der Esoc europäische Weltraum-Missionen erfüllen?
Jehn: Allein in Darmstadt arbeiten 600 Menschen. Die meisten sind Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen. Sie planen Satelliten-Missionen und werten Daten aus. Die Ingenieure für Luft- und Raumfahrt überwachen die einzelnen Missionen in den Kontrollräumen. Und dann arbeiten hier noch viele Netzwerktechniker, die dafür sorgen, dass alle Informationen auch dort ankommen, wo sie ausgewertet werden können.

HK: Was können unsere Leser tun, um mehr über die Arbeit der Esa zu erfahren und sich hier bei Ihnen auch einmal umzusehen?
Jehn: Schülergruppen können sich gerne zu einer Führung anmelden. Da bekommen sie dann alles gezeigt. Man kann hier auch ein Praktikum absolvieren, allerdings muss man dafür schon studieren.

Weitere Infos:
letzte Aktualisierung: 08.03.2010

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