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Typisch Mann, typisch Frau? Rollenbilder und Vorurteile

Teil 4: Geschlechterrollen in der Gesellschaft

Teil 4 von 4

von Silvia Hähnel

Männer sind angeblich stark und Frauen das "schwache Geschlecht". Frauen reden den ganzen Tag, Männer können nicht zuhören. Mädchen tragen rosa Kleidchen und spielen mit Puppen, Jungen prügeln sich gern und lieben Autos. Die meisten Menschen haben bestimmte Vorstellungen davon, welche Verhaltensweisen typisch für Männer sind und welche Eigenschaften besonders Frauen auszeichnen. Es gibt viele Vorurteile und Verallgemeinerungen, aber man kann im täglichen Leben tatsächlich viele Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen entdecken. Woher kommt das? Sind Männer und Frauen oder Jungen und Mädchen wirklich so verschieden?

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Die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Männern und Frauen sind ein beliebtes Thema. (Quelle: Rolf van Melis | Pixelio.de)

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist ein beliebtes Thema. Es gibt viele Bücher, die nur davon handeln, dass sich Frauen und Männer einfach nicht verstehen und auch viele Liebesfilme oder Komödien bauen auf Konflikten und Missverständnissen zwischen Mann und Frau auf. Ebenso in Talkshows oder Comedy-Sendungen im Fernsehen begegnet man ständig diesem Thema - besonders gefragt sind Witze, die mit typischen Klischees (das sind eingefahrene Denkmuster oder verallgemeinerte Zuschreibungen von Eigenschaften) über Männer oder Frauen spielen.

Das funktioniert deshalb so gut, weil jeder von uns aus dem täglichen Leben Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht mitbringt und deshalb seine eigenen Vorstellungen hat. In der Kindheit geht es bereits los: Von Mädchen wird meistens erwartet, dass sie gern mit Puppen oder Plüschtieren spielen, während für viele Menschen ein typischer Junge Fußball spielt und oft mit aufgeschlagenen Knien nach Hause kommt. Doch tatsächlich gibt es nicht wenige Mädchen, die viel lieber auf Bäume klettern, als sich Zöpfe flechten zu lassen, und viele Jungen interessieren sich nicht so sehr für Autos, sondern malen zum Beispiel gern.

Die Macht der Rollenbilder

Raufereien gelten als typisch für Jungen. (Quelle: erysipel | Pixelio.de)

Früher wurden die Rollenbilder für Mann und Frau als Vorgabe gesehen, wie die Geschlechter sein mussten - und wer nicht in dieses Bild passte, musste sich ändern. Vor rund 100 Jahren war es zum Beispiel für die meisten Menschen ganz selbstverständlich, dass die Interessen einer Frau sich ausschließlich auf die Familie und den Ehemann richten mussten - es war Mädchen und Frauen schlichtweg lange nicht möglich, andere Interessen auszuleben als diejenigen, die von der Gesellschaft vorgegeben waren. Und auch Jungen und Männer hatten es schwer, wenn sie nicht den Rollenvorstellungen der Gesellschaft entsprachen.

Heute trifft das so nicht mehr zu. Frauen und Männer sind laut Gesetz gleichberechtigt und die meisten Frauen wollen sich ebenso wie Männer nach ihren persönlichen Interessen und Fähigkeiten entfalten. Wir sind uns heutzutage mehr darüber bewusst, dass beide Geschlechter viele Seiten haben. Vor nicht allzu langer Zeit war es noch verpönt, wenn ein Mann Gefühle zeigte, heute finden es zum Glück immer mehr Männer ganz normal. Auf der anderen Seite ist es für uns heute nichts Außergewöhnliches mehr, wenn Frauen privat und im Beruf "ihren Mann stehen" (hier sieht man, dass auch in Sprichwörtern und Redewendungen noch bestimmte Rollenvorstellungen stecken). Aber trotzdem gibt es noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern und nach wie vor gibt es Dinge, die viele von uns als "typisch Mann" oder "typisch Frau" ansehen.

Ist alles nur anerzogen?

Nicht nur Jungen spielen gern mit Bauklötzen. (Quelle: korkey | Pixelio.de)

Die Frage ist nun, ob dieses "typische" Verhalten von Mädchen und Jungen und Männern und Frauen angeboren oder anerzogen beziehungsweise vorgelebt ist. Es ist erwiesen, dass Kinder das verinnerlichen, was sie in ihrer Umwelt wahrnehmen und auch, dass sie oft ihre Eltern nachahmen. Genau aus diesem Grund geben sich viele Eltern Mühe, ihren Kindern "gute Vorbilder" zu sein, auch in Hinblick auf die Rollen der Geschlechter.

Bei einigen Menschen sind die traditionellen Geschlechterrollen noch immer fest verankert und dies vermitteln sie auch an ihre Kinder weiter. Viele Eltern wollen aber heutzutage, dass ihr Kind es zum Beispiel ganz normal findet, dass Papa den Abwasch macht, während Mama das Auto repariert und es weiß, dass es nicht nur eine Art gibt, eine "richtige Frau" oder ein "richtiger Mann" zu sein. Damit keine Vorurteile entwickelt werden, bemühen sich etwa immer mehr Mütter und Väter zu zeigen, dass Mädchen nicht immer lieb und brav sein müssen und dass Jungen auch ruhig Gefühle zeigen dürfen.

