Schule ohne Lehrer

von Anna Schäfer - 27.11.2006

In einem Gymnasium in der Schweiz sind die Schüler ein halbes Jahr lang auf sich allein gestellt. In der fünften Gymnasialklasse, die der 11. Klasse in Deutschland entspricht, erarbeiten sich die Schüler den Unterrichtsstoff ohne die Hilfe ihrer Lehrer. Ob Mathe, Deutsch, Chemie oder Bio - die Jugendlichen entscheiden selbst, wann und wie sie für die Fächer lernen.


Sechs Monate lang besuchen die Schüler eines Gymnasiums in der Schweiz keinen Unterricht. (Quelle: PixelQuelle)

Die Schüler an der Kantonsschule Zürcher Oberland werden von vielen Gleichaltrigen beneidet: Ein halbes Jahr lang keinen Unterricht und keine Lehrer, die einen ständig unter Druck setzen! Wer möchte da nicht gerne tauschen? Doch ganz so entspannt ist die lehrerfreie Zeit nicht, wie die Schüler feststellen mussten. Denn zu Beginn des "Selbstlernsemesters" bekommen sie einen ganzen Stapel Bücher und einen Lehrplan, den es durchzuarbeiten gilt. Denn wie alle anderen Schüler müssen auch sie am Ende eine Prüfung ablegen.

In Deutsch, Mathematik, Chemie, Biologie, Sport und zwei Sprachen müssen sich die Schüler den Stoff während dieser Zeit weitgehend selbst beibringen. Einmal die Woche dürfen sie pro Fach eine Stunde lang Fragen stellen und Nachhilfe einholen. Wer will, kann zusätzlich per E-Mail oder in persönlichen Sprechstunden den Rat eines Lehrers einholen.

Büffeln statt faulenzen

Stattdessen pauken sie zu hause. (Quelle: PixelQuelle)

Die Idee entstand vor gut zwei Jahren, weil die Schule sparen musste - und kein Geld da war, um genügend Lehrer einzustellen. Mittlerweile halten viele diese urspüngliche "Notmaßnahme" aber nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten für sinnvoll. Denn die meisten der sechzehn- oder siebzehnjährigen Schüler haben sich in ihren Leistungen nicht verschlechtert - im Gegenteil: Viele erzielten nach den sechs Monaten bessere Noten als zuvor. Und ganz nebenbei haben die Schüler gelernt, selbstständig zu arbeiten. Diese Fähigkeit ist später sehr wichtig, nicht nur, wenn man studieren möchte.

Und so büffelt derzeit bereits die dritte Generation von Elftklässlern in Eigenregie den Unterrichtsstoff. Womit jedoch viele Schüler nicht gerechnet hatten: Weniger Unterricht bedeutet nicht unbedingt mehr Freizeit. Denn was früher der Lehrer in "kleinen Häppchen" präsentierte, müssen sich die Schüler nun mühsam selbst erarbeiten. Viele Schüler berichten deshalb, dass sie in den sechs Monaten ohne Unterricht mehr für die Schule getan hätten, als jemals zuvor. Und so manch einer beginnt, seinen Lehrer regelrecht zu vermissen.

Lernen im Schwimmbad?

Mehr Freizeit haben die Jugendlichen in der schulfreien Zeit aber nicht. Sie müssen sich den Unterrichtsstoff selbst erarbeiten. (Quelle: PixelQuelle)

Ob die Schüler ihre Unterlagen mit ins Schwimmbad nehmen, sich zum Lernen in die Bibliothek oder an den Schreibtisch setzen, ob sie nachts lernen oder tagsüber, bleibt ihnen überlassen. Hauptsache, sie verlieren nicht den Anschluss. Aber genau davor haben manche Schüler so viel Angst, dass sie ihre Freizeit kaum noch richtig genießen können. Immer haben sie das Gefühl, sie sollten eigentlich noch mehr für die Schule tun. Deswegen ist dieses Modell wohl auch eher etwas für ältere Schüler in der Oberstufe.

An deutschen Schulen gibt es bis jetzt noch keine "Selbstlernsemester". Manche Experten sind von der lehrerfreien Zeit jedoch so überzeugt, dass sie das Modell auch an einzelnen Schulen in Deutschland einführen wollen. Denn die Universitäten beklagen immer wieder, dass die Schulabgänger nicht mehr in der Lage sind, selbstständig zu lernen und zu arbeiten. Und genau diese Fähigkeit wird ja in der "Schule ohne Lehrer" trainiert.

Was denkst du darüber? Würdest du auch gerne ein halbes Jahr lang ganz ohne Unterricht den Schulstoff lernen? Oder denkst du, dass das Wissen von einem Lehrer besser vermittelt werden kann? Diskutiere im Helles-Köpfchen-Forum mit anderen Lesern darüber (unten verlinkt).

letzte Aktualisierung: 15.02.2010

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