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"Abstürze gehören zur Raumfahrt"

19.10.2005

Als Anfang Oktober plötzlich der Funkkontakt zum Satellit "Cryosat" abgebrochen ist, da wussten hunderte Mitarbeiter der europäischen Raumfahrtbehörde Esa zunächst gar nicht, dass das Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit soeben ins Meer gestürzt ist. Bernhard von Weyhe vom Weltraum-Kontrollzentrum in Darmstadt sprach mit dem Hellen Köpfchen über das Unglück und wie es nun weitergeht.

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Mit Radarwellen sollte Cryosat bestimmen, wie dick das Eis an den Polen genau ist. (Quelle: ESA)

Helles Köpfchen: Welche Aufgabe sollte der Satellit "Cryosat" erfüllen?
Bernhard von Weyhe: Bisher streiten sich die Wissenschaftler darüber, ob der Klimawandel dazu führt, dass das Eis am Nord- und am Südpol immer weiter abschmilzt. Einige Forscher vermuten das genaue Gegenteil, nämlich dass die Eismassen in der Mitte sogar immer dicker werden. Um herauszufinden, was denn nun stimmt, sollte Cryosat drei Jahre lang die Erde umrunden und dabei genau vermessen, wie dick das Eis an den Polkappen ist.

HK: Warum interessiert es die Wissenschaftler so sehr, ob das Eis ein wenig dicker oder dünner wird?
Weyhe: Weil das der Schlüssel zur Erforschung des Klimas auf der ganzen Welt ist. Wenn die Ränder des ewigen Eises immer weiter abschmelzen, dann könnte der Meeresspiegel in der ganzen Welt ansteigen. Das wäre eine Katastrophe für viele Küstenländer, die dann untergehen könnten. Außerdem würde das kalte Wasser die Meeresströmungen verändern. Das hätte große Auswirkungen auf das Wetter. Wenn zum Beispiel immer mehr Kaltwasser-Ströme auf warme Meeresströmungen treffen, bilden sich häufiger heftige Wirbelstürme wie Hurrikans oder Taifune.

Der Satellit sollte drei Jahre lang die Erde umrunden und dabei die Frage klären, ob das "ewige Eis" tatsächlich schmilzt. (Quelle: ESA)

HK: Wenn die Erforschung tatsächlich so wichtig ist, dann beobachten doch sicher noch viele andere Satelliten den Nord- und den Südpol?
Weyhe: Nein, Cryosat war das erste Projekt dieser Art. Auf die Messungen des in Deutschland gebauten Satelliten waren die Wissenschaftler in der ganzen Welt gespannt.

HK: Wie lange hat es gedauert, diesen Satelliten zu bauen?
Weyhe: Für ein Raumfahrtprojekt ging es sehr schnell. Ein Esa-Team hat vor sechs Jahren mit der Planung begonnen. Dann haben Firmen der Raumfahrtindustrie die Pläne umgesetzt, den Satelliten gebaut und getestet. Einige hundert Leute in Deutschland, Österreich und Frankreich waren daran beteiligt. Eine russische Rakete sollte Cryosat schließlich ins All bringen.

Das Cryosat-Team der Esa arbeitete sechs Jahre lang an der Entwicklung des Satelliten. (Quelle: ESA)

HK: Doch dabei ist die Rakete in der Nähe des Nordpols abgestürzt. Wie haben die Wissenschaftler die schlechte Nachricht aufgenommen?
Weyhe: Wir haben am Anfang gar nicht gewusst, dass die Mission gescheitert ist. Es gab plötzlich keinen Funkkontakt mehr. Wir haben gehofft, dass es sich nur um ein kleines technisches Problem handelte. In der Kontrollstation hier in Darmstadt hatten sich einige Experten jahrelang vorbereitet. Sie sollten den Flug überwachen. Als dann der Absturz bestätigt wurde, waren wir alle sehr bestürzt. Aber Abstürze gehören leider zur Raumfahrt. Damit müssen wir leben.

HK: Wissen Sie schon, weshalb die Rakete abgestürzt ist?
Weyhe: Der Fehler lag ganz eindeutig bei unseren russischen Partnern. Deren Rockot-Rakete gilt eigentlich als sehr zuverlässig und ist außerdem vergleichsweise günstig. Bei über 140 Flügen gab es gerade einmal vier Abstürze. Leider haben diesmal ein paar Rockot-Mitarbeiter Fehler gemacht. Die zweite Raketenstufe hat sich nicht wie vorgesehen von der dritten Stufe getrennt. Deshalb ist die Rakete mit unserem Satelliten abgestürzt.

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Bernhard von Weyhe will, dass die Cryosat-Mission eine zweite Chance bekommt. (Quelle: ESA)

HK: Wie viel Geld ist dadurch im Meer versunken?
Weyhe: Insgesamt hat Cryosat 136 Millionen Euro (211 Millionen Franken) gekostet. Das ist für ein Weltraum-Forschungsprojekt nicht sehr viel. Zum Glück ist nicht alles verloren, da die fertigen Baupläne ja in unserer Schublade liegen. Wir wissen nun genau, wie man die Einzelteile herstellen muss. Verloren ist also "nur" der Satellit. Er könnte aber für etwa 70 Millionen Euro (109 Millionen Franken) nachgebaut werden.

HK: Bekommen Sie das Geld dafür von einer Versicherung, die für den Schaden aufkommt?
Weyhe: Nein, eine Versicherung für Satelliten ist so unglaublich teuer, dass sie für keine Forschungsprojekte abgeschlossen wird. Nur Fernsehsatelliten sind manchmal versichert. Das Geld ist also leider wirklich verloren und wird uns nicht ersetzt.

Wenn alles gut läuft, könnte "Cryosat 2" in zwei bis drei Jahren fertig sein. (Quelle: ESA)

HK: Kann es sich die Esa dann überhaupt leisten, den Satelliten noch einmal zu bauen?
Weyhe: Da das Projekt für viele Wissenschaftler sehr wichtig ist, wurde beschlossen, dass Cryosat 2 gebaut werden soll. Nun müssen wir allerdings bei anderen Missionen sparen, da wir dafür kein zusätzliches Geld bekommen. Den neuen Satelliten wird es frühestens in zwei bis drei Jahren geben.

HK: Was passiert nun mit den Wissenschaftlern, die jetzt eigentlich den Cryosat-Satelliten beobachten und seine Daten auswerten sollten?
Weyhe: Bei uns wird niemand arbeitslos, denn bei der Esa gibt es immer genug zu tun. Derzeit fliegen 14 Satelliten von uns im All. Die Wissenschaftler werden nun anderen Missionen zugeteilt und unterstützen dort die Forscher.

letzte Aktualisierung: 15.08.2009

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