Kinderflüchtlinge - Gefährlicher Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft

von Sylvia Reeg - 01.09.2014

Jedes Jahr flüchten Kinder und Jugendliche ohne Begleitung aus ihrer Heimat, um beispielsweise in den USA ein besseres Leben zu beginnen. Derzeit berichten die Medien über zehntausende Kinder und Jugendliche aus Zentralamerika, die illegal, also gesetzeswidrig, in die USA flüchten. Ohne ihre Eltern fliehen sie vor Armut und Gewalt im Heimatland und erhoffen sich jenseits der Grenze eine bessere Zukunft. Auf der ganzen Welt befinden sich Kinder alleine auf der Flucht. Doch die schwierige Reise birgt viele Gefahren. Und auch nach der Ankunft müssen sich die minderjährigen Flüchtlinge zahlreichen Problemen stellen.

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Die Kinderflüchtlinge, die versuchen, über die Grenze im Süden heimlich in die USA einzureisen, kommen aus mittelamerikanischen Ländern wie Guatemala, in denen Armut und Gewalt herrschen. (Quelle: Oliver Brunner/ pixelio.de)

Die flüchtenden Kinder kommen zum Beispiel aus Ländern wie Guatemala, Honduras oder El Salvador - aus Regionen, in denen Armut und Gewalt herrschen. Also machen sich jedes Jahr unzählige Kinderflüchtlinge auf den gefährlichen Weg ins Ungewisse und fliehen unerlaubt über die Grenze - in diesem Fall in die USA, wo sie sich eine bessere Zukunft erhoffen. Derzeit berichten die Medien von einer Massenflucht, bei der fast 60.000 Flüchtlingskinder innerhalb des vergangenen halben Jahres über die Grenze im Süden der USA gereist sein sollen.

Die Kinder im Alter zwischen vier und 17 Jahren kommen alleine, ohne ihre Eltern, und oft halb verhungert an. Sie haben eine lange, gefährliche Reise hinter sich und werden keinesfalls freundlich empfangen, denn die Einreise ohne gültige Papiere ist verboten. So werden viele der Kinder zurück in ihre Heimat geschickt, während andere ausgebeutet und misshandelt werden. Für die allermeisten Kinderflüchtlinge wird das "neue" Leben nicht wirklich besser, für einige wird es sogar zum Alptraum oder sie kommen bereits auf der Flucht ums Leben.

Die Flüchtlingskinder aus Mittelamerika versuchen, der Hoffnungslosigkeit und Gewalt in ihrer Heimat zu entkommen: Sie fliehen vor Arbeitslosigkeit, Drogenkriminalität, Bandengewalt und Todesdrohungen. Manche werden auch von ihren Eltern auf die Reise geschickt, damit sie Geld für die Familie daheim verdienen können. Andere wollen Verwandte finden oder sich ihren eigenen Traum von einem besseren Leben erfüllen.

Fluchtwege voller Angst und Schrecken

Um die unerlaubte Einwanderung aus dem ärmeren Land Mexiko zu verhindern, werden die US-Grenzen scharf bewacht. Bild: Grenzsicherung zwischen San Diego in den USA (links) und Tijuana in Mexiko (rechts). (Quelle: U.S. Federal Government )

In weiten Teilen Honduras oder El Salvadors beispielsweise beherrschen Jugendbanden wie die "Maras" das Leben - die beiden Staaten gehören mit mehr als 90 Morden pro 100.000 Einwohner zu den gefährlichsten der Welt. Oft etwa werden die Flüchtlinge von Banden gezwungen, Drogen oder Waffen über Mexiko in die USA zu schmuggeln. Hierbei werden sie so lange bedroht, bis sich zur Reise bereit erklären. Zudem wird es für junge Leute in Zentralamerika immer schwieriger, einen Job zu finden, der gut genug bezahlt ist, um davon leben zu können. Denn viele Betriebe zahlen lediglich Ausbeuterlöhne, so dass die Menschen von ehrlicher Arbeit kaum leben können.

