Antoine de Saint-Exupéry - Abenteurer, Träumer und Schriftsteller

von Christoph Hühnergarth - 29.06.2010

Am 29. Juni hätte einer der weltweit bekanntesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts seinen 110. Geburtstag gefeiert: Antoine de Saint-Exupéry, dessen berühmtestes Werk "Der kleine Prinz" du bestimmt in der Schule liest. Das moderne Märchen über die bezaubernde Reise des kleinen Prinzen auf die Erde ist eines der schönsten Bücher für Kinder und Erwachsene. Doch Antoine de Saint-Exupéry war nicht nur Verfasser zahlreicher Romane und Erzählungen. Er war auch ein großer Abenteurer der Luftfahrt, der in einer Zeit lebte, als das Fliegen noch nicht alltäglich war, sondern voller Gefahren steckte.

Antoine de Saint-Exupéry wollte Zeit seines Lebens Flieger und Held sein. Doch gegen Ende seines Lebens lernte er andere Werte wie Gemeinschaft und Freundschaft mehr schätzen. (Quelle: Wikipedia)

Seine Leidenschaft für das Fliegen entdeckte Antoine de Saint-Exupéry, geboren in in der französischen Stadt Lyon als drittes von fünf Kindern, bereits als Junge. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er zum ersten Mal auf einen Flug mitgenommen, wovon er sehr begeistert war. Nach dem Abitur bewarb er sich 1917 als Offizier bei den Marinefliegern, wurde jedoch abgelehnt. Stattdessen studierte er Architektur in Le Mans, doch der Traum vom Abenteuer Fliegen ließ den jungen Antoine nicht los. Schließlich leistete er von 1921 bis 1923 seinen Wehrdienst bei der französischen Luftwaffe in Straßburg ab und wurde erst zum Flugzeugmechaniker, dann zum Piloten ausgebildet.

Seine aufregenden Erlebnisse als Pilot schrieb Antoine de Saint-Exupéry nieder und veröffentlichte 1926 erstmals ein Buch, den Roman "L’aviateur" ("Der Flieger"). Nur drei Jahre später erschien sein Roman "Courrier sud" ("Südkurier"), der auf "Der Flieger" zurückgeht. Darin verarbeitet Antoine de Saint-Exupéry sein tollkühnes Leben als Pilot einer Luftfrachtgesellschaft zwischen Toulouse (Frankreich) und den französischen Kolonien in Casablanca (Marokko/Afrika) und Dakar (Senegal/Afrika). Mittlerweile war er von seinem Beruf als Militärpilot in die Post- und Frachtluftfahrt gewechselt.

Große Abenteuer und erste Fliegerromane

Saint-Exupéry verarbeitete seine Erlebnisse als Pilot in seinen Romanen. (Quelle: Wikipedia)

In der zivilen (nicht-militärischen) Fliegerei ging es aber in den 1920er Jahren nicht minder abenteuerlich zu: Die teils hölzernen, kleinen Doppeldecker-Maschinen waren noch lange nicht so zuverlässig wie heutige Flugzeuge. Mehrfach musste Antoine de Saint-Exupéry als Flugplatzchef in der Sahara notgelandete Kollegen retten. In der einsamen Gegend musste er sich außerdem gegen kriegerische Wüstenvölker behaupten. 1929 ging er für seine Fluggesellschaft nach Argentinien/Südamerika, wo er Flugpost- und Luftfrachtlinien einrichten sollte. Seine Gesellschaft hatte angeordnet, sogar nachts zu fliegen, um die Verbindungen zwischen Südamerika und Europa zu beschleunigen. Nachtflüge waren Ende der 1920er Jahre noch sehr gefährliche Missionen.

In seinem dritten Roman "Vol de nuit" ("Nachtflug") von 1931 schreibt Antoine de Saint-Exupéry über den tödlichen letzten Flug eines Piloten. Zwar ist die Handlung fiktiv ("erfunden"), doch die Geschehnisse im Buch sind an Antoine de Saint-Exupérys Erfahrungen und Erlebnisse im wirklichen Leben angelehnt. Das Hauptthema des Buches ist die heldenhafte Pflichterfüllung von zugetragenen Aufgaben trotz tödlicher Gefahren. Der Held des Romans, genannt Rivière, denkt, dass das wahre Glück in der Erfüllung großer Taten liege - ein Gedanke, der sich in allen frühen Werken Antoine de Saint-Exupérys findet. Typisch für die Gesellschaft und die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts wird ein echter Held als furchtloser, wagemutiger und unerschrockener Mann dargestellt, der den Weg des Fortschritts begeht. Nicht einmal der Tod eines seiner Piloten kann Rivière erschüttern - er ist schlicht ein Opfer auf dem Weg des Fortschritts. Antoine de Saint-Exupérys Vorstellung von wahrer Heldenhaftigkeit änderte sich allerdings im Laufe seines Lebens und seiner Literatur erheblich.

