Der Igel - Gestachelter Überlebenskünstler

von Antje Leser

Fast jeder kennt das Märchen vom Hasen und vom Igel, bei welchem der Igel mithilfe seiner Frau den dummen Hasen beim Wettlauf überlistet. Doch ist der kleine Insektenfresser wirklich so gesellig? Igel gehören zu den besonders geschützten Tierarten. Wenn die Temperaturen im Herbst sinken, machen sich die kleinen Insektenfresser langsam auf die Suche nach einem geeigneten Winterquartier. Wie überstehen sie die kalte Jahreszeit und wie sieht ihr Lebensraum aus? Wer sind ihre natürlichen Feinde und wie funktioniert das mit dem Nachwuchs? Und was ist eigentlich ein Igelkarussell?

Ein ausgewachsener Igel hat mehr als 8.000 Stacheln. (Quelle: Kurt Nebehaj/ pixelio.de)

Als Insektenfresser zählt der Igel zu den ältesten Säugetieren der Welt. Schon vor 150 Millionen Jahren hat er gemeinsam mit den Sauriern die Erde bevölkert. Seiner Lebensweise als nachtaktives Tier und seinem beeindruckenden Stachelkleid hat er es zu verdanken, dass er bis heute überlebt hat. Unter den rund 25 Igelarten sind heute der in Europa lebende Braunbrustigel und der Nördliche Weißbrustigel die bekanntesten Vertreter. Sie gehören zu der Unterfamilie der Stacheligel (lateinisch "Erinaceinae"). In Ost- und Südostasien leben darüber hinaus die stachellosen Ratten- oder Haarigel (lateinisch "Galericinae" oder "Hylomyinae"). Zur Verwandtschaft der Igel zählen übrigens Maulwürfe und Spitzmäuse.

Auf Indogermanisch bedeutet Igel "Schlangenfresser". Lange nahmen Wissenschaftler an, dass Igel mit Begeisterung Schlangen fräßen. Heute weiß man jedoch, dass der kleine Nachtschwärmer kaum Gelegenheit hat, eine Schlange zu treffen, da sie zu den tagaktiven Tieren gehört. Darüber hinaus vertragen Igel nur bedingt größere Mengen an Schlangengift, weshalb die Schlange nicht unbedingt auf den Speiseplan des Igels gehört. Das Märchen vom Hasen und Igel wurde 1840 erstmalig auf Plattdeutsch unter dem Titel "De Has un de Swinegel" niedergeschrieben. Ein "Swinegel" spielte ursprünglich auf die schweineartige Schnauzenform des Igels an. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff zunehmend als Schimpfwort für jemanden benutzt, der unanständige Witze macht ("Schweineigel")

Von Einsiedlern, Schaumschlägern und Leckermäulern

Unter Gartenfreunden sind Igel gerne gesehen, weil sie auch Schnecken fressen. (Quelle: Nadine Kluth/ pixelio.de)

Igel sind Einzelgänger. Gerne halten sie sich in Gärten oder Parks auf, weshalb sie zu den "Kulturfolgern" zählen. Tagsüber schlafen sie in Laubhaufen, unter Hecken oder in alten Holzstößen. Ab Einbruch der Dämmerung durchstreifen sie allein ihr Revier, das bis zu 25 Hektar groß sein kann. Igel verteidigen ihr Revier nicht gegen andere Artgenossen.

Da sie nicht gut sehen können, verlassen sie sich auf ihre empfindlichen Ohren und die tolle Spürnase. Treffen sie auf einen unbekannten Gegenstand, schnuppern und kauen sie so lange darauf herum, bis sich schaumiger Speichel bildet. Diesen befördern sie zum Jacobsonschen Organ, einem Organ zwischen Rachen- und Nasenhöhle, das über eine kleine Öffnung im Gaumen direkt mit der Mundhöhle in Verbindung steht. Als zusätzliches Geschmacksorgan erkennt es, ob das unbekannte Fundstück genießbar ist oder nicht. Igel ernähren sich von Insekten, Regenwürmern und Larven. Unter Gartenfreunden werden sie gerne gesehen, weil sie auch Schnecken fressen. Allerdings mögen sie nur die jungen mit der weichen Schale. Ältere Schnecken oder sogar Nacktschnecken verschmähen sie, da sie ihnen zu schleimig sind. Darüber hinaus lieben sie Nüsse, Sonnenblumenkerne und Fallobst, das sie niemals freiwillig auf ihren Stacheln herumschleppen würden (häufig sieht man so etwas in Bilderbüchern).

