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Interview mit der Redaktionsleiterin Britta Pawlak

07.01.2012

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Quelle: Interview mit Britta Pawlak von Helles-Koepfchen.de auf Reflecta.org

(Quelle: Britta Pawlak/ Helles-Koepfchen.de)

Reflecta stellt vor: Diesmal das Wissensportal für Kinder und Jugendliche www.helles-koepfchen.de und seine Redaktionsleiterin Britta Pawlak, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin aus Berlin.

Seit sieben Jahren gibt es Helles-Koepfchen.de als Suchmaschine sowie Nachrichten- und Wissensportal für Kinder und Jugendliche im Netz. Sie selbst sind seit 2007 als Redaktionsleiterin tätig.

Es ist schön zu sehen, dass Sie sich viel mit Themen wie Menschenrechten, Umweltschutz, nachhaltiger Entwicklung und verantwortungsvollem Konsum beschäftigen. Worauf, glauben Sie, kommt es besonders an, wenn Kinder und Jugendliche für diese Themen sensibilisiert werden sollen?

Zunächst einmal: Kinder und Jugendliche sollten ernst genommen werden. Es ist unsere Aufgabe, verständlich und dem Alter entsprechend über Themen zu berichten und natürlich darauf zu achten, dass die Inhalte stets jugendgerecht sind und junge Leser sich sicher im Internet bewegen können – es geht aber nicht darum, ihnen eine „heile Welt“ vorzuspielen. Grundsätzlich ist das Interesse der Kinder auch für schwierige Themen und Probleme wie z. B. Umweltzerstörung, Tierquälerei oder soziale Missstände vorhanden. In unseren Diskussionsforen tauschen sich unsere Leser dann auch über die Themen aus, über die wir auf unserer Seite berichten. Weiterhin können sie eigene Foren eröffnen. Insbesondere zu Themen, die den Umwelt- und Tierschutz betreffen, schreiben sehr viele Kinder und Jugendliche – sie entrüsten sich zum Beispiel über Tierversuche, Umweltzerstörung und das Artensterben und diskutieren über die Gefahren von Gentechnik oder Atomenergie. Gerade junge Menschen sind noch sehr offen und haben nicht – wie viele Erwachsene – die Einstellung, dass der Einzelne ohnehin nicht viel bewirken kann und unsere Welt viel zu undurchschaubar ist, als dass man die Hintergründe und Verstrickungen (z. B. bezüglich unseres Konsumverhaltens, der Wirtschaft und Politik) überhaupt erfassen und selbst aktiv werden kann.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Medienangebote für junge Menschen?

Es gibt mittlerweile gerade im Internet zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche. Viele Webseiten und Portale für junge Leser berichten überwiegend über gängige Themen wie Mode, Musik und Stars, die sicherlich auch viele Kinder und Jugendliche interessieren – auch in unseren Foren tauschen sich die Leser über solche Themen aus. Andere Inhalte kommen aber oft zu kurz. Man darf den Einfluss der Medien und anderer gesellschaftlicher Institutionen eben auch nicht unterschätzen – Kinder interessieren sich natürlich für die Dinge, mit denen sie konfrontiert werden, die sie mit anderen teilen und über die sie kommunizieren können. Sicher gibt es auch einige Nachrichten- und Wissensangebote für Kinder und Jugendliche. Ich will nicht pauschalisieren, aber leider werden die Themen in vielen Fällen eher oberflächlich abgehandelt. Ich habe ohnehin meine Probleme mit der kurzlebigen Nachrichtenwelt, in der es oft mehr um die Aktualität bestimmter Meldungen als um die Relevanz und Hintergrundinformationen geht und die Medien möglichst schnell Pressemeldungen übernehmen, um auf dem neuesten Stand zu sein. Nicht wenige Menschen haben somit das Gefühl, gut informiert über die Geschehnisse auf der Welt zu sein, wenn sie täglich die Nachrichten einschalten – die starke Selektivität der Meldungen wird dabei oft außer Acht gelassen.

Wie gehen Sie mit diesem Problem der medialen Schnelllebigkeit und Selektivität um?

