Die große Sturmflut von 1962: Hamburg unter Wasser

Schwere Sturmflut-Katastrophe ereignete sich vor 50 Jahren

von Matthias Wetzel - 16.02.2012

Es war eine der größten Katastrophen in der Geschichte Hamburgs. Im Winter vor 50 Jahren wurde die Hansestadt von einer schweren Sturmflut heimgesucht. Am 16. und 17. Februar 1962 verwüsteten riesige Wassermassen große Teile von Hamburg, hunderte Menschen kamen in den Fluten ums Leben.

Schwere Sturmflut 1962 in Hamburg: Der Stadtteil Wilhelmsburg lief komplett mit Wasser voll. Allein hier starben 207 Menschen in den Fluten, unter ihnen viele Alte und Kinder. (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Die Wucht der Sturmflut traf die Hamburger unerwartet. Hochwasser ist in Hamburg keine Seltenheit. Aber dass die kommenden Tage alles bisher da gewesene übersteigen würden, ahnte damals niemand. Das Deutsche Hydrographische Institut in Hamburg gab am Abend des 16. Februar eine Sturmflutwarnung für die gesamte Nordseeküste heraus. Verantwortlich dafür war das Orkantief "Vincinette" ("die Siegreiche").

Doch von einer Gefahr für die Hansestadt war zunächst nicht die Rede, denn das Wasser an der Messstelle Hamburg St.Pauli sollte nach Aussage der Meteorologen eine Höhe von 4,70 Metern nicht übertreffen. Doch auch das wäre so hoch gewesen wie seit über 100 Jahren nicht mehr. Die letzte große Sturmflut hatte es im Jahre 1855 gegeben. Menschen, die diese Katastrophe noch miterlebt hatten, waren damals nicht mehr am Leben und 1962 rechnete niemand mit einer solchen Gefahr für die Stadt. Auch die zuständigen Deichbaubehörden erklärten: "Zu einer Katastrophe kann es nach menschlichem Ermessen nicht kommen." So legten sich die Hamburger am Abend des 16. Februar 1962 schlafen, ohne die drohende Katastrophe zu erahnen.

Beginn der Katastrophe: Die Deiche brechen

Noch immer kommt es regelmäßig zu Sturmfluten an der Nordseeküste - diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 2008. (Quelle: J .Bredehorn / pixelio.de)

Der Beginn der Katastrophe ist genau dokumentiert worden: Um 22 Uhr brach in Cuxhaven der erste Deich. Deiche werden die künstlich aufgeschütteten Schutzwälle genannt, die Wasserfluten fernhalten sollen. Wenn das Wasser steigt, erhöht sich der Druck auf die Dämme und sie können brechen. Schon in Cuxhaven, das fast 100 Kilometer von Hamburg entfernt ist, zeichnete sich ab, dass sich eine gewaltige Flutwelle die Elbe herauf nach Hamburg bewegte. Das Wasser am Pegel St. Pauli erreichte 5,70 Meter, so hoch wie noch nie. Um 0.11 Uhr sprengten die eisigen Fluten bei Neuenfelde den Deich.

Das Wasser überflutete oder durchbrach fast alle 60 Deiche, die die Stadt schützen sollten. Fast ein Fünftel des Hamburger Stadtgebietes wurde überschwemmt. Dabei ergoss sich eine Wassermasse, die der 60-fachen Menge von Binnen- und Außenalster entsprach. Besonders betroffen waren das gesamte Hafengebiet, Neuenfelde, Moorburg und Wilhelmsburg. Die Fluten zerstörten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Autos, Zäune und selbst Häuser wurden mitgerissen, Straßen, Schienen und Leitungsmasten zerstört. Das Wasser drang bis in die Hamburger Innenstadt vor und flutete auch den alten Elbtunnel.

Viele Gebiete waren von der Außenwelt abgeschnitten und hatten keinen Strom und kein Telefon. Insgesamt waren etwa 100.000 Einwohner von den Wassermassen eingeschlossen. Viele Hamburger, die in höher gelegenen Stadtvierteln der Hansestadt lebten, hatten selbst am Vormittag des nächsten Samstages noch nichts von den Ausmaßen der Katastrophe mitbekommen, weil Radio, Fernsehen oder Telefon nicht funktionierten. Lediglich Gerüchte machten die Runde. Doch genaue Kenntnisse über das Ausmaß der Schäden hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Überschwemmte Häuser und Menschen in Gefahr

Überflutete Straßenkreuzung in Hamburg-Wilhelmsburg (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Besonders schlimm traf die Flut die Menschen im Stadtteil Waltershof. Dort sollte vor dem Krieg ein neues Hafenbecken entstehen, das dann aber nicht fertig gebaut wurde. In dem tiefgelegenen Gebiet, nur durch einige notdürftige Dämme geschützt, hatten nach dem Krieg viele Menschen eine Gartensiedlung gegründet, in der sie auch lebten. Die gewaltige Flut wurde den schlafenden Bewohnern nach dem Dammbruch zum Verhängnis. Sie wurden mit ihren meist nur aus Holz und Blech zusammengezimmerten Lauben und ihren Tieren einfach weggespült. "Das Wasser schoss mit einer fürchterlichen Kraft und Gewalt heran", sagte ein Zeitzeuge, der auf der Waltershofer Insel wohnte. "Die Hilferufe und Schreie dieser Menschen, dazu den heulenden Sturm und das unheimlich Rauschen des Wassers wird keiner vergessen können."