Viele Dinge geschehen aber auch unbewusst und natürlich wird eine Person im Laufe ihres Lebens nicht nur von den Eltern, sondern von dem gesamten Umfeld beeinflusst - von Freunden, Bekannten, Lehrern, aber auch Medien wie Filme, Fernsehen, Zeitschriften oder Bücher.

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… oder doch angeboren?

Es gilt als typisch für Mädchen, dass sie ständig tuscheln und viel Zeit mit ihrer besten Freundin verbringen... (Quelle: lusi/ sxc.hu)

Häufig hört man, dass Mädchen und Frauen durchschnittlich mehr Begabung in sprachlichen und künstlerischen Bereichen aufweisen, Jungen dagegen stärker in naturwissenschaftlichen und technischen Feldern. Einige Wissenschaftler gehen noch immer davon aus, dass solche Unterschiede tatsächlich angeboren sind. Laut bestimmter Untersuchungen wollen schon viele Jungen im Säuglingsalter alles anfassen und sind besonders aktiv, während Mädchen hingegen stärker auf die Stimme der Mutter reagieren und sich durch Worte beruhigen lassen. Im Kindergartenalter fechten viele kleine Jungen schon Kämpfe um die Rangordnung aus, Mädchen beschäftigen sich dagegen gerne mit Rollenspielen.

Im Schulalter setzen sich die Unterschiede oft fort. Einige Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass Mädchen höhere sprachliche Fähigkeiten haben und Jungen sich leichter im räumlichen Denken tun, weil die Gehirne unterschiedlich beschaffen sind. Die linke Gehirnhälfte gilt als die "rationale" - also "sachliche" und "vernunftbetonte" - Hälfte, die rechte steht eher für Gefühlsbedingtes. Bei Frauen sollen die beiden Gehirnhälften stärker miteinander vernetzt sein, wodurch sich einige Unterschiede zwischen Mann und Frau erklären würden - zum Beispiel, dass Frauen deshalb eine bessere "Antenne" für Gefühle haben und sie problemlos überdenken können, während Männer eher dazu neigen, Verstand und Gefühle voneinander zu trennen.

Aber stimmt das auch? Die Forschungslage ist längst nicht so eindeutig, wie oft behauptet wird. Immer mehr Geschlechter- und Gehirnforscher gehen davon aus, dass tatsächlich die wenigsten Unterschiede zwischen Männern und Frauen angeboren und unveränderlich sind. Sie sind also überzeugt davon, dass die Abweichungen zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen zu großen Teilen nicht von der Natur vorgegeben sind, sondern auf Entwicklungen im Laufe des Lebens zurückgehen. "Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern", sagt zum Beispiel der Biopsychologe Markus Hausmann, der an der Universität Bochum Forschungen zu den beiden Geschlechtern betreibt.

Etwas von beidem?

...während Jungen im Jugendalter den Ruf haben, ständig vor dem Computer zu sitzen und zu "zocken". (Quelle: Love Krittaya/ Wikimedia Commons)

Es ist also naheliegend, dass die Interessen, Denk- und Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen zum großen Teil auf Rollenbilder und Prägungen durch die Gesellschaft zurückzuführen sind. Neueren Studien zufolge sind Mädchen überhaupt nicht von Natur aus schlechter in Mathematik, aber sie zweifeln häufiger an ihren mathematischen Fähigkeiten als Jungen. Doch nicht nur schneiden Schülerinnen in technischen und mathematischen Fächern zunehmend besser ab, die neue Tendenz zeigt sich auch im Berufsleben. So hat sich der Frauenanteil im Studiengang Mathematik deutlich erhöht - mittlerweile beginnen fast so viele weibliche wie männliche Studenten ein Mathestudium. Auch in anderen "männertypischen" Studiengängen wie Ingenieurswesen und technischen Berufen haben junge Frauen in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt.

Ein paar biologische Unterschiede gibt es durchaus - so sind die meisten Forscher weiterhin davon überzeugt, dass Männer naturbedingt stärker zu Gewalt und Aggression neigen als Frauen. Gewisse Verhaltensunterschiede bei den Geschlechtern werden auch auf das unterschiedliche Zusammenspiel von "männlichen" und "weiblichen" Hormonen zurückgeführt. Fest steht aber: Die genetischen Unterschiede dürfen nicht überbewertet werden, denn es handelt sich höchstens um bestimmte biologische Voraussetzungen. Die Annahme, dass das männliche Gehirn Verstand und Gefühle stärker trennt, heißt auch noch lange nicht, dass jeder Mann das tut und es bedeutet schon gar nicht, dass Frauen nicht gut darin sind, "rationale" Entscheidungen zu treffen.

Die Persönlichkeit eines jeden Menschen ist unsagbar vielseitig und die geschlechtsspezifischen Unterschiede machen nur einen gewissen Teil davon aus. Jeder Mensch ist einzigartig mit seinen Stärken und Schwächen - manche davon sind erblich bedingt, viele werden aber stark von außen beeinflusst. Neigungen und Talente können sich nämlich nur dann richtig entfalten, wenn sie auch gefördert werden und Kindern nicht von vorneherein vermittelt wird, dass sie das nicht könnten. Es stimmt also, dass die Gesellschaft und unsere Erziehung einen großen Einfluss auf unsere Entwicklung haben und das gilt auch für das Verhalten, was wir als typisch weiblich oder typisch männlich erachten.

letzte Aktualisierung: 29.11.2011

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