Wenn wir auf Helles-Koepfchen.de Nachrichten für junge Leute verfassen, geht es uns gerade nicht darum, schnell eine Kurzmeldung zu übernehmen und einfach in kindgerechte Sprache zu überführen. Wir schreiben eher Reportagen zu ausgewählten Themen und bemühen uns, verständlich über die Hintergründe und Zusammenhänge zu berichten, damit unsere Leser dabei auch wirklich etwas lernen können. Natürlich können wir längst nicht alle Themen abdecken, die aktuell von den Medien aufgegriffen werden – das ist aber auch überhaupt nicht unser Ziel. Unser Spektrum an Wissensartikeln umfasst viele Bereiche wie Gesellschaft, Politik und Philosophie, Mensch, Tier und Umwelt, Geschichte, Kultur und Kunst sowie Schule und Ratgeber. Hin und wieder schreiben wir auch über Themen, die in unserer Nachrichtenpresse eher vernachlässigt werden – zum Beispiel über aktuelle Entwicklungen in lateinamerikanischen Ländern.

Ich bin der Meinung, dass es gerade die Schwierigkeit aber auch „Kunst“ der Berichterstattung für junge Leser ausmacht, Inhalte zwar so einfach wie möglich darzustellen, jedoch ohne dabei das Thema vollkommen zu verkürzen bzw. wichtige Zusammenhänge stark zu simplifizieren oder gar wegzulassen. Selbstverständlich ist das oft eine Gratwanderung. Fest steht: Man darf junge Leser nicht unterschätzen, das Interesse und Potential ist auf alle Fälle vorhanden, die Dinge auch zu hinterfragen und kritisch zu reflektieren – aber man muss dies auch zulassen und fördern.

Würden Sie denn sagen, dass sich Ihr Konzept bei den jungen Lesern bewährt hat?

Es ist immer wieder schön, Rückmeldung von unseren Lesern zu bekommen. Wir erhalten sehr viel positives Feedback von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, die loben, dass wir über so vielfältige Themen berichten würden, dass man bei uns stets aufs Neue etwas dazulernen könne und dass unser Angebot herausragend unter den Kinder- und Jugendseiten sei. Dass sich unser Konzept bewährt hat und wir damit eben nicht falsch liegen, sieht man nicht zuletzt an den ständig steigenden Besucherzahlen. Helles-Koepfchen.de war zu Beginn im Jahr 2004 noch ein völlig unbekanntes Projekt – mittlerweile zählen wir deutlich über 500.000 Unique User pro Monat und Helles-Koepfchen.de gehört längst zu den bekanntesten deutschsprachigen Angeboten für Kinder und Jugendliche im Netz. Das ist natürlich ein sensationeller Erfolg für uns, mit dem wir vor einigen Jahren so noch nicht gerechnet hätten. Manche Leute waren damals ziemlich skeptisch und haben uns gefragt, ob es nicht etwas zu idealistisch sei, für Kids zu schreiben und dabei über das berichten zu wollen, was man selbst für wichtig hält, anstatt sich in erster Linie an der Trend- und Marktforschung zu orientieren bzw. dem „Massengeschmack“ der jungen Leser gerecht zu werden, die sich nun einmal vor allem für Stars und die typischen „Teenie-Themen“ begeistern würden.

Es ist also sehr erfreulich und auch motivierend, dass wir so viele positive Rückmeldungen bekommen und die Besucherzahlen kontinuierlich steigen. Ebenso mit Lehrern tauschen wir uns regelmäßig aus – immer häufiger werden unsere Beiträge auch im Unterricht verwendet oder für Hausarbeiten und Referate genutzt. Aber natürlich gibt es hin und wieder auch kritische Stimmen von Erwachsenen, die uns vorwerfen, nicht kindgerecht genug zu schreiben, über Themen zu berichten, die junge Leute nicht interessieren bzw. nicht betreffen oder Kinder mit unseren Inhalten zu überfordern.

Wie entgegnen Sie dieser Kritik?