Igel können eine Menge unterschiedlicher Laute ausstoßen. Bei Gefahr fauchen oder tuckern sie und bei Schmerzen oder Angst könne sie sogar richtig schreien. Umgarnen Igelmännchen ein Weibchen, schnaufen, brummen oder keckern sie unablässig. Igelsäuglinge lassen mitunter ein helles, an Vögel erinnerndes Zwitschern oder Pfeifen hören. Igel gehören laut Bundesnaturschutzgesetz zu den besonders geschützten Tierarten. Sie dürfen nicht gefangen, verletzt oder getötet werden.

Wehrhaft aber friedlich

Schon mit sechs Wochen gehen junge Igel auf Nahrungssuche. (Quelle: csontoslea/ sxc.hu)

Ein erwachsener Igel ist knapp 30 Zentimeter lang und wiegt etwa 800 bis 1.500 Gramm. Sein Stachelkleid besteht aus 8.000 bis 16.000 extrem spitzen Stacheln, die dicht nebeneinander angeordnet sind. Jeder einzelne Stachel hat einen eigenen Muskel, der sich bei Gefahr zusammenzieht, sodass sich die Stacheln kreuz und quer aufrichten. Selbst auf der Stirn befinden sich Stacheln, die der Igel wie ein Visier vor das Gesicht schiebt. Um den empfindlichen Bauch zu schützen, kugelt er sich komplett ein. Dabei spannt er seinen Ringmuskel an der Stachel-Fell-Grenze an.

Füchse, Marder, Iltisse oder Wildschweine haben keine Chance, an das zarte Igelfleisch zu kommen. Selbst Habichte oder Uhus wagen keine Angriffe, da ihre Schnäbel nicht an den zwei bis drei Zentimeter langen und zwei Millimeter dicken Stacheln vorbeikommen. Die Stacheln bestehen aus Keratin, einem eiweißhaltigen Stoff, der die Stacheln sehr stabil und biegsam macht. So kann der Igel sogar Stürze aus einiger Höhe abfedern. Im Laufe seines Lebens macht der Igel drei Stachelgenerationen mit. Bereits im Mutterleib werden die ersten weißen Stacheln (etwa 100 Stück) angelegt. Nach vier bis fünf Tagen beginnen sie auszufallen und machen den ersten "richtigen" Stacheln Platz. Sie sind etwas kürzer als die späteren Stacheln, haben aber bereits die typische dunkel gebänderte Färbung. Mit zwei bis vier Wochen sprießen die ersten Stacheln des Dauerkleides. Ab und zu verliert ein Igel ein paar Stacheln, sie wachsen jedoch schnell wieder nach. Da Igel ihr Stachelkleid nicht putzen können, leiden sie oft unter Flöhen, Zecken und anderen Parasiten.

Übrigens sind Igel keine Sprinter. Bei Gefahr rollen sie sich ein und warten, bis die Luft wieder rein ist. Leider kann sie das jedoch nicht vor einem heranbrausenden Auto schützen. Jährlich werden in Deutschland Tausende von Igeln überfahren.

Den Winter verschlafen

Ab November suchen sich Igel unter Holzstößen, Kompost- oder Laubhaufen ein Winterquartier. Sie dichten ihn mit Moos und Blättern ab und fallen bis in den Frühling in einen Winterschlaf. (Quelle: Oswald Fürtsch/ pixelio.de)

Igel sind die geborenen Überlebenskünstler. Im Sommer fressen sie sich einen Winterspeck an, der ihnen über die kalten Monate hinweghilft. Die Dicke der Fettschicht und das Körpergewicht sind entscheidend für den Zeitpunkt des Winterschlafs. Jungtiere und solche mit Untergewicht zögern den Winterschlaf noch eine Weile heraus, um sich doch noch ein paar Pfunde anzufuttern. Ab November etwa sagt ihnen ihr Instinkt, dass es Zeit ist, sich ein Winterquartier unter Holzstößen, Kompost- oder Laubhaufen zu suchen. Zum Schutz gegen Kälte und Wind dichten sie ihren Schlafplatz mit Moos und Blättern ab und ziehen sich darin zurück.