Die wenigen, die sich retten konnten, flüchteten auf die Dächer ihrer Häuser oder auf Bäume. Dort warteten sie völlig durchnässt bei frostigen Temperaturen auf Hilfe. Der damals neunjährige Heino Wenzel erlebte die Flut so: "Die Hühner im Stall gackerten, die Kaninchen quiekten. Es war traurig, aber man konnte ihnen nicht helfen, denn das Wasser war draußen hoch und drückte gegen die Tür, die nach draußen führte. Wir brachten, so viel wir tragen konnten, ins erste Stockwerk. Wir kriegten fast alles, bis auf die sehr großen Sachen, nach oben in Omas Wohnung. Mir war ganz schaurig zumute. Wir konnten im Dunkeln nichts sehen. Ein Glück, dass wir Kerzen hatten. Meine Tante weinte. Ich wusste nicht, warum."

Auch die eingedeichte Insel Wilhelmsburg, in der fast 80.000 Menschen lebten, lief komplett mit Wasser voll. Allein hier starben 207 Menschen in den Fluten, unter ihnen viele Alte und Kinder. Die überfluteten Gebiete waren über mehrere Tage ohne Wasser-, Gas- und Stromversorgung sowie ohne Telefonverbindung. Manche Stadtteile standen noch bis zu vier Wochen nach der Flut unter Wasser.

Die Rettungsaktionen laufen an

Der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt (Foto von 1976) leitete die Rettungsaktionen. Durch sein beherztes Handeln konnten viele Menschen gerettet werden. (Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048646-0033 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA)

Schon wenige Stunden nach der Sturmflut begannen die Rettungsaktionen. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Paul Nevermann, war zu diesem Zeitpunkt in Österreich zu einem Kuraufenthalt. Er konnte erst am nächsten Tag nach Hamburg kommen. Deshalb managte Helmut Schmidt, damaliger Polizeisenator und späterer Bundeskanzler, die Hilfsaktionen. Sofort forderte er aus dem In- und Ausland militärische und zivile Hilfe an, obwohl das rechtlich nicht erlaubt war. Schmidt setzte sich aber darüber hinweg und die Armee-Einheiten konnten viele Menschen retten.

Etwa 26.000 Helfer kamen zum Einsatz. Unter ihnen waren 8.000 Soldaten des Bundeswehr, 6.000 Soldaten von Streitkräften der NATO wie der amerikanischen US Air Force und der britischen Royal Air Force, 2.000 Polizisten und 2.000 Feuerwehrmänner. Hubschrauberstaffeln der Bundeswehr retteten über 450 Menschen, die sich auf ihre Hausdächer geflüchtet hatten. Zeitgleich wurden Menschen mit Schlauch- und Sturmbooten aus ihren überfluteten Häusern geholt. Nach offiziellen Angaben wurden knapp 2.000 Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet und insgesamt 12.000 Menschen auf etwa 50 Auffanglager in Turnhallen und Schulen verteilt.

Hubschrauber werden zu "rettenden Engeln"

Schäden in der Fährstraße in Wilhelmsburg nach der großen Flut (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Eine besonders wichtige Rolle bei den Hilfsaktionen spielten die Hubschrauber. Sie versorgten die eingeschlossenen Menschen mit Wolldecken und Lebensmitteln. Die Hubschrauberstaffeln brachten über 20.000 Liter Trinkwasser, 5.000 Brote und eine halbe Tonne Kartoffeln ins Überflutungsgebiet, außerdem Gaskocher, Kleidung und Säuglingsnahrung. Von den Hamburgern wurden die ständig kreisenden Helikopter der Armee bald nur noch die "rettenden Engel" genannt.

Unterstützt wurden Polizei, Feuerwehr und Armee von tausenden freiwilligen Helfern von Hilfsorganisationen und Hamburger Bürgerinnen und Bürgern. Diese nahmen obdachlos gewordene Menschen auf und versorgten sie mit dem Notwendigsten. Alle zusammen reparierten die Deiche und die zerstörten Unterkünfte. Durch Spendenaktionen wurden Kleider und Essen für die Opfer der Flutkatastrophe gesammelt. Auch nach der Sturmflut mussten die vom Wasser eingeschlossenen Menschen in Wilhelmsburg und Altenwerder weiterhin aus der Luft versorgt werden. Andere Gebiete waren weiter nur mit dem Boot erreichbar. Die Helfer verteilten Trinkwasser, Nahrung, Kleidung und Kohlen, Kochgeräte und Medikamente. Insgesamt werden per Hubschrauber über 2.000 Einsätze geflogen.