Dazu sage ich vor allem: Natürlich kommt es immer auf das Alter an – unsere Texte richten sich aber eben auch nicht an Kinder, die gerade erst lesen und schreiben gelernt haben. Ich denke auf keinen Fall, dass wir Kinder und Jugendliche zwischen ungefähr 10 und 16 Jahren mit unseren Artikeln überfordern. Gerade der Schulstoff ist in der weiterführenden Schule ja schon recht umfangreich und komplex. Wir wollen in unseren Texten wirklich etwas vermitteln oder Denkanstöße liefern, legen aber großen Wert darauf, dass die Beiträge stets gut zu verstehen und leserfreundlich sind. Man braucht ganz sicher auch kein Wörterbuch, um unsere Artikel zu lesen – sofern wir Fachbegriffe verwenden, werden sie im Artikel auch immer übersetzt oder erläutert. Zudem erweitern wir unser Angebot gerade um ein umfassendes Lexikon, in welchem den jungen Lesern Begriffe aus unterschiedlichen Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Kultur ausführlich und verständlich erklärt werden.

Laut Online-Befragungen liegt das durchschnittliche Alter unserer Leser bei zwölf Jahren – also sind unsere Zielgruppe Kinder und Jugendliche an der Schwelle zum „Erwachsenwerden“. Genau hier besteht meiner Meinung nach eine Lücke im Angebot, die wir füllen wollen: Es gibt zahlreiche Webseiten für junge Grundschüler, die den Schwerpunkt auf Spiele- und Freizeitangebote setzen, jedoch zu wenige wirklich informative und anspruchsvolle Wissensseiten für Teenager. Und mit Wikipedia-Texten oder zahlreichen anderen Artikeln für Erwachsene, die bei Google zu finden sind, sind viele junge Leser in diesem Alter tatsächlich noch überfordert, denn hier wird man in vielen Fällen – oft noch in Fachsprache – mit „Detailwissen“ überhäuft, es fehlt aber ein gut verständlicher Einstieg, der einen Zugang zum Thema ermöglicht und einen guten Überblick bietet.

Welche Probleme sehen Sie allgemein bei der pädagogischen Vermittlung von Wissen und Nachrichten an Kinder und Jugendliche in den neuen Medien, wo besteht Handlungsbedarf?

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Auch hier will ich nicht verallgemeinern, aber sehr viele Medienpädagogen haben bestimmte Vorstellungen und Kriterien, die für sie eine gute Webseite für Kinder ausmachen – zum Teil finde ich aber, dass diese zu kurz greifen und inhaltliche Qualität nicht genügend berücksichtigt wird. Es ist natürlich wichtig, dass gerade junge Menschen sicher im Netz surfen können und nicht auf ungeeignete Inhalte stoßen – auch wir legen viel Wert auf Sicherheit und Jugendschutz und haben deshalb beispielsweise eine komplett betreute Community. Es ist mir aber zu wenig, ein Jugendangebot dann als gut zu bezeichnen, wenn es kindgerecht gestaltet ist, pädagogisch betreut wird und am besten keine Werbung enthält. Es gibt immer wieder Debatten bezüglich der Werbung – obwohl wir uns an die Vorgaben des Jugend- und Verbraucherschutzes halten, Inhalte und Werbung klar voneinander trennen und zum Teil sogar freiwillig auf Einnahmen verzichten, weil wir aus freien Stücken nicht für bestimmte Firmen wie z. B. Fastfood-Ketten werben wollen.

Irgendwie muss sich eine Seite aber auch finanzieren können. Wir haben deutlich weniger Bedenken damit, jugendgerechte Werbeanzeigen (z. B. für Kinofilme) auf der Seite zu schalten, als uns von einer Firma sponsern zu lassen, auf diese Weise praktisch eine Plattform für „Dauer-Werbung“ zu werden und unsere inhaltliche Unabhängigkeit zu verlieren. Es ist also utopisch, Werbung von sämtlichen Kinder- und Jugendangeboten verbannen zu wollen, wenn es gleichzeitig an alternativen Finanzierungskonzepten fehlt. Mittlerweile gelangen aber auch immer mehr Pädagogen zu der Überzeugung, dass jugendgerechte Werbung sogar einen Beitrag zur „Medienkompetenz-Erziehung“ leisten könne – schließlich sind auch seriöse Internetseiten für die erwachsene Leserschaft oft voller Werbeanzeigen, so dass ein Umgang damit frühzeitig erlernt werden sollte.

