Die Super-Lehrerin

Der Stern hat Realschullehrerin Ingrid Timm zur "Lehrerin des Jahres" gekürt

von Kai Hirschmann - 03.06.2005

Als eines Morgens das Magazin Der Stern anrief und ihr mitteilte, dass sie zu den zehn besten Lehrerinnen Deutschlands gehöre, da konnte sie es kaum glauben. Sie suchte erst einmal die versteckte Kamera. Nun ist Ingrid Timm, 55, aus Wiesbaden sogar zu "Deutschlands Lehrerin des Jahres" gekürt worden. Das Helle Köpfchen hat sich mit ihr unterhalten.

Die 55-jährige Ingrid Timm trifft sich auch sonntags mit Schülern, um ihnen zu helfen. (Quelle: Kai Hirschmann (Helles Köpfchen))

Helles Köpfchen: Wie wird man "Lehrerin des Jahres"?
Ingrid Timm: Meine Klasse hat einen tollen Brief an den Stern geschrieben. Ich wusste davon gar nichts. Erst als ein Redakteur des Magazins anrief, erfuhr ich davon. Ich sollte eine der zehn besten Lehrerinnen Deutschlands sein. Das konnte ich gar nicht glauben. Da ist doch bestimmt irgendwo eine versteckte Kamera, habe ich gedacht. Und dann wurde mir am letzten Sonntag feierlich der Preis als beste Lehrerin Deutschlands überreicht. Eigentlich konnte ich es da immer noch nicht fassen.

Helles Köpfchen: Wie fühlen Sie sich so als beste Lehrerin Deutschlands?
Ingrid Timm: Natürlich habe ich mich riesig gefreut, als ich es endlich kapiert hatte, dass das alles kein Traum ist. Und nun habe ich die Chance, einmal etwas gegen das schlechte Ansehen der deutschen Lehrer zu tun. In den letzten Tagen waren schon SAT1, RTL, der Hessische Rundfunk, der Südwestdeutsche Rundfunk, Radio RPR, der Stern, der Spiegel und das Helle Köpfchen da.

Helles Köpfchen: Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Ingrid Timm: Das Tollste ist, dass ich nun weiß, dass meine Schülerinnen und Schüler so viel von mir halten. Bei diesem Preis haben nämlich nicht irgendwelche Experten den Unterricht besucht und ausgewertet. Es ging einzig und allein darum, was Schülerinnen und Schüler über meine Arbeit denken. Und das Lob muss toll gewesen sein. Eine schönere Auszeichnung kann ich mir nicht vorstellen.

Helles Köpfchen: Was machen Sie anders als andere Lehrer?
Ingrid Timm: Ich finde es besonders wichtig, dass alle aus meiner Klasse nach dem Schulabschluss wissen, was sie dann machen wollen. Daher bemühe ich mich, dass jeder schon in der achten und neunten Klasse ein Betriebspraktikum macht. Und am Ende der Zehnten sorge ich dafür, dass jeder eine passende Lehrstelle hat - in einem Beruf, der auch wirklich zu ihm passt.

Obwohl die Lehrerin "sehr streng" zu ihren Schülern ist, ist sie sehr beliebt. (Quelle: Kai Hirschmann (Helles Köpfchen))

Helles Köpfchen: Woher wissen Sie, welcher Beruf am besten für einen Schüler geeignet ist?
Ingrid Timm: Dafür gehe ich in meiner Freizeit zu Fortbildungen, zu Jobmessen, besuche Betriebe und Banken und treffe mich mit Leuten von den Arbeitgeberverbänden. Dabei lerne auch ich eine ganze Menge. Das ist wirklich interessant. Und wenn ich einen Betrieb und die Leute, die dort arbeiten, kenne, dann kann ich viel besser beurteilen, ob einer meiner Schüler da glücklich werden kann.

Helles Köpfchen: Dafür müssen Sie Ihre Schüler aber sehr gut kennen, oder?
Ingrid Timm: Ich habe meine Klasse nun von der fünften bis zur zehnten Realschulklasse begleitet. Da kenne ich natürlich jeden ziemlich gut. Und wenn jemand neu von einer anderen Schule in meine Klasse kommt, dann sehe ich mir die Schulakte erst gar nicht an. Ich möchte mir mein eigenes Bild machen - ohne Vorurteile. Neulich habe ich mich dann mit einem Schüler unterhalten - und der hat mir gesagt, dass er früher ziemlich viele Probleme mit den Lehrern hatte. Das konnte ich gar nicht glauben. Denn bei mir ist er noch nie negativ aufgefallen.