Dann fallen sie in einen Winterschlaf, der etwa bis April oder Mai dauert. Um eine so lange Zeit ohne Nahrung überbrücken zu können, schrauben Igel ihre Körperfunktionen auf ein Minimum zurück. Die Körpertemperatur sinkt von 36 Grad auf ein bis acht Grad ab. Fällt die Körpertemperatur unter null Grad, wird der Igel jedoch durch eine innere "Alarmanlage" geweckt. Beim Winterschlaf schlägt das Herz nur noch acht bis zwanzig Mal in der Minute, während der normale Herzschlag 180 bis 250 Schläge pro Minute beträgt. Atmen muss ein Igel nur noch knapp acht Mal in der Minute, wobei er sonst 40 bis 50 Atemzüge macht. Damit spart der Igel enorm viel Energie! Das ist überlebenswichtig, da es im Winter keine Nahrung für ihn gibt und er sich bekanntlich auch keine Vorräte anlegt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass zehn Tage Winterschlaf im Leben eines Igels einem Tag bei Normaltemperatur entsprechen. Nach dem Winterschlaf im Frühjahr wiegt ein Igel nur noch etwa 400 Gramm und hat damit sein Gewicht halbiert oder sogar um zwei Drittel reduziert.

Wenn sich Igel küssen

Selbst ein Igelwinzling kann sich schon zusammenrollen. (Quelle: enrika79/ sxc.hu)

Mit Ende des Winterschlafs im April oder Mai beginnt die Paarungszeit des Igels. Um ein paarungsbereites Weibchen zu finden, legt das Igelmännchen oft große Strecken zurück. Hat er seine "Traumfrau" gefunden, umkreist er sie unter lautem Schnaufen und Grunzen. Meistens ziert sich das Weibchen anfangs und zeigt dem liebestollen Männchen zunächst fauchend die kalte (stachelige) Schulter. Dies hat zur Folge, dass sich Männchen und Weibchen langsam im Kreis drehen.

Fachleute nennen dieses Balzverhalten, das Stunden dauern kann, "Igelkarussell". Ist das Weibchen endlich paarungswillig, legt es die Stacheln eng an seinen Körper an und duckt sich flach auf den Boden. Jetzt kann es das Igelmännchen besteigen, ohne sich zu verletzen. Nach etwa 35 Tagen werden zwei bis zehn Junge geboren. Sie wiegen zwölf bis 25 Gramm. Ihre Augen und Ohren sind zunächst noch geschlossen und ihre knapp 100 weißen Stacheln sind in einer Haut eingebettet, damit sie bei der Geburt die Mutter nicht verletzen. Zwei Wochen später öffnen sich Augen und Ohren, nach drei Wochen kommen bereits die ersten Zähnchen. Sechs Wochen lang werden die Kleinen gesäugt, danach müssen sie sich selbst ernähren. Igelkinder können in einer Nacht bis zu 10 Gramm zunehmen, was besonders wichtig ist für Igel, die im August oder September zur Welt kommen. Bis zum Winterschlaf müssen sie 700 Gramm und mehr wiegen und sich eine kleine Fettschicht angefressen haben, damit sie die kalte Jahreszeit überstehen.

Igel gefunden - was tun?

Wer nach Wintereinbruch einen unterernährten Igel aufliest, fragt am besten einen Tierarzt um Rat oder ruft bei einer Igelstation an. (Quelle: Soja31 / pixelio.de)

Nur in den seltensten Fällen benötigt der Igel die Hilfe des Menschen. Ein Igel, der im Herbst unterwegs ist, sucht vielleicht lediglich ein geeignetes Winterquartier. Wer nach Wintereinbruch einen unterernährten Igel aufliest, fragt am besten einen Tierarzt um Rat oder ruft bei einer Igelstation an (unter dem Artikel findest du einen Link mit weiteren Infos und Igelstationen in deiner Nähe). Dort erhält man eine Menge Tipps über Ernährung und Unterkunft des Stacheltieres und falls notwendig sogar kostenlose medizinische Hilfe.

Auf keinen Fall sollte man den Findling mit ins Haus nehmen, denn das ist für ein Wildtier keine artgerechte Umgebung. Igel benötigen viel Auslauf, um gesund zu bleiben und die Wärme im Haus stört ihren Biorhythmus, der im Winter auf Kälte und Ruhe eingestellt ist. Außerdem haben Igel oft Flöhe, Zecken oder Würmer, die auch gerne mal den Menschen als Wirtstier betrachten. Am besten überwintert man einen Igel in einem naturbelassenen Garten unter einem Laubhaufen oder in einem trockenen Verschlag mit etwas Heu. Aufräumarbeiten können schließlich auch noch bis zum Frühling warten.

letzte Aktualisierung: 18.08.2017

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