Musik - Faszinierende Klänge und Wunderwaffe

Kinderuni: Trommeln und fremde Töne des Orients

09.11.2005

Trommelschläge kündigen zu Beginn der Vorlesung etwas Großes an. Dann schallt ohrenbetäubende, orientalische Musik durch den Hörsaal. Plötzlich sind die türkischen Musiksoldaten in der Kinderuni Mainz zum Leben erwacht - und ziehen die jungen Zuhörer in ihren Bann.

Die Musik der Janitscharen hat einst ganze Armeen erstarren lassen. Auf die Kinderuni-Teilnehmer macht sie heute noch Eindruck. (Quelle: S. Müller / K. Hirschmann (Helles Köpfchen))

Einige Teilnehmer an der Kinderuni-Vorlesung haben sich bei der lauten, seltsamen Musik erst einmal die Ohren zugehalten. Andere Kinder haben dagegen spontan auf ihren Pulten mitgetrommelt. Genau diese beiden völlig unterschiedlichen Reaktionen auf die unbekannte Musik wollte Ludwig Striegel auch erreichen.

"Es ist völlig normal, wenn diese fremdartige Musik bei einigen unter uns Angst und Abwehr auslöst", erklärte der Professor für Musikwissenschaft den Kindern. "Wer sich aber auf die orientalischen Klänge einlässt, wird vielleicht bald auch fasziniert in eine völlig andere Welt eintauchen."

Musiker sind die besten Soldaten

Die reitenden Janitscharen-Musiker verbreiteten früher Angst und Schrecken. (Quelle: Wikipedia)

Ludwig Striegel verblüfft seine jungen Zuhörer mit einer seltsam klingenden Aussage: "Musik kann eine Waffe sein", sagte der Professor. Und dann erzählt er die Geschichte der kriegerischen Musiker, die in der türkischen Armee "Janitscharen" hießen. Im 17. Jahrhundert spielten diese musikalischen Soldaten eine herausragende Rolle. Sie waren ein wichtiger Teil der Eliteeinheit des Heeres der Osmanen, wie sich die Türken früher nannten. Die Janitscharen-Krieger gehörten damals zu den besten und gefürchtetsten Soldaten der Welt.

Die gewaltigen Trommelschläge der Janitscharen drangen den Gegnern der türkischen Streitkräfte schon durch Mark und Bein, wenn sie den Feind noch gar nicht sehen konnten. Und die rauen, für Europäer fremdländischen Töne, die über das Schlachtfeld dröhnten, ließen den Gegnern das Blut in den Adern gefrieren. Auf diese Weise wirkte die osmanische Armee noch größer und mächtiger, als sie ohnehin schon war. Viele feindliche Soldaten bekamen es noch vor Beginn der Schlacht mit der Angst zu tun und ergriffen die Flucht.

Ganze Städte erzittern

Die Plätze sind wieder einmal bis auf den letzten Platz belegt. (Quelle: S. Müller / K. Hirschmann (Helles Köpfchen))

Die Janitscharen wussten genau, wie bedrohlich ihre Musik auf den Gegner wirkte. Auch bei der Belagerung großer Städte waren ihre Instrumente eine große Hilfe. Eine orientalische Melodie nach der anderen nervte die Stadtbewohner am Tag und ließ sie nachts nicht schlafen. Die Musik dröhnte täglich stundenlang über die Stadtmauern, manchmal viele Wochen oder sogar Monate lang. Dank der Musiker gaben die verzweifelten Bewohner zahlreicher Städte entnervt auf und wurden dann von den Janitscharen-Kriegern überrannt.

Diese Strategie war sehr erfolgreich. Ende des 17. Jahrhunderts eroberten die Osmanen ganz Osteuropa und standen 1683 sogar vor den Toren Wiens. Den Kampf um die Hauptstadt Österreichs hat das türkische Heer jedoch verloren. Nachdem Österreich und das Osmanische Reich im Jahre 1699 Frieden geschlossen hatten, verlor die türkische Armee und mit ihr die Janitscharen ihren Schrecken.

Ein Merliton zum selber basteln

Professor Striegel und seine Studenten reißen mit fremdartiger Musik den ganzen Höhrsaal mit. (Quelle: S. Müller / K. Hirschmann (Helles Köpfchen))

Der sanftmütig gewordene türkische Sultan entsandte in der Folgezeit sogar einige seiner besten Janitscharen-Musiker an den österreichischen Hof, um gemeinsam mit dem Wiener Staatsorchester Musikstücke zu proben und aufzuführen. So hielten Instrumente in die europäische Musik Einzug, die dort bis dahin völlig unbekannt waren. Zu Geige, Kontrabass und Blechbläsern gesellten sich die orientalischen Klänge des Schellentamburins, der Triangel und der Zimbel.

Besonders fremd klingt auch heute noch das Merliton. "Das kann wirklich jeder spielen, denn man singt einfach hinein", erläutert der Musik-Professor. Dabei hält er stolz ein wertvolles altes Flöteninstrument hoch. Ein ähnliches Instrument kannst du dir auch selber bauen: Nimm eine ganz billige Flöte und verschließe alle Löcher bis auf das Daumenloch mit Klebestreifen. Dann spannst du eine Plastikfolie zwischen Flötenober- und unterteil. Wenn du nun in dein selbst gebasteltes Merliton hineinsummst, dann erklingt ein schnarrender Klang, der an orientalische Musik erinnert.

Orientalische Klänge in der Klassik

Im 18. Jahrhundert wurde der orientalische Einfluss in der klassischen Musik stärker - so interessierte sich der junge Mozart für die Musik der Janitscharen. (Quelle: Wikipedia)

Im 18. Jahrhundert wurde der orientalische Einfluss in der klassischen Musik stärker. Der junge Wolfgang Amadeus Mozart zum Beispiel war fasziniert von den fremdartigen Tönen der Janitscharen-Musik. Daher baute er orientalische Klänge in seine Oper "Die Entführung aus dem Serail" und den "Türkischen Marsch" ein.

"Wenn man sich einlässt auf das Fremde, dann kann man eine bunte Welt und so manches Abenteuer erleben", schloss Professor Striegel seine Vorlesung. Zum Abschluss bekamen er und seine Helfer tosenden Applaus von den Kinderuni-Besuchern. "Die Vorlesung war toll. Vor allem die Musik war echt spannend", sagte Teilnehmer Christian. "So etwas habe ich vorher noch nie gehört." Seine Freunde stimmten ihm voll und ganz zu.

Die nächste Kinderuni-Vorlesung in Mainz findet am Samstag, 26. November, im Hörsaal RW1 im Haus Recht und Wirtschaft der Johannes Gutenberg-Universität statt. Das Thema lautet "Bunte Tierwelten: Können Fische Farben sehen?" Darin erfährst du, warum es für einige Tiere sehr wichtig ist, bunt zu sein. Wie immer kannst du anschließend wieder alles auf der Helles-Köpfchen-Seite nachlesen.

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letzte Aktualisierung: 26.09.2011

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