Per Bus, auf LKW-Ladeflächen, zu Fuß und als blinde Passagiere auf dem Güterzug sind die Kinderflüchtlinge aus Lateinamerika unterwegs. Über Wochen und manchmal sogar Monate legen sie viele Tausend Kilometer zurück. Dabei sitzt ihnen stets die Angst vor der mexikanischen Ausländerpolizei sowie vor den Häschern des organisierten Verbrechens im Nacken. Nicht selten endet die Fahrt auf dem Güterzug tödlich, weil die Kinder dort herunterfallen.

Aber auch Hunger, Durst, Hitze und Kälte bedrohen sie auf der Flucht. Sie müssen Kidnapper und Erpressung, Klapperschlangen ebenso wie menschliche Gewalt fürchten. Die meisten haben nur sehr wenig Geld bei sich. Einige sind mit so genannten Schleppern unterwegs, die sie jedoch, anstatt sie schützend zu begleiten, ebenfalls widrigen Umständen und schlechter Behandlung aussetzen. Schließlich kommen die Kinderflüchtlinge völlig entkräftet und krank in den USA an, manche sterben bereits auf dem Weg.

Was erwartet die Kinder am Ziel?

Irakische Kinderflüchtlinge in Syrien (Quelle: James Gordon, Flickr.com (CC BY 2.0) )

Doch selbst wenn die Kinder und Jugendlichen es über die Grenze geschafft haben, erwartet sie keinesfalls ein sorgenfreies Leben. Denn ihre Ankunft bedeutet nicht, dass sie in den USA oder anderen Einreiseländern bleiben dürfen. Wenn sie nicht vom Grenzschutz aufgegriffen werden, dann begeben sie sich oft freiwillig in die Hände der Polizei - in der Annahme, als Minderjährige vor der Abschiebung zurück nach Hause sicher zu sein.

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Tatsächlich aber bekommen sie lediglich eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis, bis ein Gericht über das Bleiberecht entscheidet. Zunächst finden viele dieser Kinder Unterkunft in Lagerhallen, Containern und anderen Notunterkünften, wo laut Berichten ebenfalls sehr schlechte Lebensbedingungen herrschen. Auch gibt es dort nicht genügend erwachsene Betreuer oder Übersetzer, die sich um die Kinder kümmern können.

In den USA müssen Minderjährige aus Zentralamerika nach dem Gesetz wie Flüchtlinge behandelt werden. Darum gilt es für die Behörden, möglichst schnell die Suche nach Verwandten anzugehen. Manche versuchen jedoch, sich ganz alleine zu ihren Familienangehörigen durchzuschlagen. Dann verdienen sie nicht selten wenig oder gar kein Geld bei Arbeiten zum Beispiel in der Landwirtschaft, werden ausgebeutet und misshandelt. Sehr viele Kinderflüchtlinge aber werden zurück in ihre Heimat geschickt.

Weltweit sind Millionen Kinder auf der Flucht

Kinderflüchtlinge aus Uganda, die vor der Gewalt und dem Terror der Widerstandsbewegung LRA geflohen sind. (Quelle: BanyanTree, en.wikipedia )

In zahlreichen Krisengebieten der Welt herrschen dramatische Lebensbedingungen, die die allerwenigsten Eltern ihren Kindern zumuten würden. Kinder weltweit flüchten vor Krieg, Gewalt, Unterdrückung, Armut und Hunger. Auch sie nehmen gefährliche Wege durch das Land oder auf schrottreifen Booten übers Wasser auf sich, um den schlimmen Zuständen in ihrer Heimat zu entkommen. Viele Kinderflüchtlinge sind zu Hause Gefahren ausgesetzt, die ihre Eltern und andere Erwachsenen nicht betreffen: Dazu zählen beispielsweise die Zwangsverpflichtung von Kindersoldaten sowie die Angst der Mädchen vor Beschneidung oder einer Zwangsehe.

