Lexikon: Pauperismus / Pauperismuskrise

von Andreas Fischer

Das Bild "Ein Hundeleben" von Gustave Doré aus dem Jahr 1872 illustriert das Elend großer Bevölkerungsschichten in Folge der Industrialisierung.

Der Begriff "Pauperismus" geht auf das lateinische Wort "pauper" zurück, das übersetzt "arm" heißt. Pauperismus hat zwei historische Bedeutungen: Zum einen ist eine Bewegung im 12. Jahrhundert gemeint, die sich aus Protest gegen den zunehmenden Reichtum der Kirche gebildet hat und als dessen bekanntester Vertreter Franz von Assisi gilt.

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Die zweite und geläufigere Bedeutung ist allerdings eine mit der Frühindustrialisierung einhergehende katastrophale Verarmung großer Bevölkerungsschichten, die in den 1830er und 1840er Jahren vor allem in Deutschland ihren Höhepunkt fand. Der so genannten Pauperismuskrise ging ein gewaltiger vorindustrieller Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts voraus. Dieser wurde durch technische Verbesserungen in der Landwirtschaft und Ausweitungen der Anbauflächen sowie die Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel ermöglicht. Auch gesellschaftliche Veränderungen wie zum Beispiel der Wegfall grundherrschaftlicher Bindungen ebneten ihr den Weg. Immer mehr Menschen konnten sich und ihre Familien ernähren - wenn sie auch oft in bitterer Armut lebten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es regelrecht zu einem explosionsartigen Anstieg der Bevölkerungszahl.

Mit der Industrialisierung, also dem Übergang von landwirtschaftlichen zu industriellen Produktionsweisen, ging eine starke Arbeitsteilung einher. Um den größtmöglichen Gewinn zu erzielen, wurde die Herstellung von Gütern in viele kleine Schritte aufgeteilt, und jeder einzelne Arbeiter war nur noch für einen ganz bestimmten Bereich zuständig. Einer der wichtigsten Begründer des Kommunismus, Karl Marx, kritisierte an dieser "Spezialisierung", dass dadurch der einzelne Arbeiter zu einem "kleinen Rädchen" im System verkomme, das leicht ausgewechselt werden könne. Dadurch sei er gezwungen, auch menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf zu nehmen. Während vor der "Industriellen Revolution" jedem Arbeiter und Handwerker durch seine besonderen Fähigkeiten eine wichtige Bedeutung im Herstellungsprozess zukam, wurde er nun zu einem jederzeit ersetzbaren Teil der Masse. Da es damals noch keine Gewerkschaften gab, die für die Rechte der Arbeiter hätten eintreten können, lebten großte Teile der Bevölkerung praktisch wie "Arbeitssklaven" der mächtigen und reichen Industrieunternehmen. Ein Zwölfstunden-Arbeitstag sowie Kinderarbeit waren damals an der Tagesordnung. Ein weiteres Problem stellte die zunehmende "Urbanisierung" - also Verstädterung - dar: Immer mehr Menschen zogen in die Städte, um sich dort als Lohnarbeiter durchzuschlagen. Doch Wohnungen waren knapp und teuer, sodass sich regelrechte Elendsviertel bildeten.

Als sich in Folge von Missernten und der Wirtschaftskrise die Situation großer Bevölkerungsgruppen weiter verschlimmerte, entstand die eigentliche Pauperismuskrise. Es gab zunehmend gesellschaftliche Auflösungserscheinungen, mit welchen Unruhen, Seuchen und Verwahrlosung unter den Betroffenen einher gingen. Es entstand der Begriff der "Sozialen Frage" - dahinter verbirgt sich die Auseinandersetzung mit den durch die Industrialisierung auftretenden gesellschaftlichen Missständen und der Frage, wie man diesen begegnen kann. Émile Laurent definierte 1865 Pauperismus als "Epidemie der Armut".


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