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Johannes Rau ist tot

07.02.2006

In einer großen Trauerfeier haben 1500 Menschen im Berliner Dom Abschied vom ehemalige Bundespräsident Johannes Rau genommen. Anschließend wurde er im Kreis seiner Familie beerdigt. Der beliebte Politiker war am 27. Januar, wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag, an einer schweren Krankheit gestorben.

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Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau wurde 75 Jahre alt.
AntonioCruz / ABr.
Sein Lebensmotto lautete "versöhnen statt spalten". Von 1999 bis 2004 war Johannes Rau Deutscher Bundespräsident und damit der ranghöchste deutsche Politiker. Er schaffte es oft, auch in schwierigen Situationen den richtigen Ton zu treffen und Menschen dazu zu bewegen, aufeinander zuzugehen. Nur elf Tage nach seinem 75. Geburtstag ist Johannes Rau in Berlin gestorben.

Deutschland trauert um einen großen Politiker, der in der ganzen Welt hoch geachtet wurde. Der 1931 in Wuppertal geborene Johannes Rau hatte sich schon als junger Mann seit den frühen 1950er Jahren politisch engagiert: von 1952 bis 1957 in der "Gesamtdeutschen Volkspartei" (GVP), danach in der "Sozialdemokratischen Partei Deutschland" (SPD). Von 1978 bis 1999 war er Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. 1999 hat ihn die Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt.

Dieses Amt übte Johannes Rau mit viel Würde aus. Er war ein sehr beliebter Politiker. Er fühlte sich als Ansprechpartner für alle Menschen, die in Deutschland ihre Heimat gefunden haben - egal, ob sie nun einen deutschen Pass besaßen oder nicht. Über seine Rolle als Bundespräsident sagte er in seiner Antrittsrede: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer anderer Völker verachtet. Ich will ein Patriot sein." Am Ende seiner Amtszeit im Jahr 2004 hielten acht von zehn Deutschen Johannes Rau für einen sehr guten Bundespräsidenten.

Versöhnende Worte in Israel

Johannes Rau war einer der beliebtesten SPD-Politiker.
Johannes Liebmann / Wikipedia

Besonders ein Ereignis aus seiner Amtszeit blieb den Menschen im Gedächtnis: Am 16. Februar 2000 durfte er als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor dem israelischen Parlament, der Knesseth, sprechen - und das sogar auf Deutsch, der Sprache derer, die in der Nazizeit viele Millionen Juden ermordet hatten. Darum hat es vor seiner Rede heftige Kritik gegeben. Der damalige israelische Parlaments-Präsident Avraham Burg kündigte den deutschen Gast deshalb mit folgenden Worten an: "Deutsch ist nicht nur die Sprache von Adolf Hitler und Heinrich Himmler, sondern auch von Heinrich Heine, Siegmund Freud und Albert Einstein." Er wollte damit klarstellen, dass es nicht auf die Sprache ankommt, sondern auf die Worte.

Und Johannes Rau fand tatsächlich genau den richtigen Ton: "Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben." Einige Abgeordnete, die vor der Rede aus Protest den Raum verlassen hatten, kamen zurück und spendeten Rau am Ende Applaus. Johannes Rau hat dazu beigetragen, dass tiefe jüdische Wunden, die in der schrecklichen NS-Zeit entstanden sind, endlich heilen konnten.

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Versöhnung lag Johannes Rau sein ganzes Leben lang am Herzen. So hatte er bereits vor seiner historischen Rede das Land Israel schon mehr als 30 Mal besucht und immer wieder versucht, im Nahost-Konflikt zwischen Juden und Palästinensern zu vermitteln. Auch in den 76 anderen Länder, die Johannes Rau als Bundespräsident bereiste, vertrat er Deutschland als ein weltoffenes, verantwortungsbewusstes Landes.

Nicht nur den Preis, sondern auch den Wert kennen

"Bruder Johannes" "predigte" oft verantwortungsbewusstes Handeln.
Oak Ridge Associated Universities

Johannes Rau wollte dazu ermutigen, an seine Mitmenschen zu denken, statt als Einzelkämpfer immer nur seinen eigenen Vorteil im Blick zu haben. Wegen seiner sozialen Einstellung wurde er von seinen Freunden scherzhaft, aber auch mit viel Respekt "Bruder Johannes" genannt. Im Jahr 2003 hat er in einer Rede erklärt: "Ich habe Sorge, dass eine junge Generation heranwächst, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennt." Auch Politiker und Unternehmer in Deutschland forderte Rau oft zu mehr Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein auf.

Dabei ging er auch selbst mit gutem Beispiel voran. Als Schirmherr unterstützte er die Aktion "Schüler helfen Leben". Dabei arbeiten Schüler aus ganz Deutschland einen Tag lang, um das verdiente Geld für Hilfsprojekte auf der ganzen Welt zu spenden. Die Aktion heißt in manchen Bundesländern "Sozialer Tag", in anderen "Aktion Tagwerk".

Wenig Zeit für die Familie

Es gab auch Enttäuschungen und Niederlagen im Leben von Johannes Rau. So verlor er 1987 als Kanzlerkandidat der SPD die Bundestagswahl gegen Helmut Kohl. Auch mit dem ersten Versuch, Bundespräsident zu werden, scheiterte er 1994 am damaligen CDU-Kandidaten Roman Herzog. Im zweiten Anlauf hat er es 1999 dann doch geschafft.

Nachdem sich die Mehrheitsverhältnisse in den Bundesversammlung geändert hatten und es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, trat Johannes Rau 2004 nicht mehr zu einer zweiten Amtszeit als Bundespräsident gegen den Unions-Kandidaten Horst Köhler an. Er wollte sich endlich mehr Zeit für seine Frau und seine drei erwachsenen Kinder nehmen. Im vergangenen Jahr musste Rau - er war Jahrzehntelang Kettenraucher - jedoch zwei schwere Operationen über sich ergehen lassen, von denen er sich nicht mehr richtig erholte. Selbst zu seiner eigenen großen Feier zu seinem 75. Geburtstag am 16. Januar, die sein Nachfolger Horst Köhler für ihn organisiert hatte, konnte er wegen seiner schlechten Gesundheit nicht kommen. Am 27. Januar 2006 ist Johannes Rau im Kreise seiner Familie gestorben.

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letzte Aktualisierung: 15.08.2009

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