Durchbruch als Schriftsteller

Eine Statue des kleinen Prinzen im "Museum of the Little Prince" (Museum des kleinen Prinzen) in Hakone, Japan. (Quelle: Wikipedia)

Der Roman "Nachtflug" bescherte Antoine de Saint-Exupéry mehrere große Literaturpreise und brachte ihm den Durchbruch als anerkannter Autor. Obwohl er sich immer vornehmlich als Berufspilot verstand, arbeitete er in den 1930er Jahren oftmals als Autor und Journalist. Er reiste nach Asien, schrieb Reiseberichte und arbeitete bei der neu gegründeten Fluggesellschaft Air France. Doch seine Lust auf große Abenteuer und Heldentaten ließ ihn nicht los: 1938 versuchte er sich an Langstreckenflügen von Paris/Frankreich nach Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) in Vietnam/Asien. Auch die Strecke von New York/USA nach Feuerland in Südargentinien wollte er im Flugzeug zurücklegen. Bei den Flügen hatte er jedoch Unfälle bei Zwischenlandungen. Einmal musste er sogar in der Wüste notlanden und wäre fast verdurstet. Erst als ihn eine Karawane nach mehreren Tagen völlig entkräftet auflas, wurde er gerettet.

In seinem 1939 erschienen Erlebnisbericht "Terre des hommes" (deutscher Titel: "Wind, Sand und Sterne") beschreibt er eindrucksvoll Situationen höchster Gefahr und letztendlicher Bewährung und Rettung. Es scheint, als seien solche Gefahren für Antoine de Saint-Exupéry notwendig, um - wie er sagt - "sich selbst zu finden."

Zweiter Weltkrieg und Saint-Exupérys Wandel

Bevor in Frankreich der Euro eingeführt wurde, war ein Bild von Antoine de Saint-Exupéry und des kleinen Prinzen auf dem 50-Franc-Schein zu sehen. (Quelle: Wikipedia)

Als im September 1939 allerdings der Zweite Weltkrieg ausbrach, erlebte Antoine de Saint-Exupéry Situationen, die ihn stark verändern. Als Pilot einer Aufklärer-Einheit der französischen Luftwaffe war er gezwungen, scheinbar unmögliche Missionen zu fliegen. Frankreich war 1940 schon so gut wie vom Deutschen Reich besiegt, als Antoine de Saint-Exupéry noch immer höchst gefährliche Einsätze fliegen musste, die den Ausgang des Krieges sowieso nicht mehr hätten ändern können. Er nannte viele seiner Missionen "Himmelfahrtskommandos", die er aber alle überlebte.

Selbst der große Abenteurer Antoine de Saint-Exupéry konnte die schrecklichen Geschehnisse des Krieges kaum verarbeiten: "Keiner gesteht sich ein, dass dieser Krieg mit nichts zu vergleichen ist, dass an ihm alles sinnlos ist, kein Schema auf ihn passt", schreibt er in seinem 1942 erschienenen Roman "Pilote de guerre" (wörtlich übersetzt: Kriegspilot). Knapp zwei Jahre zuvor war er aus Frankreich über Marokko und Portugal nach New York/USA ausgewandert, weil Nazi-Deutschland ganz Frankreich besetzt hatte. Antoine de Saint-Exupérys Weltbild änderte sich in dieser Zeit merklich: In "Le petit prince" ("Der kleine Prinz"), seinem weltweit bekanntesten Werk von 1943, spielt das unerschrockene Heldentum älterer Romane keine Rolle mehr.

