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Das Tagebuch der Anne Frank

Teil 2 von 2

Anne Frank führte ihr Tagebuch von Juni 1942 bis August 1944. Am 4. August 1944 wurden sie und ihre Familie von deutschen Polizisten verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Eine Freundin, welche die Familie im Versteck versorgt hatte, fand Annes Tagebuch und bewahrte es auf. Nach Kriegsende übergab sie die Aufzeichnungen Annes Vater, der als einziges Familienmitglied die Judenverfolgung überlebt hatte. Er veröffentlichte das Tagebuch im Jahr 1947. Hier kannst du zwei Eintragungen aus Annes Tagebuch lesen.

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Freitag, 9. Oktober 1942

Liebe Kitty!

Auch Anne wurde ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort von ihrer Familie getrennt.

Nichts als traurige und deprimierende Nachrichten habe ich heute. Unsere jüdischen Bekannten werden gleich gruppenweise festgenommen. Die Gestapo geht nicht im geringsten zart mit diesen Menschen um. Sie werden in Viehwagen nach Westerbork gebracht, dem großen Judenlager in Drente. Miep hat von jemandem erzählt, der aus Westerbork geflohen ist. Es muss dort schrecklich sein. Die Menschen bekommen fast nichts zu essen, geschweige denn zu trinken. Sie haben nur eine Stunde pro Tag Wasser und ein Klo und ein Waschbecken für ein paar tausend Menschen. Schlafen tun sie alle durcheinander, Männer und Frauen, und die letzteren und Kinder bekommen oft die Haare abgeschoren. Fliehen ist fast unmöglich. Die Menschen sind gebrandmarkt durch ihre kahl geschorenen Köpfe und viele auch durch ihr jüdisches Aussehen.

Wenn es in Holland schon so schlimm ist, wie muss es dann erst in Polen sein? Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben.

Anne mit ihrer älteren Schwester Margot im Jahr 1933. In diesem Jahr flüchtete die Familie vor den Nazis in die Niederlande.

Ich bin völlig durcheinander. Miep erzählt all diese Greuelgeschichten so ergreifend und ist selbst ganz aufgeregt dabei. Erst neulich saß zum Beispiel eine alte, lahme jüdische Frau vor ihrer Tür und musste auf die Gestapo warten, die weggegangen war, um ein Auto zu holen, um sie abzutransportieren. Die arme Alte hatte solche Angst vor der Schießerei auf die englischen Flugzeuge und auch vor den grellen, flitzenden Scheinwerfern. Trotzdem wagte Miep nicht, sie ins Haus zu holen, das würde niemand tun. Die Herren Deutsch sind nicht zimperlich mit ihren Strafen.

Auch Bep ist still. Ihr Freund muss nach Deutschland. Sie hat jedes Mal Angst, wenn die Flugzeuge über unsere Häuser fliegen, dass sie ihre Bombenlast von oft einer Million Kilo auf Bertus‘ Kopf fallen lassen. Witze wie: ”Eine Million wird er wohl nicht bekommen” und ”Eine einzige Bombe ist schon genug” finde ich nicht gerade angebracht. Bertus ist nicht der Einzige, der gehen muss, jeden Tag fahren Züge voll mit jungen Leuten weg. Manchen gelingt es, heimlich auszusteigen, wenn sie auf einem kleinen Bahnhof halten, und dann unterzutauchen. Einem kleinen Prozentsatz gelingt das vielleicht.

Überlebende in Auschwitz nach der Befreiung. Anne starb in Bergen-Belsen, wenige Wochen bevor auch sie befreit worden wäre.

Ich bin noch nicht fertig mit meinem Trauergesang. Hast du schon mal was von Geiseln gehört? Das führen sie nun als neueste Strafmethode für Sabotage ein. Etwas Schrecklicheres kann man sich nicht vorstellen. Angesehene, unschuldige Bürger werden verhaftet und warten auf ihre Ermordung. Wird irgendwo sabotiert und der Täter nicht gefunden, stellt die Gestapo seelenruhig so fünf Geiseln an die Wand. Oft stehen die Todesmeldungen in der Zeitung. Ein ”schicksalhaftes Unglück” wird dieses Verbrechen dann genannt.

Ein schönes Volk, die Deutschen, und da gehöre ich eigentlich auch noch dazu! Aber nein, Hitler hat uns längst staatenlos gemacht. Und im Übrigen gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden.

Deine Anne


Freitag, 26. Mai 1944

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Liebste Kitty!

Anne Franks Tagebuch ist heute eines der meistgelesenen Bücher der Welt.

Endlich, endlich bin ich so weit, dass ich ruhig an meinem Tischchen vor dem spaltbreit offenen Fenster sitzen und dir alles schreiben kann.
Ich fühle mich so elend wie seit Monaten nicht (…).

Ich frage mich immer wieder, ob es nicht besser für uns alle gewesen wäre, wenn wir nicht untergetaucht wären, wenn wir nun tot wären und dieses Elend nicht mitmachen müssten und es vor allem den anderen ersparten. Aber auch davor scheuen wir zurück. Wir lieben das Leben noch, wir haben die Stimme der Natur noch nicht vergessen, wir hoffen noch, wir hoffen auf alles.

Lass nur schnell was passieren, notfalls auch Schießereien. Das kann uns auch nicht mehr zermürben als diese Unruhe! Lass das Ende kommen, auch wenn es hart ist, dann wissen wir wenigstens, ob wir letztlich siegen werden oder untergehen.

Deine Anne M. Frank


Quelle:
Anne Frank: "Tagebuch". Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag. ISBN: 3-596-15277-1. S. 64f.; S. 287f.

letzte Aktualisierung: 18.01.2010

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Teil 2 von 2

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