"Magersüchtige haben beim Essen das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun"

Was sind Ess-Störungen? Frau Dr. Monika Gerlinghoff im Interview

Teil 3 von 4

von Sandra Müller

Viele Jugendliche leiden an Magersucht oder Bulimie. Frau Dr. Monika Gerlinghoff arbeitet als Ärztin und Psychotherapeutin am Therapie-Zentrum für Ess-Störungen in München. Sie hat zahlreiche Fachbücher und Ratgeber zum Thema Ess-Störungen veröffentlicht. Mit dem Hellen Köpfchen spricht sie über Ursachen und Heilungschancen der verschiedenen Krankheitsbilder und über ihre Erfahrungen mit den Betroffenen.


Frau Dr. Monika Gerlinghoff arbeitet in einem Münchner Therapie-Zentrum für Ess-Störungen. (Quelle: Monika Gerlinghoff)

Helles Köpfchen: Was genau versteht man unter Magersucht?
Monika Gerlinghoff: Magersucht ist eine klar definierte Krankheit. Zu ihren Merkmalen gehören: ein selbst herbeigeführtes Untergewicht durch Hungern und extreme sportliche Aktivitäten, eine panische Angst, wieder zuzunehmen, eine krankhaft verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers (zum Beispiel sich zu dick fühlen, obwohl man erheblich untergewichtig ist), ein unangemessener Einfluss des Gewichtes oder der Figur auf das Selbstwertgefühl und das hartnäckige Leugnen, krank zu sein. Ein weiteres Merkmal bei Mädchen ist das Ausbleiben oder nicht Eintreten der Periode.

HK: Worin bestehen die Unterschiede zwischen Magersucht und Bulimie?
Gerlinghoff: Bei Bulimie ist das Körpergewicht normal. Charakteristisch sind Heißhungeranfälle, bei denen große Mengen an Nahrung verschlungen werden. Die Betroffenen haben dabei das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren zu haben. Anschließend werden so genannte kompensatorische (heißt: ausgleichende, entgegenwirkende) Maßnahmen getroffen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern, wie zum Beispiel selbst herbeigeführtes Erbrechen, Einnahme von Abführmitteln oder entwässernden Medikamenten sowie auch gesteigerte Bewegungen wie zum Beispiel Joggen, Rad fahren, Besuch eines Fitnessstudios und so weiter. Heißhungeranfälle können mehrmals am Tag auftreten. Bei der Diagnose einer Bulimie treten mindestens zwei Heißhungeranfälle pro Woche über drei Monate auf.

Es gibt ursächliche Faktoren wie Veranlagungen und gesellschaftliche sowie familiäre Bedingungen. Auslöser einer Ess-Störung können bestimmte Ereignisse im Leben sein, wie der Verlust einer Bezugsperson. (Quelle: Photocase / osmane)

HK: Was genau steckt hinter den Ess-Störungen? Was ist der Auslöser dafür oder was könnte ein Auslöser sein?
Gerlinghoff: Die genaue Ursache der Ess-Störungen ist nicht bekannt. Fachleute sprechen von mehreren ursächlichen Faktoren, die mit unterschiedlich starkem Einfluss eine Ess-Störung bewirken. Dazu gehören individuelle, familiäre und soziokulturelle (gesellschaftlich-kulturelle) Bedingungen. Von besonderer Bedeutung sind nach heutiger Überzeugung biologische Faktoren wie zum Beispiel eine genetische Disposition (also eine erbliche Veranlagung).

Auslöser einer Ess-Störung müssen von den ursächlichen Faktoren getrennt werden. Beispiele für Auslöser können bestimmte Ereignisse im Leben sein, wie der Verlust oder drohende Verlust einer Bezugsperson (Scheidung der Eltern, Tod eines Elternteils), Umzug, ein längerer Auslandsaufenthalt, eine wichtige Prüfung oder das Erleben von Mobbing (Schickanieren durch Mitschüler oder durch Kollegen am Arbeitsplatz ).

HK: Wie ist der Krankheitsverlauf bei Magersucht?
Gerlinghoff: Magersucht beginnt am häufigsten um das 14. Lebensjahr herum. In den letzten Jahren wird nicht selten ein früherer Krankheitsbeginn beobachtet. Meist vergehen mehrere Jahre, bis eine Behandlung durchgeführt wird. Die Therapie ist oft schwierig und verläuft nicht geradlinig. Bei etwa einem Drittel spricht man von einem chronischen (lange andauernden) Verlauf.