"Der kleine Prinz" begeistert die ganze Welt

Die englische Buchausgabe von "Der kleine Prinz" als Original von 1950. (Quelle: Wikipedia)

Das moderne Märchen vom "kleinen Prinzen" ist eines der größten Bucherfolge der Nachkriegszeit. Es wurde schon in mehr als 140 verschiedene Sprachen übersetzt. In der japanischen Stadt Hakone gibt es sogar ein Museum für den "kleinen Prinzen". Seine tiefgründigen und einfühlsamen Botschaften und Aussagen sprechen Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt an. Antoine de Saint-Exupéry versetzt sich selbst als einen der Charaktere in eine Welt voller Fantasie, in der sich realistische sowie unwirkliche und traumähnliche Elemente ergänzen. Der Erzähler macht nach einer Flugzeugpanne in der Einsamkeit der Wüste Bekanntschaft mit dem kleinen Prinzen, einem "kleinen, ganz außergewöhnlichen Männchen". Dieser erzählt ihm, er habe seinen Heimatplaneten verlassen, da er sich mit der stolzen und eitlen Rose zerstritten habe. Nach mehreren Stationen auf anderen Planeten sei er schließlich auf der Erde gelandet.

Der kleine Prinz erzählt von verschiedenen Personen, die er auf seiner Reise getroffen hat. Jede Episode über einen Planeten kann man hierbei als eigenständiges Gleichnis sehen: Jede Person auf einem anderen Planeten steht also symbolisch für eine bestimmte negative Charaktereigenschaft, die viele Menschen in der wirklichen Welt auch haben. Der Geschäftsmann zum Beispiel ärgert sich, vom kleinen Prinzen gestört zu werden, während der König nur daran denkt, seine Untertanen zu beherrschen. Der Eitle freut sich lediglich über die Bewunderung anderer und der Geograph kennt fremde Länder nur aus Büchern. Bildhaft spielt Antoine de Saint-Exupéry als Autor auf gesellschaftliche Probleme an: Viele Menschen leben nur in ihrer eigenen Welt und kümmern sich kaum um die Probleme anderer. Saint-Exupéry kritisiert zum Beispiel übertriebene Rastlosigkeit, Machtansprüche, Eitelkeit sowie Trägheit. Der kleine Prinz, die Verkörperung eines jeden Kindes, sucht einfach nur nach Gemeinschaft und Freundschaft, die er aber unter den Bewohnern der Planeten nicht finden kann.

Saint-Exupérys Botschaft und sein mysteriöser Tod

Antoine de Saint-Exupéry zeichnete die Abbildungen in "Der kleine Prinz" selbst. (Quelle: Wikipedia)

Erst als der kleine Prinz auf der Erde den schlauen Fuchs trifft, lernt er, was Mitmenschlichkeit bedeutet. "Man sieht nur mit den Augen des Herzens in der richtigen Weise. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen", lehrt der Fuchs. Die Moral des Märchens besagt, dass die Erwachsenen zu sehr auf Äußerlichkeiten achten und sich selbst zu wichtig nehmen. Kinder hingegen begreifen das Innere der Dinge mit dem Herzen und lassen sich weniger von der äußeren Erscheinung beirren.

Der riesige Erfolg von "Der kleine Prinz" ist darauf zurückzuführen, dass grundlegende Themen wie Freundschaft, Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit im Mittelpunkt stehen. Antoine de Saint-Exupérys Held ist hier ein kleiner Junge, der in der oberflächlichen Welt der Erwachsenen wahre und wichtige Werte sucht - ein Thema, das Menschen auf der ganzen Welt anspricht. Deswegen wird das Märchen auch noch immer gerne als Schulliteratur gelesen.

Noch mehr Beachtung erhielt "Der kleine Prinz", weil Antoine de Saint-Exupéry nur ein Jahr nach der Veröffentlichung auf mysteriöse Weise verstarb. 1944 musste er erneut Aufklärungseinsätze, diesmal im südlichen Mittelmeer, fliegen. Nazi-Deutschland war fast besiegt und die Mittelmeerregion beinahe unter der Kontrolle der US-amerikanischen, britischen und französischen Streitkräfte. Am 31. Juli 1944 hob Saint-Exupéry von der Insel Korsika zu seinem letzten Flug ab, von dem er jedoch nie zurückkehrte. Man vermutet, dass er von einem deutschen Jagdflugzeug abgeschossen wurde. Es ist aber auch nicht gänzlich auszuschließen, dass Antoine de Saint-Exupéry Selbstmord beging. Er soll vor seinem Tod unter Depressionen gelitten und sich von der Welt entfremdet gefühlt haben. Er träumte von einer besseren Welt. Wie der kleine Prinz war auch er selbst auf der Suche nach wahren Werten in einer Welt, die vom Krieg zerrissen war.

letzte Aktualisierung: 30.07.2010

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