Folterskandal im US-Gefangenenlager Abu Ghuraib

von Anna Schäfer - 21.02.2006

Aus dem berüchtigten Abu-Ghuraib-Gefängnis im Irak sind neue grausame Bilder aufgetaucht. Ein australischer Fernsehsender hat bislang unbekannte Folterfotos gezeigt, die in den Jahren 2003 und 2004 entstanden sein sollen. Folter und Misshandlungen waren in Abu-Ghuraib offensichtlich verbreiteter und viel schlimmer, als bisher angenommen.Es besteht der Verdacht, dass einige Gefangene sogar von US-Soldaten ermordet wurden und dass sogar Jugendliche gequält wurden.


Im April 2004 hatte der US-amerikanische Fernsehsender CBS erstmals über Misshandlungen von Gefangenen in dem Militärgefängnis nahe der irakischen Hauptstadt Bagdad berichtet. Die ausgestrahlten Bilder lösten Empörung in der ganzen Welt aus. Auf ihnen waren nackte Gefangene in entwürdigenden Posen zu sehen. Ein Bild zeigt zum Beispiel einen irakischen Häftling, der auf dem Boden liegt und von einer US-Soldatin an der Leine gehalten wird.

Abu Ghuraib ist eigentlich der Name einer kleinen Stadt, die etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad gelegen ist. Schon Iraks ehemaliger Herrscher Saddam Hussein hatte dort ein Gefängnis betrieben, das als besonders grausam berüchtigt war. Häftlinge wurden dort brutal gefoltert, und auch Hinrichtungen sollen damals regelmäßig stattgefunden haben. Nach dem Ende des vergangenen Irakkrieges im Jahr 2003 hat die US-Armee das Gebäude übernommen und es als Militärgefängnis weiter genutzt.

Grausame Misshandlungen

Abu Ghuraib liegt etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad. (Quelle: wikipedia)

Die USA unter ihrem Präsidenten George W. Bush hatten den Krieg damit gerechtfertigt, dass der Irak angeblich Massenvernichtungswaffen entwickelt, mit denen er später einmal den Westen angreifen könnte. Nach dem Sieg der von den USA geführten Truppen stellte sich allerdings heraus, dass Saddam Hussein offenbar überhaupt keine Massenvernichtungswaffen besessen hatte.

Von Beginn an wurden das Vorgehen der US Regierung und der Krieg im Irak, der viele Opfer forderte, von einigen Seiten scharf kritisiert. Aber es hieß, dass man wenigstens einen grausamen Machthaber besiegt habe, der sein Volk tyrannisiert hatte. Nun sei der Irak befreit und der Weg zu Demokratie und Menschenrechten für die Bevölkerung geebnet.

Ein Jahr später reagierten Politik und Öffentlichkeit umso bestürzter, als erstmals die Bilder von misshandelten und gedemütigten irakischen Häftlingen durch die Medien gingen. Viele Menschen hatten erwartet, dass im Irak mit dem Ende der Diktatur Saddam Husseins auch die Folter der Vergangenheit angehört. Dass Angehörige des US-Militärs nun wehrlose Menschen quälten und erniedrigten, wurde mit Entrüstung und Zorn aufgenommen.

Mord an Gefangenen?

Ansicht auf den Vordereingang des US-Gefangenenlagers in Abu Ghuraib. (Quelle: Wikipedia)

Die damaligen Fotos zeigten, dass den Gefangenen nicht nur Schmerzen zugefügt wurden. Sie wurden auch gezwungen, demütigende Dinge zu tun, für die sie sich schämen mussten. Gerade für einen Muslimen - aber natürlich auch für jeden anderen Menschen - ist es erniedrigend, sich vor anderen nackt ausziehen zu müssen, vor allem dann, wenn Angehörige des anderen Geschlechts anwesend sind. Auf fast allen Fotos sind die Häftlinge nackt. Auf einigen werden sie zu sexuellen Handlungen gezwungen, auf anderen sieht man, wie sie - an Armen und Beinen gefesselt -geschlagen werden.

