Amals großer Tag: Keine harte Kinderarbeit mehr

Teil 2 von 5

von Kindermuseum Frankfurt - 04.09.2005

Der elfjährige Amal aus Indien hat zwei Jahre lang als Teppichknüpfer gearbeitet, damit seine Familie ihre hohen Schulden abbezahlen konnte. Ohne das Tageslicht zu sehen und ohne sich mit den anderen Kindern unterhalten zu dürfen, musste er jeden Tag zwölf Stunden schuften. Doch jetzt beginnt endlich ein neues Leben für Amal. Gemeinsam mit seinen Geschwistern verdient er nun Geld, indem er Urlaubern die Sehenswürdigkeiten seiner Heimat zeigt.

Viele Kinder müssen Teppiche knüpfen, um Geld für ihre Familien zu verdienen. Die Arbeit ist sehr hart. (Quelle: Terre des Hommes, Dürr)

Amal steht an sein Pferd gelehnt, blinzelt in die Sonne und wartet. Er ist aufgeregt. Heute ist sein großer Tag, an dem er zum ersten Mal ganz alleine - ohne seinen älteren Bruder Lokesh - arbeitet. In den vergangenen beiden Wochen war Lokesh immer dabei. Ob er wohl alles richtig gelernt hat? Aber Amal hat keine Zeit mehr, darüber lange nachzudenken. Denn schon sieht er die ersten Feriengäste kommen. Viele Inder machen hier in Nainital, im Norden Indiens, Urlaub. Der Ort liegt in fast 2000 Metern Höhe an einem türkisfarbenen Bergsee. Im Sommer ist es angenehm kühl.

Dann ist es so weit. Über steinige Wege steigt Amal mit einer Gruppe Touristen auf einen Hügel über Nainital. Von dort schauen sie hinauf zu den schneebedeckten Gipfeln. Sie gehören zum Himalaja. Manche Berge sind mehr als 8000 Meter hoch. Amal nennt die Namen der Berge und zeigt den Gästen die Schönheiten der Landschaft. Zurück an der Pferdetränke am Seeufer bezahlen die zufriedenen Gäste Amal für den Ausflug. Nun kann er eine Pause machen. Er unterhält sich mit den anderen Fremdenführern, die auf Kundschaft warten, und striegelt sein Pferd.

Mit Feldarbeit wurde die Familie immer ärmer

Amal wartet mit anderen Fremdenführern auf Touristen. Er will ihnen die Schönheit des Himalaja zeigen. (Quelle: Kindermuseum Frankfurt)

Amal kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen, wie er noch vor wenigen Wochen leben musste. Dieses Leben begann vor ungefähr zwei Jahren, kurz nach seinem neunten Geburtstag. Damals war sein Bruder Lokesh 13 Jahre und seine Schwester Kamala fast zwölf Jahre alt. Er lebte mit ihnen, seiner Mutter und der kleinen Schwester Udaya in einem Dorf ganz in der Nähe von Nainital, dort wo sie auch heute noch wohnen.

Die Familie besaß einen Gemüsegarten und einen kleinen Acker Das Gemüse benötigte man fast immer für die eigenen Mahlzeiten. Doch manchmal verkaufte Kamala es auf dem Mark in Nainital. Für das Geld, das sie damit verdiente, konnte sie Sesamöl, Gewürze und Reis besorgen. Außerdem verkaufte Lokesh Armreifen aus Glas an Touristen. Obwohl die Mutter und die drei Kinder sehr viel arbeiteten, wurde die Familie immer ärmer. Etwas musste geschehen!

"Wir werden unser eigenes Geschäft aufmachen, Touristen unsere Bergwelt zeigen und in einer kleinen Teestube Erfrischungen anbieten." Kamala und Lokesh hatten diese gute Idee und dazu brauchten sie Geld. Ein Pferd musste her und eine kleine Bretterbude in Nainital sollte zu einer Teestube umgebaut werden.

Der Geldverleiher nahm Amal mit

Ins Nainital kommen viele Inder, aber auch ausländische Touristen. Die meisten Menschen hier sind sehr arm. (Quelle: Miserior)

Ein Geldverleiher lieh der Familie eine ordentliche Summe. Aber man musste ihm versprechen, dass ein Kind aus der Familie so lange für ihn arbeiten wird, bis das Geld zurückgezahlt ist. Amal war bereit, diese Arbeit als Schuldknecht zu übernehmen. Der Geldverleiher nahm ihn mit und verkaufte ihn gleich an einen anderen Händler weiter. Der steckte ihn in eine Werkstatt, in der Teppiche hergestellt werden. In einer engen Webhütte standen mehrere Knüpfrahmen. Das sind große, viereckige Holzrahmen, auf die Garnfäden von oben nach unten und ganz dicht nebeneinander gespannt sind.