HK: Welche Gedanken gehen Betroffenen durch den Kopf, wenn sie Bilder von anderen Magersüchtigen sehen?
Gerlinghoff: Spontan sicher: "Ist sie dünner als ich?" Dieses Konkurrenzdenken verliert sich im Verlauf der Therapie.

HK: Welche Gefühle haben Betroffene, wenn sie essen?
Gerlinghoff: Magersüchtige haben lange Zeit beim Essen das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, egal, wie viel sie essen. Sie sagen, sie können nicht essen, auch wenn sie es wollten. Das Nicht-Essen-Können ist ein wesentliches Merkmal der Krankheit. Es hat einen Zwangscharakter und ist von erheblicher Auswirkung auf das therapeutische Vorgehen.

HK: Bringt es etwas, wenn Familienangehörige ihr eigenes Essverhalten ändern, häufiger kochen, größere Mengen an Lebensmitteln einkaufen, um die Magersüchtige zum Essen anzuregen?
Gerlinghoff: Nein, überhaupt nichts! Dabei nehmen höchstens die Angehörigen an Gewicht zu, keinesfalls aber die Magersüchtigen. Wenn der Druck der Angehörigen zunimmt, nehmen auch die Auseinandersetzungen zu. Möglicherweise kommt es bei einer Betroffenen dann zu einem bulimischen Verhalten.

Auch der Einfluss der Medien bei Magersucht oder Bulimie ist nicht zu unterschätzen. Die Betroffenen haben meist ein geringes Selbstwertgefühl. (Quelle: Photocase / blindfolded)

HK: Welchen Einfluss haben die Medien auf die Heranwachsenden hinsichtlich des Schönheitsideals?
Gerlinghoff: Der Einfluss der Medien auf die Entwicklung einer Magersucht ist nicht zu unterschätzen, wenn man bedenkt, dass die Betroffenen meist ein geringes Selbstwertgefühl haben und zur Perfektion neigen, sodass entsprechende Vorbilder sich negativ auswirken können.

HK: Würden Sie sagen, dass die Zahl der Menschen, die an Ess-Störungen leiden, zugenommen hat?
Gerlinghoff: Die Zahl der Bulimie-Kranken hat sicher zugenommen. Bei der Magersucht ist das nicht ganz so sicher zu sagen, sicherlich kommen heute mehr Betroffene in Behandlung, und in der Öffentlichkeit wird mehr über Ess-Störungen gesprochen.

HK: Die umstrittene Casting-Show "Germany’s Next Topmodel" geht in die zweite Runde. Eine Teilnehmerin war damals abgelehnt worden, da sie "zu dick" sei.
Gerlinghoff: Es gibt sicher Tätigkeiten oder Berufe mit deutlich erhöhtem Risiko, eine Magersucht zu entwickeln. Dazu rechnen wir natürlich die Models (oder solche, die ein Model werden möchten), aber auch eine Reihe von Sportarten (zum Beispiel Kunstturnen, Leichtathletik oder Balletttanzen). Wir zählen das zu den soziokulturellen Einflüssen, die für die Entwicklung einer Bulimie sicher von größerer Bedeutung sind. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Anorexia nervosa (Magersucht) zum Beispiel schon 1874 beschrieben wurde und den Ärzten in London und Paris damals nicht unbekannt war, obwohl es keine Massenmedien und keine Werbung gab.

HK: Die Madrider Modemesse hat dünne Models vom Laufsteg verbannt. Ist das eine erste positive Veränderung in der Modewelt?
Gerlinghoff: Das ist sicher eine positive Entwicklung, um bulimisches Verhalten zu reduzieren. Ob dadurch der Ausbruch einer Magersucht verhindert werden kann, muss bezweifelt werden.

HK: Haben Betroffene das Gefühl, von Eltern und Freunden verstanden zu werden?
Gerlinghoff: Eher nicht! Magersüchtige Verhaltensweisen kann ein Nicht-Magersüchtiger kaum nachvollziehen. Die einzigen, die Betroffene wirklich verstehen, sind andere Essgestörte. Deshalb praktizieren wir ein auf Ess-Störungen spezialisiertes Therapiemodell in Gruppen. Viele unserer PatientInnen sagen spontan, hier fühlten sie sich erstmals (von den anderen PatientInnen) verstanden.