Wo liegen die Probleme bei der Finanzierung guter Internetangebote für Jugendliche?

Ich bin der Meinung, dass auch junge Leser schon das Recht auf eine unabhängige, vielseitige und qualitativ gute Berichterstattung haben sollten. Gerade Kinder und Jugendliche sind dabei, sich ihre Sicht auf die Welt zu erschließen – es sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden, verschiedene Perspektiven kennenzulernen und sich eine Meinung zu bilden. Wie soll ein vielfältiges Medienangebot für Kinder und Jugendliche aber möglich sein, wenn die Seiten entweder vom Staat oder von großen Firmen und Institutionen wie Krankenkassen und Versicherungen, die ihre eigenen Interessen vertreten, herausgegeben bzw. finanziert werden? Diese Aspekte kommen bei den pädagogischen Debatten um Kinderangebote im Internet meines Erachtens deutlich zu kurz. Leider sind hier in vielen Fällen auch eine Doppelmoral und ein gewisses „Gutmenschentum“ zu beobachten. So wird zum Beispiel oft damit argumentiert, dass die Schule ein „werbefreier Raum“ sei, „kommerzielle“ Internetangebote deshalb dort nicht eingesetzt werden sollten und diese generell problematisch seien.

Ist die Schule denn kein werbefreier Raum?

Nein, in der Realität sieht das nämlich ganz anders aus – so werden zum Beispiel kostenlose Zeitschriften wie der „Spiesser“ mit einer Auflage von über 750.000 Exemplaren regelmäßig an Schulen verteilt, die sich komplett über Werbeanzeigen finanzieren, welche oft nicht einmal ausreichend vom Inhalt unterschieden werden können. Zudem haben viele dieser Kritiker mit Sponsoring an Schulen nicht das geringste Problem. Ich finde es aber durchaus bedenklich, wenn Banken Lehrbücher über die Wirtschaftszusammenhänge herausgeben, Energieunternehmen den Kindern Unterrichtsmaterialien über Stromerzeugung und die Umweltpolitik zur Verfügung stellen oder Verlage, an denen Bundestagsparteien beteiligt sind, Schulbücher über politische Themen verteilen. Dass hier auch im großen Stil Lobbyarbeit betrieben und dabei gefärbt oder einseitig berichtet wird, dürfte allseits bekannt sein. Viel transparenter ist es zweifelsohne, klar gekennzeichnete und vom Inhalt strikt getrennte Anzeigen auf der Webseite zu haben – und dennoch stören sich einige Pädagogen hieran viel mehr und sehen ausgerechnet darin den „Schutz“ der Jugend gefährdet. Wirklich ernste Probleme werden dabei aber meiner Ansicht nach entweder überhaupt nicht erkannt oder verharmlost.

Frau Pawlak, Themen zum Tierschutz und ein verantwortungsvolles Konsumverhalten sind Ihnen sehr wichtig – so haben Sie einen vierteiligen Artikel zur Massentierhaltung geschrieben, der sehr häufig aufgerufen wird und auch bei Google ganz vorne erscheint – viele Leute gelangen hierüber auf Ihren Text. Wie wird ein solcher kritischer Artikel in der Öffentlichkeit aufgenommen?

Überwiegend sehr positiv, aber der Artikel polarisiert auch – und zwar weniger bei den jungen Lesern selbst. Die Kinder und Jugendlichen schreiben fast einstimmig, wie gut und wichtig sie den Bericht finden. Texte wie diese Reihe gehören tatsächlich zu unseren Artikeln, die am häufigsten gelesen und ausgedruckt werden. In unserem Forum können sich die Leser dann zum Thema Fleischkonsum austauschen. Man kann ganz klar sehen, dass die jungen Leser durchaus unterschiedliche Auffassungen dazu haben, aber den meisten ist es keinesfalls egal, wie die Tiere gehalten werden und welche Umweltprobleme damit verbunden sind. Und genau das wollen wir erreichen: Die Leser auf die Problematik aufmerksam machen und dazu anregen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Auch von vielen Erwachsenen – darunter zahlreiche Eltern und Lehrer – habe ich sehr gute Bewertungen und nette Mails für den Bericht über Massentierhaltung erhalten.

