Otto Addo im Interview mit dem Hellen Köpfchen

"90 Minuten Urwaldgeräusche"

von Kai Hirschmann - 21.03.2006

Der beliebte Fußballprofi Otto Addo (30) ist in Deutschland geboren, spricht perfekt Deutsch und hat einen deutschen Pass. In seiner Jugend musste er oft vor Neonazis fliehen. Später wurde er in Fußballstadien mit Bananen beworfen. Im Alltag wird er oft von der Polizei kontrolliert. Der Grund: Seine Haut ist schwarz. Mit dem Hellen Köpfchen hat Otto Addo über seine Erfahrungen mit Rassismus gesprochen.


Otto Addo: Ist es normal, an einem Tag vier Mal von der Polizei kontrolliert zu werden? (Quelle: FSV Mainz 05)

Helles Köpfchen: Sie haben zwei Staatsbürgerschaften: die von Deutschland und die von Ghana. Wo fühlen sie sich mehr zu Hause?
Otto Addo: Eigentlich fühle ich mich als Deutscher. Schließlich bin ich hier geboren und aufgewachsen und habe hier bis heute immer gewohnt. Allerdings werde ich von der Gesellschaft wegen meiner Hautfarbe immer wie ein Ausländer behandelt. In solchen Momenten fühle ich mich dann mehr als Ghanaer.

HK: Sie sind im Jahr 2005 von Borussia Dortmund zum FSV Mainz 05 gewechselt. Wie wurden Sie von den Fans aufgenommen?
Addo: Das Publikum in Mainz hat seinen guten Ruf zu Recht. Neue Spieler werden hier schnell akzeptiert. Auch ich wurde gut aufgenommen und fühle mich hier sehr wohl.

HK: Haben Sie sich in den Bundesliga-Stadien immer wohl gefühlt, oder gab es auch rassistische Pöbeleien gegen Sie?
Addo: Na klar gab und gibt es immer wieder Pöbeleien in Stadien. Vor allen in meinen Zweitligazeiten bei Hannover 96 war es schlimm. Als Gerald Asamoah und ich 1998 bei Energie Cottbus zu einem entscheidenden Aufstiegsduell antraten, haben die Cottbusser Fans 90 Minuten lang Urwaldgeräusche wie 'uh, uh, uh' gemacht und uns mit Bananen beschmissen. Dazu kamen noch Neger-raus-Sprechchöre! Das war ein ganz schlimmes Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

HK: Mussten Sie danach noch einmal in Cottbus auflaufen?
Addo: Ja, zwei Jahre später. Da wurde ich dann überraschend freundlich begrüßt und es gab keine Urwaldgeräusche oder Pöbeleien mehr. Heute in der Bundesliga gibt es zum Glück kaum noch rassistische Sprechchöre in den Stadien.

Fußball war und ist sehr wichtig für Otto Addo. (Quelle: Torsten Zimmermann)

HK: Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Haben solche rassistischen Beleidigungen Sie schon Ihr ganzes Leben begleitet?
Addo: Ich bin im Norden von Hamburg aufgewachsen. In meiner Umgebung waren die meisten Kinder natürlich weiß. Da habe ich von klein auf gelernt, dass ich anders bin. Blöde Witze wegen meiner Hautfarbe musste ich da schon einige ertragen, aber das blieb alles im Rahmen. Eigentlich war ich von meinen Klassenkameraden immer gut akzeptiert und auch recht beliebt. Das lag bestimmt auch daran, dass ich sehr sportlich war.

HK: Haben Sie in Ihrer Jugend auch Erfahrungen mit Rechtsradikalen gemacht?
Addo: Leider ja. Als ich mit ein paar persischen Freunden nachmittags mit dem Fahrrad zum Training gefahren bin, wurden wir ein paar Mal von Rechtsradikalen im Auto verfolgt. Zum Glück konnten wir damals immer entkommen. Es war aber so schlimm, dass ich meiner allein erziehenden Mutter zu Hause nichts davon erzählen konnte. Denn sonst hätte sie mich nicht mehr zum Fußballtraining gelassen.

