Wie gefährlich sind so genannte Killerspiele?

Ein Interview mit Gewaltforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer

14.02.2007

Zurzeit wird heftig über ein Verbot von "Killerspielen" diskutiert. Noch in diesem Jahr wird ein "Sofortprogramm" in Kraft treten, das Kinder und Jugendliche besser vor gewaltverherrlichenden Computerspielen, Videos und DVDs schützen soll. Steigt die Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen tatsächlich, die solche Computer-Games spielen? Sind so genannte "Ego Shooter" sogar dafür verantwortlich, dass junge Menschen zu Gewalttätern und Amokläufern werden? Wie sinnvoll wäre ein Verbot? Wir haben dazu Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer befragt.

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Nach dem neuen Gesetz sollen "Killerspiele" zukünftig strenger geprüft und dann entweder verboten, oder ausschließlich ab 18 Jahren zum Verkauf freigegeben werden. Auf der Verpackung solcher Spiele soll zudem deutlich auf die Gefahr hingewiesen werden. Verkäufer, die trotz Verbots gewaltverherrlichende DVDs, Videos und PC-Spiele an Kinder und Jugendliche herausgeben, sollen härter bestraft werden.

Prof. Dr. Heitmeyer ist einer der führenden Konflikt- und Gewaltforscher in Deutschland und leitet verschiedene Forschungsgruppen, die sich mit Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und ethnisch-kulturellen Konflikten (also Konflikten zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen) beschäftigen.

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer ist der Ansicht, dass nicht alleine Computerspiele Auslöser für Gewalttaten sind. (Quelle: Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer)

Helles Köpfchen (HK): Wieso dienen Computerspiele immer wieder als Erklärung für die zunehmende Gewalt?
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (WH): Weil ein direkter Effekt von gesehenen zu selbst ausgeübten Brutalitäten plausibel (nachvollziehbar) erscheint und man die Taten vom sozialen Hintergrund (also Familie, Umfeld und Kontakte der Täter) abkoppeln kann.

HK: Sind alle Kinder und Jugendliche, die so genannte "Killerspiele" spielen, mögliche Gewalttäter?
WH: Natürlich nicht. Meine These ist: Killerspiele liefern Handlungsmuster: "Wie mache ich es?" Aber die Entscheidung, ob ich es tue, fällt aus anderen Gründen.

HK: Haben Sie den Eindruck, dass Kinder und Jugendliche heute mehr zu Gewalt neigen, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war?
WH: Die Einschätzungen sind sehr unterschiedlich, was die Entwicklungen des Ausmaßes angeht. Übereinstimmung herrscht aber wohl, dass manche Taten brutaler geworden sind.

HK: Worin liegen ihrer Einschätzung nach die Ursachen für Amokläufe und Gewalttaten Jugendlicher, wie wir sie in der letzten Zeit erlebt haben?
WH: Die Ursachen sind vielfältig. Als eine wichtige Quelle wird - auch von mir - die Frage der Anerkennungsprobleme junger Menschen herangezogen.

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HK: Gibt es aussagekräftige Untersuchungen über die Einflüsse von gewalttätigen Videospielen bei Kindern und Jugendlichen?
WH: Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind bisher sehr unterschiedlich und widersprüchlich.

HK: Kann ein Verbot gewalttätiger Computerspiele zur Lösung des Problems beitragen?
WH: Jede Gesellschaft muss entscheidende Signale aussenden, dass man bestimmte Dinge nicht akzeptiert. Aber: Dort wo ein Markt existiert, setzt er sich durch - auch als illegaler (verbotener) Markt. Dies gilt auch für die Waffen. Nicht die Waffengesetze sind das Problem, sondern der nicht mehr zu kontrollierende Waffenmarkt.

Spiele wie Ego-Shooter haben einen hohen Suchtfaktor. Wie stark beeinflussen sie die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen? Die Experten streiten sich darüber.

HK: Worauf sollten Kinder und Jugendliche im Umgang mit Computerspielen achten?
WH: Das ist schwierig: Wichtig ist, dass sie den Kontakt zur Umwelt nicht verlieren. Isolation ist ein ernstes Problem, ein Warnsignal.

HK: Sind Politiker in der Lage, die Gefährlichkeit der Spiele (Ego-Shooter) einzuschätzen?
WH: Politiker sind abhängig von wissenschaftlichen Analysen. Die werden zum Teil aber gar nicht zur Kenntnis genommen, sondern ideologische Vorlieben (Weltanschauungen und persönliche Ansichten) sind oft im Spiel.

HK: Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern, damit es in Zukunft nicht mehr zu solchen Gewaltausbrüchen kommt?
WH: Man wird auch zukünftig nicht in einer gewaltfreien Gesellschaft leben. Meines Erachtens ist von entscheidender Bedeutung, wie wir Anerkennungsdefizite (also fehlende Anerkennung) vermeiden und eine neue Kultur der Anerkennung entwickeln. Nur wer selbst anerkannt ist, erkennt auch andere an.

HK: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, gewaltfrei mit Konflikten und Problemen umzugehen?
WH: Indem wir sehr früh daran arbeiten, in Konflikten unterschiedliche Lösungsangebote zu trainieren, sodass das zweifellos effektive (wirksame) Mittel der Gewalt nicht in den Vordergrund tritt. Deshalb dürfen Konflikte nicht unter den Teppich gekehrt werden.

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letzte Aktualisierung: 13.01.2010

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