Besonders viele Menschen, darunter zahlreiche Kinder, flüchten aus dem Krisengebiet in Afghanistan, gefolgt vom Irak und dem von Bürgerkrieg erschütterten Syrien. Große Flüchtlingsströme kommen außerdem aus den palästinensischen Gebieten, in denen es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten mit Israel kommt. Auch viele afrikanische Länder sind betroffen, etwa der Sudan in Nordost-Afrika, in dem über lange Zeit Bürgerkriege tobten und viele Menschen vor Terror und Hungerkatastrophen fliehen. Im Nachbarland Uganda flüchten Kinder vor der Gewalt der fanatischen Widerstandsbewegung LRA, deren Anhänger einen "Gottesstaat" errichten wollen und zahlreiche Menschen im Land foltern, verstümmeln und töten. Außerdem werden viele junge Menschen aus Uganda gezwungen, als Kindersoldaten zu kämpfen.

Die meisten Eltern wissen, dass ihre Kinder Unterstützung brauchen und es sie sehr belastet, ganz alleine auf sich gestellt zu sein. Daher opfern viele Familien ihre gesamten Ersparnisse für so genannte Schleuser oder Schlepper, die den Kindern zum Beispiel Pässe besorgen und sie in ein anderes Land - auch nach Europa - führen sollen. Es gibt auch Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern die Flucht antreten, diese aber auf dem Weg verlieren. Dann müssen sie - ohne Tod und Verlust der geliebten Menschen verarbeiten zu können - oft noch mehrere Länder alleine durchqueren. Die Flucht kann sogar einige Jahre dauern, in denen die jungen Flüchtlinge mitansehen müssen, wie andere Flüchtlinge leiden und sterben. Dabei bangen sie selbst ständig um ihr Leben, und stets lauert die Gefahr, an Menschenhändler zu geraten oder zurückgeschickt zu werden. So müssen sie schon früh selbstständig Gefahren erkennen und einschätzen, wem sie vertrauen können und wem nicht.

Alleingelassen und rechtlos

Kinder in einem Flüchtlingscamp in Tschad in Zentralafrika (Quelle: Mark Knobil, Flickr.com (CC BY 2.0) )

Junge Menschen sind besonders verletzlich und bräuchten eigentlich den Beistand und Schutz von Erwachsenen. Da es Kindern und Jugendlichen an Erfahrung fehlt, bestimmte Herausforderungen des Alltags alleine zu bewältigen, sind sie auf die Unterstützung nahestehender Personen angewiesen. Unbegleitete Flüchtlingskinder fühlen sich nicht nur alleine und verlassen, sondern auch entwurzelt.

Die Strapazen der Flucht hinterlassen tiefe Spuren in ihren Seelen und es ist schwer für die jungen Menschen, mit ihren dramatischen Erlebnissen umzugehen. Oft belasten solche seelischen Verwundungen ("Traumata") die Kinder ihr ganzes Leben und sie leiden auch später noch unter starken Ängsten, Zwängen, Depressionen, können sich schwer konzentrieren, werden schnell aggressiv oder haben andere "Verhaltensstörungen".

Mehrere Millionen Kinder sind auf der ganzen Welt auf der Flucht. Berichte aus dem Jahr 2012 zählten in Deutschland etwa 6.000 bis 10.000 Kinder, die alleine aus ihrer Heimat hierher gekommen sind. Nach der UN-Kinderrechtskonvention haben diese Kinder Anrecht auf besonderen Schutz. Das gilt allerdings nur für die Kinder, die bereits in ein anderes Land eingewandert sind. Ein großer Teil der Menschen flüchtet allerdings innerhalb eines Landes, so dass sie der Definition nach nicht als "Flüchtlinge" anerkannt werden. Zwar ist die UN-Kinderrechtskonvention das internationale Abkommen mit den meisten Mitgliedsstaaten, doch für viele bestehen seine Rechte nur auf dem Papier. So gibt es in Deutschland zum Beispiel eine "Vorbehaltserklärung", die besagt, dass das nationale Ausländerrecht über dieser Konvention steht. Demnach stehen den Kinderflüchtlingen viel weniger Rechte zu. Oft werden von den Behörden auch die Gefahren, denen die Kinder im Heimatland ausgesetzt waren, heruntergespielt und damit wird begründet, dass sie kein Anrecht auf besonderen Schutz oder Asyl hätten.


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