Hilfe aus dem In- und Ausland

Viele Wohnhäuser wurden in verschiedenen Teilen Hamburgs überflutet. (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Schon bald nachdem die Katstrophe bekannt wurde, kam es innerhalb der Bevölkerung zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit, Anteilnahme und Hilfe für die Betroffenen. Aus dem gesamten Bundesgebiet und aus dem Ausland trafen Sach- und Geldspenden ein und der Staat leistete finanzielle Hilfe.

Die Bilanz der Flutkatastrophe: 315 Menschen kamen in den eisigen Wassermassen ums Leben, darunter auch fünf Helfer. Über 20.000 Menschen wurden aus den Gefahrengebieten gebracht und über 2.000 konnten von Helfern aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet werden. Tausende von "Nutz-" und Haustieren ertranken, über 6.000 Behelfsheime wurden zerstört oder schwer beschädigt, über 10.000 Wohnungen waren monatelang unbewohnbar und die Menschen obdachlos. Die finanziellen Folgekosten der Sturmflut von 1962 beliefen sich auf rund drei Milliarden D-Mark.

Wie die Sturmflut entstand

Häuser und ganze Siedlungen wurden durch die großen Wassermassen völlig zerstört. (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Überschwemmungen gibt es in Hamburg mehrmals im Jahr. Damit leben die Einwohner seit Jahrhunderten. Von einer Sturmflut wird gesprochen, wenn der Wind Wasser von der Nordsee die Elbe stromaufwärts drückt und die Wasserhöhe in der Messstation im Hamburger Stadtteil St. Pauli 350 Zentimeter überschreitet. Ab 450 Zentimetern wird von einer schweren, ab 550 von einer sehr schweren Sturmflut gesprochen.

Im Februar 1962 fegte der Orkan "Vincinette" mit 150 Stundenkilometern über Norddeutschland und die Nordsee hinweg. Er entwurzelte Bäume, zerstörte Dächer und knickte Strommasten um. Außerdem drängte er das Wasser der Nordsee in die Deutsche Bucht und von da weiter in die Elbe stromaufwärts, also in Richtung Hamburg. Zu lange blieb unbemerkt, dass der Sturm aus Nordwest den Rückfluss des Wassers bei Ebbe behinderte und einen mächtigen Windstau erzeugte. Das neu einlaufende Hochwasser wurde zusätzlich noch gestärkt durch riesige Fernwellen aus dem Atlantik. Selbst bei Ebbe am Nachmittag des 16. Februar 1962 fiel die Wasserhöhe, auch Pegelstand genannt, statt der üblichen 2,40 Meter nur um 1,20 Meter.
Zusätzlich zu den außergewöhnlichen Witterungserscheinungen kam noch der schlechte Zustand der Deichanlagen.

Da Hamburg seit mehr als einem Jahrhundert nicht von einem Hochwasser heimgesucht worden war, befanden sich die Hochwasserschutzeinrichtungen in einer schlechten Verfassung. Reparaturmaßnahmen waren in den vorangegangenen Jahren vernachlässigt worden und Schäden durch die Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges nur behelfsmäßig behoben worden. Diese baulichen Mängel und die Unbesorgtheit der staatlichen Stellen verhinderten einen besseren Schutz der Hamburger Bevölkerung. Doch auch wenn es diese Schwachstellen nicht gegeben hätte, wäre Hamburg auf eine Sturmflut dieses Ausmaßes nicht vorbereitet gewesen. Nach der Katastrophe wurde ein Untersuchungsausschuss eingesetzt, der nach Fehlern der staatlichen Behörden forschte. Nach 19 Monaten stellte er seine Arbeit ein. Ein menschliches Versagen konnte nicht nachgewiesen werden.

Die Lehren aus der Sturmflut von 1962

In vielen Teilen Hamburgs standen die Straßen unter Wasser, die Menschen mussten in den oberen Teil der Häuser flüchten und waren abgeschottet von der Außenwelt. (Quelle: Privatarchiv von Gerhard Pietsch, Hamburg)

Nach der Katastrophe von 1962 hatte Hamburg umgehend ein Hochwasserschutzprogramm aufgelegt, mit dem die Deiche repariert, erneuert, erhöht und befestigt wurden. Alle Aufgaben des öffentlichen Hochwasserschutzes sind seither vollständig auf die Stadt übergegangen. Seit dem Jahr 1962 wurden die Deiche um rund zweieinhalb Meter erhöht. Nach Angaben der Behörden ist durch diese Maßnahmen die Bedrohung durch Sturmfluten so gering wie nie in der Geschichte der Stadt. Seit 1962 gab es noch insgesamt acht Sturmfluten mit Wasserständen, die noch höher waren als damals. Dabei kam es zu keinen größeren Schäden an der Hauptdeichlinie.

Bis zum Jahre 2015 soll nach 25 Jahren Bauzeit das "Bauprogramm Hochwasserschutz für einen Bemessungswasserstand von NN + 7,30 m am Pegel St. Pauli" abgeschlossen sein. Das heißt, die Deiche müssen auch noch halten, wenn am Messpunkt St. Pauli das Wasser 7,30 Meter hoch steht. Das führte dazu, dass neue Hochwasserschutzanlagen bis zu neun Meter hoch sein müssen.

letzte Aktualisierung: 16.02.2012

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