Medikamententests: Kinder als "Versuchskaninchen"

In indischer Klinik starben viele Babys auf ungeklärte Weise

von Christoph Hühnergarth - 14.10.2008

Auf der Kinderstation eines indischen Krankenhauses sind innerhalb der vergangenen zwei Jahre 49 Babys unter ungeklärten Umständen gestorben. "Diese Kinder hatten schwere Krankheiten", behauptet die Klinikleitung. Die schockierten Eltern hingegen befürchten, dass ihre Kinder Opfer misslungener Experimente mit neuartigen Medikamenten geworden sind. Zunehmend lassen westliche Pharmafirmen ihre Medikamente an Menschen in ärmeren Ländern wie Indien statt in Deutschland testen. Dabei wird deren Unwissenheit und Armut oft schamlos ausgenutzt.

Das All India Institute of Medical Sciences in Delhi genoss einen sehr guten Ruf, bis es wegen 49 ungeklärten Todesfällen von Säuglingen in die Schlagzeilen geriet. (Quelle: Wikipedia)

Zweifellos sind die Kleinkinder gestorben, während die Ärzte des bekannten Universitätskrankenhauses in Indiens Hauptstadt Delhi Arzneimitteltests an den Kleinkindern durchführten. Ob es aber einen Zusammenhang zwischen den Medikamententests und dem Tod der Kleinkinder gab, lässt sich kaum nachweisen.

Die Klinik weist jede Schuld von sich: "Die Zustimmung muss immer eingeholt werden, bevor ein Medikament zu Testzwecken verabreicht wird. Die wurde in diesem Fall auch von den Eltern eingeholt. Auch mit Unterschrift."

Der indische Arzt und Journalist Dr. Chandra Gulhati bezweifelt jedoch, dass die Eltern ausreichend informiert waren: "Ich glaube nicht, dass irgendjemand von den Eltern die blasseste Ahnung hatte, was da los war." Hinzu kommt, dass in Indien rund die Hälfte aller Menschen aufgrund fehlender Schulbildung weder lesen noch schreiben kann.

Pillen schlucken für ein paar Rupien

Eltern befürchten, dass Experimente mit bisher ungetesteten Medikamenten außer Kontrolle gerieten und den Tod ihrer Kinder mit verursachten. (Quelle: Pixelio)

Die schweren Vorwürfe der Eltern gegen das bisher für seinen guten Ruf bekannte Krankenhaus haben in Indien für Aufregung gesorgt und das Thema Medikamententests in den Vordergrund gerückt. Westliche Pharmaunternehmen - also Firmen, die Medikamente entwickeln - testen ihre Produkte gern in Indien, weil die Tests dort teilweise nur 20 Prozent von dem kosten, was in Ländern wie Deutschland gezahlt werden müsste.

Die oftmals verarmte Landbevölkerung hat kaum eine andere Wahl, als sich auf "verlockende", aber zweifelhafte Angebote einzulassen: Für ein paar hundert Rupien (die indische Währung, 100 Rupien entsprechen etwa 1,5 Euro) muss die Testperson eine bestimmte Medizin schlucken. Mittlerweile ist Indien nach China in Sachen Medikamententests Spitzenreiter.

Laut der indischen Regierung gab es im vergangenen Jahr landesweit 139 Testreihen - so viele wie in keinem anderen Land. Die Pharmaunternehmen nutzen aus, dass es so kostengünstig und einfach ist, in Indien Freiwillige zu finden, die sich selbst zu "Versuchskaninchen" machen lassen. Drei Viertel aller Inder, das bedeutet etwa 750 Millionen Menschen, sind so arm, dass sie sich gerade so am Leben halten können. Das Risiko eines medizinischen Tests nehmen viele in Kauf, um ein wenig Geld zu verdienen.

Medikamententesten als Nebenjob

In Armut lebenden Menschen fehlt oft die Bildung, um das Risiko von zweifelhaften Medikamententests einschätzen zu können. (Quelle: Pixelio)

Bevor Ärzte Medikamente verschreiben dürfen, müssen sie getestet werden - in der Regel im Labor und an Tieren, danach am Menschen. Die Tests laufen stets unter der Aufsicht von Ärzten ab, die die Gesundheit der Testperson nicht gefährden dürfen. Ein gewisses Risiko, dass unvorhergesehene Nebenwirkungen auftreten, bleibt aber immer bestehen.

In Deutschland bekommen Testpersonen deshalb eine recht hohe Vergütung für die freiwillige Teilnahme an solchen medizinischen Studien: Für regelmäßige Anwesenheit bei den Tests, die Einnahme der Medikamente und die Bereitschaft, die nötigen Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, kann man innerhalb eines Monats mehrere tausend Euro verdienen.

Um Geld zu sparen, führen mehr und mehr Pharmaunternehmen ihre Tests daher in Indien oder anderen ärmeren Ländern durch. Die dort lebenden Menschen stimmen risikoreichen Tests eher zu als die aus reichen Ländern, selbst wenn es ihre eigenen Kinder betrifft. Sie benötigen Geld und sind aufgrund der mangelnden Bildung oft nicht in der Lage, die Gefahren einzuschätzen. Weil sich in Europa oder Nordamerika kaum Eltern finden würden, die ihre Babys zu medizinischen Tests zur Verfügung stellen, weichen die Pharmafirmen zu Schwellenländern wie Indien aus - und nutzen damit die Unwissenheit der Menschen und deren ausweglose Situation schamlos aus.

letzte Aktualisierung: 20.12.2009

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