Es gibt allerdings auch ein paar erwachsene Leser, die behaupten, dass wir mit Artikeln wie diesen Kindern ihr Essen auf dem Teller „mies machen“ oder sie gar „indoktrinieren“ würden. Darum geht es uns natürlich überhaupt nicht, und es ist für mich auch widersinnig, dass ausgerechnet dann der Vorwurf kommt, man versuche zu manipulieren, wenn man besonders viele Hintergrundinformationen liefert und sich bemüht, auch die großen Zusammenhänge zu beschreiben – in diesem Fall diejenigen zwischen Fleischkonsum, Tierhaltung, Rationalisierung, Umweltproblemen, Klimawandel, Globalisierung, Welthunger und Gesundheitsrisiken, die nun einmal bestehen. Leider wissen viele Erwachsene darüber ja selbst kaum bescheid oder wollen die Problematik einfach nicht wahrhaben. Bei einigen Leuten sind gewisse Ängste damit verbunden – sie empfinden solche kritischen Berichte als Angriff auf ihre Weltsicht und befürchten, man „erziehe“ ihre Kinder zum „Non-Konformismus“.

Ist es als Medienanbieter für Kinder- und Jugendseiten also durchaus problematisch, auch konsumkritische, politisch interessierte und engagierte Texte wie diesen zu veröffentlichen?

Solche und ähnliche Kritik muss man sich auf jeden Fall immer mal wieder gefallen lassen. Auch politische Interessen spielen dabei aber oft eine Rolle und pädagogische Debatten werden dann vorgeschoben, um die eigene Argumentation zu stärken. Großen Gegenwind haben wir zum Beispiel von einigen Lobbyvertretern der Landwirtschaft und Intensivtierhaltung bekommen – natürlich ist es nicht in ihrem Sinne, dass wir kritisch über die zu großen Teilen katastrophalen Zustände bei der Massentierhaltung berichten. Diese Lobbyisten haben sogar Bundestagsabgeordnete dazu aufgefordert, gegen unseren Bericht vorzugehen, und behauptet, hier würden gezielt einseitige politische Ansichten an „unschuldige Kinder“ vermittelt werden. Das ist interessant, denn während wir großen Wert auf eine möglichst differenzierte Berichterstattung und auf unsere redaktionelle Unabhängigkeit legen, hören wir uns ausgerechnet von Lobbyvertretern an, dass wir parteiisch wären oder uns vor irgendeinen Karren spannen lassen würden. Ich habe für diese Artikelreihe natürlich sehr viele Recherchen betrieben, mich mit der so genannten „Nutztierhaltung“ in Deutschland und anderen EU-Ländern sowie weltweit befasst und mit verschiedenen Experten und Vertretern von großen Tierschutzorganisationen gesprochen.

Konnten diese Agrarvertreter denn etwas ausrichten?

Nein, das nicht, aber sie haben wirklich alles versucht, um uns irgendwie zu schaden und öffentlich zu diskreditieren. Sie haben sich sogar an das Bundeskultur- und Bundesfamilienministerium gewandt und ernsthaft verlangt, dass uns die staatliche Förderung, die wir zum Aufbau der Community erhalten haben, nachträglich „aberkannt“ wird. Auf ziemlich unseriöse Art wurden dabei falsche Behauptungen aufgestellt, die Aussagen meines Artikels verdreht oder völlig aus dem Kontext gerissen, um daraus irgendwelche Argumente zu basteln. Selbstverständlich ging dieser recht dreiste Versuch ins Leere. Wir sind ohnehin inhaltlich unabhängig – daran ändert auch eine staatliche Förderung zum Ausbau unseres Angebots nichts. Dennoch hatten wir die Möglichkeit einer Stellungnahme und haben zum einen die Widersprüche und Falschaussagen der Lobbyvertreter aufgezeigt, zum anderen zahlreiche seriöse Quellen offengelegt, die unsere Informationen natürlich bestätigen. Es ist dennoch erstaunlich, wie viel Aufsehen solch ein umfassend recherchierter Artikel in der Öffentlichkeit erregt und mit welcher Aggressivität solche Lobbyisten versuchen, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen und sogar eine Berichterstattung zu verhindern. Auch hier zeigen sich deutlich die Verstrickungen von Interessengruppen in Wirtschaft und Politik.