Die jetzt veröffentlichten Bilder enthüllen weitere Grausamkeiten. So sieht man, wie der Kopf eines Gefangenen gegen eine Stahltür geschlagen wird. Außerdem sind nackte Männer zu sehen, die am ganzen Körper und im Gesicht mit Dreck - vermutlich Kot - eingerieben sind. Auf anderen Fotos sind leblose Körper zu erkennen. Wahrscheinlich sind es Häftlinge, die ermordet wurden oder an den Folgen der Folter umkamen. Es gibt außerdem Zeugenaussagen, wonach selbst Kinder vor den Augen ihrer Eltern gequält worden seien, damit diese Geständnisse ablegten oder dem US-Militär wichtige Informationen lieferten.

Verstoss gegen Genfer Konvention

Wegen den Folterungen im Abu-Ghuraib-Gefängnis gab es von Seiten der Presse und der Politik massive Rücktrittsforderungen an US-Verteidigungsminister Rumsfeld. (Quelle: Wikipedia)

Die abstoßenden Bilder zeigen, dass es den Folterern sichtliches Vergnügen bereitet hatte, ihren Gefangenen auch noch den letzten Rest ihrer Würde zu nehmen. Die Fotos wurden nicht heimlich aufgenommen, sondern die Soldaten posierten sogar noch stolz und mit "Daumen-Hoch-Zeichen" vor den Kameras, während sie die Häftlinge misshandelten. Damit verstießen die Gefängnisaufseher gegen die Genfer Konvention. Das ist ein internationaler Vertrag, in dem festgehalten ist, dass Gefangene mit Menschlichkeit behandelt werden müssen und nicht gequält werden dürfen.

Insgesamt 25 Angehörige der US-Streitkräfte sind in der Folgezeit wegen der Misshandlungen angeklagt und von Militärgerichten verurteilt worden. Die bekanntesten Täter sind Charles A. Graner und seine damalige Freundin Lynndie England. Ihre Gesichter sind auf sehr vielen Folter-Fotos zu sehen. Beide wurden im vergangenen Jahr in den USA zu einer Freiheitsstrafe wegen Gefangenenmisshandlungen und Folterungen verurteilt. Charles A. Graner muss für zehn, Lynndie England für drei Jahre ins Gefängnis. Beide haben ihre Beteiligung an den Misshandlungen gestanden. Vor Gericht sagten sie allerdings auch aus, dass sie nur die Anweisungen ihrer Vorgesetzten befolgt hätten. Als Soldaten hätten sie zu gehorchen und Befehlen bedingungslos Folge zu leisten.

Folter mit System?

Auch im US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba wurden Inhaftierte brutal gefoltert. Das irakische Gefängnis Abu Ghuraib wird seit dem Skandal nicht mehr als Militärgefängnis genutzt. (Quelle: US-Militär)

Dieser Vorwurf wird von den ranghohen Angehörigen des Militärs allerdings bestritten. Nach Aussage der US-Regierung habe es sich bei den Misshandlungen um Einzelfälle gehandelt. Die Verantwortlichen seien alle verurteilt. Außerdem habe man die Richtlinien zur Behandlung von Gefangenen überarbeitet und verschärft. Bislang liegen keine Beweise dafür vor, dass die Befehle zu den Misshandlungen von höheren Stellen kamen und geplant waren. Ob allerdings tatsächlich keine Anweisungen zu einer systematischen Folter erteilt wurden, ist bis heute unklar.

Der Gefängniskomplex in Abu Ghuraib wird nicht mehr als Militärgefängnis genutzt, seit der Folterskandal bekannt geworden ist. Alle Bilder stammen aus der Zeit davor. Auf ihrem militärischen Stützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba unterhalten die USA bis heute ebenfalls ein Gefangenenlager, in dem sie Menschen aus der ganzen Welt festhalten. Diese Häftlinge haben keinen Kontakt zu ihren Familien oder zu ihrem Anwalt. Sie sind auch nicht rechtskräftig verurteilt, obwohl einige von ihnen schon seit Jahren inhaftiert sind. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die USA überall auf der Welt - auch in Osteuropa - Geheimgefängnisse betreiben.

Beobachter der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen kritisieren den Umgang mit den Gefangenen in Guantánamo. Die etwa 500 Häftlinge würden auf brutale, herabsetzende und unmenschliche Weise behandelt, was der Folter gleichkomme. Seitdem die neuen Fotos aus Abu Ghuraib bekannt geworden sind, fordern die Vereinten Nationen noch nachdrücklicher, dass die Bush-Regierung das Gefangenenlager auf Kuba endlich schließt.

letzte Aktualisierung: 19.09.2016

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