Amal musste nach sehr komplizierten Mustern dünne, verschiedenfarbige Wollfäden an das Garn knoten. Er hockte neben vier anderen Kindern an einem Knüpfrahmen für breite Teppiche. Morgens um sechs begann der Arbeitstag, nach zwölf Stunden endete er. Nur manchmal gab es zwischendurch eine Pause.

Schweigen, husten und niesen

Amal liebt seine Heimat, das grüne Naimital in Indien. (Quelle: Kindermuseum Frankfurt)

Schon nach ein paar Wochen konnte Amal mit unglaublicher Geschwindigkeit die Knoten knüpfen. Er musste sich sehr konzentrieren und konnte kein Wort mit den anderen Kindern sprechen. Er durfte auf keinen Fall Wollfäden, die farblich nicht passten in das Muster knüpfen. Solche Fehler bedeuteten Prügel oder weniger Lohn. Es war sehr anstrengend, ganz ruhig vor dem Teppich zu sitzen und immer nur dieselben Bewegungen machen zu müssen. Gefährlich war die Arbeit auch. Den ganzen Tag über atmeten die Kinder den Wollstaub ein und mussten ständig husten und niesen. Abends war Amal immer furchtbar müde. Er schlief auf dem Boden - so wie die anderen Kinder auch - auf einer Matte zwischen den Knüpfrahmen.

Nie kam er raus an die frische Luft. Er sehnte sich danach, im Freien herumzutoben und mit den anderen Kindern zu spielen, Amal dachte oft darüber nach, warum er und mit ihm ungefähr 20.000 Kinder im Norden von Indien zu dieser Arbeit gezwungen werden. Für Kinder ist es oft sehr schwer, sich zu wehren und ihre Rechte einzufordern. Deshalb kann man sie herumkommandieren, ihnen drohen und sie schlagen. Kinder haben kleine Hände. Deshalb sind die von ihnen geknüpften Teppiche besonders fein. Außerdem kann man Kindern noch weniger Lohn als den Erwachsenen zahlen. So werden die Teppiche billiger und können besser verkauft werden, vor allem ins Ausland - auch nach Europa.

Nach zwei Jahren wurde Amal erlöst

Als Amal schon fast zwei Jahre in der Teppichknüpferei geschuftet hatte, bekam er eine Nachricht von seinen Geschwistern. Ihr Geschäft lief gut. Sie verdienten genug Geld, um die Schulden bei dem Verleiher abzuzahlen. Amal konnte wieder nach Hause. Das war ein großes Glück. Oft müssen Kinder viele Jahre in einer Teppichwerkstatt bleiben. Manchmal wissen die Eltern nicht einmal, wo ihre Kinder sind. Nun geht auch in Nainital ein Arbeitstag für Amal zu Ende.

Aber das ist für ihn heute etwas völlig anderes als früher in der Teppichknüpferei. Amal will arbeiten. Ihm ist es wichtig, etwas dafür zu tun, dass es der Familie gut geht. Hier verdient er vernünftig und muss nicht wie eine Maschine funktionieren. Außerdem hat er Zeit, um sich auszuruhen und zu lernen. Er geht wieder zur Schule. Bevor er zum Teppichknüpfen musste, war er schon zwei Jahre dort. In der Schule gibt es nur eine Lehrerin. Sie unterrichtet gleichzeitig alle Klassen in einem Raum. Amal muss ziemlich viel auswendig lernen, auch Dinge, die er noch gar nicht richtig verstanden hat. Das gefällt ihm nicht so gut. Er hat Unterricht in Hindi, Englisch und Rechnen. Er hofft, dass er nach den vier Jahren Grundschule weiter in die Schule gehen kann.

Amal macht sich auf den Heimweg. Er reitet in sein Dorf. Seine jüngere Schwester Udaya kommt ihm entgegengelaufen und er lässt sie auf das Pferd aufsitzen. Gemeinsam bringen sie es in den Stall im Erdgeschoss ihres Hauses. Im ersten Stock, in der Küche, warten schon Kamala, Lokesh und die Mutter. Alle setzen sich zum Abendessen im Schneidersitz auf den Fußboden. Bevor sie mit dem Essen beginnen, waschen sie ihre Hände der Reihe nach in einer Schüssel mit Wasser. Dann lassen sie sich den gut gewürzten Reis und das Gemüsecurry schmecken. Alle sind gespannt auf Amals Bericht von seinem ersten Tag als selbstständiger Touristenführer.

Mehr über das Leben von Kindern in den ärmeren Teilen der Welt erfährst du in der Ausstellung "WeltSpielZeug", die im Kindermuseum Frankfurt zu sehen ist.


(Quelle: Kindermuseum Frankfurt)

27. August 2005 bis 19. Februar 2006

im Kindermuseum des Historischen Museums

Saalgasse 19, 60311 Frankfurt am Main

Tel.: **49 (0)69-21 23 51 54

E-Mail: info.kindermuseum@stadt-frankfurt.de

Webseite: www.kindermuseum.frankfurt.de

letzte Aktualisierung: 11.03.2010

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