HK: Welche Bedeutung hatte der Fußball damals für Sie?
Addo: Da konnte ich mein Talent ausleben und wurde respektiert. Außerdem wurde meine Meinung gehört und ich wurde ernst genommen. Und dadurch, dass ich beim Fußball immer wieder in Kontakt mit anderen Jugendlichen kam, konnte ich auch viele Vorurteile gegenüber mir abbauen. Der Kontakt zu den anderen war mir total wichtig.

HK: Muss ein dunkelhäutiger Mensch in Deutschland lernen wegzuhören - oder lohnt es sich, dagegen zu halten?
Addo: Wow, eine gute Frage. Ich habe gelernt, dass es für mich oft besser war, einfach wegzuhören, um nach vorne zu kommen. Im Job und auch im Fußball gab es früher immer wieder wichtige Leute, die rassistische Bemerkungen oder Witze losgelassen haben. Mit denen durfte ich mich aber nicht anlegen, um meinen Erfolg nicht zu gefährden. Heute ist das aber anders. Ich habe mir eine Position erarbeitet, in der ich bei jeder kleinen rassistischen Bemerkung protestiere und nichts mehr herunterschlucke. Wichtig ist es meiner Meinung nach vor allem, dass bei rassistischen Bemerkungen auch Menschen den Mund aufmachen, die selber nicht betroffen sind.

Wenn alles gut läuft, ist Otto Addo bei der WM in Deutschland für Ghana mit dabei. (Quelle: Torsten Zimmermann)

HK: Stört es Sie, wenn Sie von Menschen auf der Straße in gebrochenem Deutsch angesprochen werden ("Du mich verstehen"), obwohl Sie in Deutschland aufgewachsen sind und perfekt Deutsch sprechen?
Addo: Irgendwie finde ich das merkwürdig. Aber ich kann die Leute verstehen. Schließlich gibt es tatsächlich viele Schwarzafrikaner, die nur schlecht Deutsch sprechen. Das ist daher meistens nicht böse gemeint und ich werfe es den Menschen auch nicht vor.

HK: Gibt es andere Dinge, die Sie mehr stören?
Addo: Mich ärgert es, wenn ich im Alltag anders behandelt werde, nur weil ich eine andere Hautfarbe habe. Wenn ich zum Beispiel mit der Bahn fahre und auf den Weg ins 1.-Klasse-Abteil vom Schaffner aufgehalten und nach meinem Ticket gefragt werde - während alle anderen vor und hinter mir selbstverständlich weiter zu ihren Plätzen laufen dürfen. Oder wenn ich in einem Kaufhaus einfach so grundlos von einem Ladendetektiv durchsucht werde. Ich werde auch ständig bei Verkehrskontrollen rausgewunken und muss meine Papiere zeigen. Neulich kam das viermal an einem einzigen Tag vor. Ich kenne keinen weißen Deutschen, dem das so oft passiert.

HK: Was an Ihnen ist "typisch deutsch"?
Addo: Ich finde es wichtig, dass man sich auf mich verlassen kann und dass ich immer zu meinem Wort stehe. Dagegen bin ich nicht wirklich der pünktliche Typ. Ich verspäte mich oft mal um zehn oder 15 Minuten. Mit dem Zeitverständnis der Ghanaer kann ich aber erst recht nichts anfangen. Die verspäten sich regelmäßig um mehr als eine Stunde und finden das ganz normal.

HK: Haben Sie noch eine persönliche Botschaft für unsere Leser?
Addo: Ich möchte auf jeden Fall Dankeschön sagen an alle Menschen, die sich gegen Rassismus einsetzen. Auch mir haben immer wieder Menschen geholfen. Danke. Und ich weiß, dass es heute schon viel mehr sind als noch vor zehn Jahren. Ich danke allen, die ihren Mund aufmachen und aufstehen, auch wenn sie selbst eigentlich gar nicht betroffen sind. Und ich hoffe, dass es immer mehr werden.

letzte Aktualisierung: 14.11.2009

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