Ihre Artikel werden auch in Schulbüchern veröffentlicht und für den Unterricht verwendet. Haben Sie das Gefühl, dass die Jugend heutzutage eher für ein kritisches Bewusstsein geschult und zum „Selbstdenken“ angeregt wird? Werden diese Themen Ihrer Meinung nach ausreichend in der Schule behandelt?

Dass einige unserer Texte in Lehrbüchern abgedruckt werden, freut uns natürlich. Leider denke ich, dass eben gerade das kritische Bewusstsein in der Schule zu wenig gefördert wird. Natürlich gibt es sehr engagierte Lehrer, aber das Problem ist ein grundlegendes und betrifft das Schul- und Bildungssystem allgemein. Wir bekommen mit, dass sich heute immer jüngere Kinder schon Gedanken und Sorgen um ihre berufliche Zukunft und ihre Karriere machen. Der Druck in der Schule wächst und Kindern wird vermittelt, dass sie ohne eine gute Ausbildung praktisch chancenlos sind. Ich finde es ja richtig, Kinder zum Lernen zu motivieren, aber der große Druck, der oft schon in der Grundschule anfängt, ist bedenklich. Mittlerweile machen viele Schüler in nur zwölf Jahren Abitur, obwohl der Schulstoff nicht maßgeblich eingegrenzt wurde. Für viele junge Leute heißt das, dass sie mehr Unterricht, viele Hausaufgaben und kaum noch Freizeit haben. Eine Schulreform würde ich durchaus für wünschenswert halten, aber ich denke, sie sollte in eine andere Richtung gehen.

Was würden Sie konkret verändern wollen?

Die Förderung von individuellen Fähigkeiten, Kreativität, sozialer Empathie und selbständigem Denken kommt in der Schule oft viel zu kurz – den Schülern wird eher vermittelt, sich dem gesellschaftlichen Denken anzupassen, am Leistungsprinzip zu orientieren und dem Konkurrenzdruck standzuhalten, um es im Leben zu etwas zu bringen. Auch die Lehrer haben es nicht leicht – in meist sehr großen Klassen müssen sie den Stoff in vorgegebener Zeit durchziehen, den der Lehrplan vorgibt. Es wäre schön, wenn Kinder die Möglichkeit hätten, auch in kleineren Gruppen nach ihrem Tempo zu lernen und darin gefördert würden, eigene Ansichten auszubilden, diese zu begründen und zu hinterfragen. Ich denke, dass es sinnvoll wäre, den Lehrplan in gewissen Bereichen zu kürzen, teilweise aber auch durch neue Inhalte zu ersetzen und über alternative Unterrichtsmethoden nachzudenken. Zum Beispiel finde ich es sehr wichtig, dass sich schon Kinder in angemessener Form mit gesellschaftsrelevanten Themen wie Konsumverhalten, Umweltschutz und sozialen Problemen auseinandersetzen und darüber gemeinsam diskutieren. Wenn solche Themen in der Schule behandelt werden, dann oft in sehr abstrakter Art und Weise – Kinder und Jugendliche sollten aber das Gefühl haben, dass es sie etwas angeht, sie mitreden können und ihre Handlungen Auswirkungen haben. Wenn die Fähigkeit und überhaupt die Bereitschaft zur kritischen Reflexion bei Kindern nicht geschult und gefördert werden, dann wird es auch schwer, sie als Heranwachsender und Erwachsener zu entwickeln. Hier möchten wir mit unserem vielfältigen Informations- und Kommunikationsangebot auf jeden Fall einen Beitrag leisten.

Das Interview führte Daniela Mahr für Reflecta.org

letzte Aktualisierung: 13.05.2016

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