Helles Köpfchen: Die zehnte Klasse, der Sie die Auszeichnung verdanken, wird schon bald von der Schule abgehen. Macht Sie der nahe Abschied traurig?
Ingrid Timm: Nach dieser Auszeichnung tut mir der Abschied von meiner Klasse diesmal noch mehr weh. Es ist echt schade, dass wir nur noch ein paar Wochen zusammen arbeiten.

In der Nachbarschaft der Kellerskopf-Schule gibt es nichts, was die Schüler reizen könnte, den Unterricht zu schwänzen. (Quelle: Kai Hirschmann (Helles Köpfchen))

Helles Köpfchen: Welchen Anteil an Ihrem Erfolg hat die Schule, in der Sie unterrichten?
Ingrid Timm: Ich habe großes Glück mit meiner Schule. Wir haben hier in der Kellerskopfschule einen recht geringen Ausländeranteil - alle sprechen gut deutsch. Das Umfeld der Schule und auch die meisten Elternhäuser sind intakt. Und die Schule liegt im Grünen. In der Umgebung ist wirklich nichts los, es gibt zum Beispiel keine Spielhallen. Doch den meisten Schülern macht das nichts aus. Es kommen sogar immer wieder Jugendliche aus der Innenstadt auf unseren Schulhof, um am Wochenende hier zu spielen. Ich denke, die meisten Schüler fühlen sich hier wohl.

Helles Köpfchen: Sind Sie eigentlich eine strenge Lehrerin?
Ingrid Timm: Ja, sehr streng. Sie haben ja bestimmt gemerkt, dass es sofort ruhig wurde, als wir in die Klasse gekommen sind. Meine Schüler wissen genau, dass es Zeit fürs Arbeiten und Zeit fürs Feiern gibt. Wenn wir Unterricht haben, dann ist Arbeiten dran. Aber wir machen natürlich auch mal Spaß. Die Jugendlichen akzeptieren das.

Helles Köpfchen: Haben Sie auch ein offenes Ohr nach der Schule, wenn Schüler Probleme haben?
Ingrid Timm: Natürlich, ich kann die Schüler doch nicht mit ihren Problemen alleine lassen. Erst letzten Sonntag rief mich eine Schülerin an, die einfach kein Material für ihre Präsentation finden konnte. Da habe ich was rausgesucht, es kopiert, und wir haben uns dann getroffen, um es gemeinsam durchzugehen.

In wenigen Wochen trennen sich die Wege von Lehrerin Ingrid Timm und ihrer Klasse. Der Abschied wird allen schwer fallen. (Quelle: Kai Hirschmann (Helles Köpfchen))

Helles Köpfchen: Am Sonntag? Ich bin beeindruckt. Machen Sie noch mehr für Ihre Schüler?
Ingrid Timm: Wenn ein Schüler mal länger krank ist, dann muss ich natürlich zu ihm nach Hause kommen, damit er nachmittags Einzelunterricht bekommt. Er kann ja nicht nur wegen einer Krankheit nicht mehr beim Stoff mitkommen. Und neulich hat auch mal wieder ein ehemaliger Schüler, der jetzt aufs Gymnasium geht, bei mir angerufen. Er wusste nicht weiter bei einem Referat. Da haben wir uns sonntags getroffen und sind das Referat zusammen durchgegangen.

Helles Köpfchen: Wie kommt Ihre Familie damit klar, dass Sie soviel Freizeit für Ihre Schüler opfern?
Ingrid Timm: Manchmal fragt mich meine 15-jährige Tochter, ob ich denn überhaupt noch zu Hause wohne. Mein Mann, meine Tochter und mein 18-jähriger Sohn haben sich aber daran gewöhnt, dass ich verrückt bin. Ich gehe eben in der Arbeit auf und bin dann auch gut gelaunt. Und davon hat auch meine Familie etwas.

Helles Köpfchen: Wollten Sie eigentlich schon immer Lehrerin werden?
Ingrid Timm: Ja, das war mein Traumberuf. Dabei habe ich während meines Studiums auch in viele andere Berufe reingeschnuppert - zum Beispiel auf einer Entbindungsstation. Das war wirklich sehr interessant. Aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich wirklich nur eines sein möchte: Lehrerin.

letzte Aktualisierung: 15.08.2009

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