Anfänglich sind Betroffene oft überzeugt, ihr Essverhalten jederzeit ändern zu können. Sie wehren sie sich lange gegen eine notwendige Therapie. Nicht wenige erkennen den Schweregrad erst im Verlauf einer Behandlung. (Quelle: Photocase / don tango)

HK: Der entscheidende erste Schritt bei der Behandlung ist es, die Ess-Störung als Krankheit zu akzeptieren. Wissen die meisten Betroffenen, dass sie krank sind?
Gerlinghoff: Das ist eine Frage der Zeit. Magersüchtige betrachten ihre Magersucht lange Zeit als Lebensinhalt, der ihnen das Gefühl gibt, etwas Besonderes, Einmaliges zu sein. Außerdem sind sie der Überzeugung, ihr Essverhalten jederzeit ändern zu können, wenn sie es nur wollen. Somit wehren sie sich gefährlich lange gegen eine notwendige Therapie. In späteren Stadien der Krankheiten ahnen die meisten Betroffenen, dass sie krank sind, nicht wenige erkennen den Schweregrad erst im Verlauf einer Behandlung. Bulimisch Kranke sehen anfänglich etwas Positives in ihrer Erkrankung: Sie freuen sich darüber, alles, was sie wollen essen zu können, ohne dabei zuzunehmen. Sie sehen in den Heißhungeranfällen eine gute Möglichkeit, negative Gefühle, wie Kränkungen, Verletzungen oder Ängste "wegzuessen".

HK: Wird einer Therapie immer freiwillig zugestimmt?
Gerlinghoff: Nein, manchmal lassen sich Magersüchtige auf Druck der Angehörigen behandeln. Sehr selten muss bei Lebensbedrohung eine "Gewichtsnormalisierung" auch gegen den Willen eines Betroffenen durchgeführt werden. Alle psychotherapeutischen Verfahren machen aber nur Sinn, wenn sie mit Einverständnis und nicht gegen den Willen eines/ einer Kranken durchgeführt werden. Wir müssen uns deshalb sehr darum bemühen, Betroffene zu einer Behandlung zu motivieren. Wir halten deshalb Maßnahmen zur Prävention (Vorbeugung) für besonders wichtig. Wir haben einige Bücher zusammen mit unseren Patientinnen geschrieben, wobei die Texte der Betroffenen als besonders motivierend empfunden werden. Auch unsere Wanderausstellung "Is(s) was?!" ist eine gute Möglichkeit, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Die Jugendlichen gewinnen während der Therapie an Selbstbewusstsein. Sie bekommen Unterstützung von Gruppenmitgliedern und lernen, ihre Probleme zu bewältigen (Quelle: Photocase / ninino)

HK: Welche Möglichkeiten gibt es bei der Therapie?
Gerlinghoff: Es gibt verschiedene Methoden, die als Einzel- oder Gruppentherapie ambulant (ohne Krankenhausaufenthalt), teilstationär und stationär (im Krankenhaus) angewandt werden. Medikamente können unterstützend bei bestimmten Symptomen wie zum Beispiel depressiven Verstimmungen eingesetzt werden.

Wir bevorzugen ein verhaltenstherapeutisches Gruppenkonzept, das aus verschiedenen Bausteinen zusammengesetzt ist. Dazu gehören: Ess-Programm, Verhaltenstherapie, Körperwahrnehmungs- und Ausdrucktherapie, kreative Therapie, Entspannung und ein therapeutisches Wohnprogramm.

HK: Inwiefern führt die Therapie eine Veränderung bei den Jugendlichen herbei?
Gerlinghoff: Wir sind davon überzeugt, dass Jugendliche, ob essgestört oder nicht, von unserer Art der Therapie nur profitieren können. Sie lernen, sich zu behaupten, abzugrenzen und eine eigene Meinung zu äußern, erfahren die Hilfe und Unterstützung der Gruppenmitglieder und gewinnen an Selbstbewusstsein sowie ein Stück an praktischer Lebenskompetenz.

HK: Wie erfolgreich ist die Behandlung bei Magersucht und Bulimie?
Gerlinghoff: Pauschal gesagt, es gelingt der Hälfte bis Zweidrittel der Betroffenen, ihre Ess-Störung zu beherrschen. Je kürzer die Krankheitsdauer, desto besser sind die Behandlungserfolge.

letzte Aktualisierung: 12.11.2009

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