Thema: Scherbenmädchen

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Mi**** (abgemeldet) (23) aus

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#1

Ich war damals vier. Ich kam vom Kindergarten heim und niemand war zuhause. Die Tür war offen und die Wohnung war still, so unheimlich still, dass ich jeden meiner Schritte laut und dröhnend wahrnahm. Ich spürte sofort, dass etwas richtig schlimmes passiert sein musste. 

Ich setzte mich auf die Küchenbank und zog die Beine an. Ich wartete und wartete und wartete, und dabei starrte ich an die Wand, die war unendlich weiß, ohne einen Flecken, so weiß. Ich machte die Reißverschlüsse meiner rosa Sandalen auf und zu und drehte den Saum meines gepunkteten Röckchens um den Zeigefinger. Ich fragte mich, wo sie sein könnten, meine Mutter, mein Vater und meine große Schwester Sofie. Aber irgendwann hörte ich auf nachzudenken, und ich starrte nur noch an die Wand, an die weiße Wand, und ich hörte der Uhr beim Ticken zu, sie tickte laut und bedrohlich, und trotzdem verging die Zeit nicht. Das Fenster war ganz weit offen, ich fror, aber ich machte es nicht zu. Es war Ende Oktober damals, und ich war vier Jahre alt. 

 

 

Heute bin ich zwölf. Ich denke nicht mehr oft an früher. Ich denke insgesamt nicht mehr sehr viel. 

Meine Mutter hat uns damals verlassen und mein Vater im Grunde auch, obwohl er ja da ist, er ist immer da, ständig, körperlich zumindest. Aber er lebt für den Alkohol und ich habe Angst vor ihm. Meine Schwester ist jetzt achtzehn und muss viel lernen. Ich weiß, dass sie mir helfen will, aber sie kann es nicht. Sie will das Abitur schaffen und dann will sie raus von hier, jeder will raus von hier, aus dem beschissenen Haus in der beschissenen Kleinstadt, und vor allem Weg von meinem beschissenen Vater. 

Es gibt nur eines, wofür ich meinem Vater dankbar bin. Er hat mich damals mitgenommen, wenn er mit dem Wagen zur Tankstelle gefahren ist. Auf der Tankstelle ist Zlatko. Und wenn es noch einen Menschen gibt in meinem Leben, dann ist das Zlatko. Ich glaube, ohne ihn wäre ich längst gestorben.

 

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Mi**** (abgemeldet) (23)

schrieb :

#2

Sie sagen, der Weg ist weit, und sie meinen damit den Weg zurück. Aber ich denke, ich kann gleich stehen bleiben, ich finde den Weg sowieso nicht mehr. Ich habe mich viel zu weit verlaufen zwischen Glasscherben und Dreck und nachtschwarzen Gedanken. Es gibt kein Zurück mehr für mich, ich kann nicht mehr nach Hause, nie mehr. 

 

Die Tür geht auf, das ist Sofie. Sie ruft: "Hallo!". Sie ruft es fröhlich, aber leise, sie weiß, er schläft. Er liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer und schläft und schnarcht, wie immer um diese Zeit, gestern kam er um vier in der Früh nach Hause, wie alle Tage. Er ist nicht betrunken und nicht nüchtern, er ist müde und laut und aggressiv. In dem Zustand haben wir am allermeisten Angst vor ihm, vor diesem seltsamen fremden Mann, der früher einmal mein Vater war. 

Sofie setzt sich an den Tisch. Ich bin diejenige, die das Essen kocht, seit fast drei Jahren mache immer ich das. Ich komme meist einige Stunden vor ihr von der Schule nach Hause. Ich richte Sofie das Essen her, ich kümmere mich um sie wie eine Mutter. Und Sofie kümmert sich um mich. "Wie war es in der Schule?", fragt sie, das fragen alle Mütter. Ich hatte nie eine Mutter, die mich sowas fragte. Aber ich habe Sofie. Sofie lächelt und umarmt mich, und wenn ich Angst habe in der Nacht, dann klettere ich zu ihr unter die Decke. Im Grunde genommen brauche ich gar keine Mutter. 

Wir laufen viel herum, Sofie und ich. Wir gehen spazieren, immer denselben Weg, die Schotterstraße zwischen dem Fluß und den Bahngleisen. Es ist schön dort, und wir sind immer ganz alleine dort, wir haben unsere Ruhe und brauchen uns nicht zu fürchten. Daheim haben wir Angst, da wagen wir nicht viel zu reden, aber hier schütten wir einander das Herz aus. Nachher geht es uns besser. 

Aber was Sofie heute sagt, das beunruhig mich. Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen. Ich denke nach und denke nach, ich werfe mich von einer Seite auf die andere, ich habe Angst und bin müde und kann nicht schlafen, aber heute möchte ich nicht zu Sofie ins Bett kommen. Ich denke, dass ich dafür im Grunde genommen schon viel zu groß bin. 

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