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Kosovo: Pulverfass im Schwebezustand

von Anne Walkembach aus Prizren - 11.02.2006

Über sechseinhalb Jahre nach dem Ende des Kosovo-Kriegs ist immer noch nicht geklärt, was aus dem kleinen Zipfel Land auf dem Balkan werden soll. Der Kosovo gehört zwar offiziell zu Serbien, er wird aber seit Jahren von den Vereinten Nationen verwaltet. Die albanische Bevölkerungsmehrheit wünscht sich einen unabhängigen Staat, die serbische Minderheit lehnt dies ab. Helles-Köpfchen-Reporterin Anne Walkembach hat bei ihrer Reise durch den Kosovo festgestellt, dass es jederzeit wieder zu blutigen Kämpfen zwischen den beiden verfeindeten Bevölkerungsgruppen kommen könnte.

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Im Kosovo-Krieg 1999 kamen internationale Streitkräfte den Kosovo-Albanern zu Hilfe. Mittlerweile sind sie jedoch unerwünscht. (Quelle: KFOR / Wikipedia)

Die albanischen Kosovaren wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich von Serbien loszukommen. Unter dem früheren serbischen Machthaber Slobodan Milosevic wurden sie unterdrückt, misshandelt und einige von ihnen ermordet. Zwar ist Milosevic schon lange nicht mehr serbischer Präsident, sondern muss sich derzeit vor Gericht für zahlreiche Kriegsverbrechen verantworten. Doch auch die neue, demokratische Regierung Serbiens will den Kosovo auf gar keinen Fall in die Unabhängigkeit entlassen.

Sie begründet das damit, dass sie die serbische Bevölkerungs-Minderheit im Kosovo weiterhin beschützen müsse. Denn einige Albaner sind noch immer wütend auf die Serben und sinnen nach Rache. Nicht alle unterscheiden in ihrem Zorn zwischen der serbischen Armee, die ihnen womöglich einst sehr viel Leid angetan hat, und der serbischen Zivilbevölkerung. Zwar scheint die Lage auf den ersten Blick ruhig zu sein, aber unter der Oberfläche brodelt es. Noch immer sind Hass und Misstrauen auf beiden Seiten groß.

Keine Verhandlungen - Selbstbestimmung

Sowohl die Serben als auch einige albanische Kosovaren haben Gespräche über die Zukunft des Kosovos lange Zeit abgelehnt. (Quelle: Anne Walkembach)

Noch nicht einmal jeder zehnte Kosovare ist Serbe. Die serbische Minderheit hat große Angst davor, dass der Kosovo unabhängig wird. Denn dann würde sie sich den Albanern schutzlos ausgeliefert fühlen. Trotzdem muss endlich eine Lösung des Problems gefunden werden. Denn es ist sehr gefährlich, die Kosovo-Bewohner weiterhin im Ungewissen darüber zu lassen, was denn nun mit ihrer Region geschehen soll. Die Stimmung ist aufgeheizt. Seit dem Ende des Kosovo-Krieges verwalteten die Vereinten Nationen (UN) die Provinz. Nach mehr als sechs Jahren haben die Leute den Schwebezustand satt und wollen endlich Klarheit über ihre Zukunft.

Die Stadt Prizren liegt im südlichen Teil des Kosovos. Überall, wo hier das Auge hinfällt, kann man den Schriftzug "Jo negociata - Vetendosje" lesen. Vermutlich waren es Anhänger des albanischen Unruhestifters Albin Kurti, die diese Parole fein säuberlich an viele Hauswände gesprüht haben. Übersetzt bedeuten die Worte "Keine Verhandlungen - Selbstbestimmung“. Da die Albaner die große Mehrheit stellen, ist klar, wie eine solche Abstimmung ausgehen würde.

Wut auf die Vereinten Nationen

Es ist nicht als Freundlichkeit gemeint, dass die Kosovaren das United-Nations-Emblem "UN" auf ihre Mülltonnen geschrieben haben. (Quelle: Anne Walkembach)

Der überwiegende Teil der Bevölkerung würde sich für die Loslösung von Serbien aussprechen. Natürlich sind die Serben deshalb gegen eine Volksbefragung. Auch die UN-Verwaltung hat es bislang verhindert, dass sich der Kosovo ohne vorherige Verhandlungen von Serbien abtrennt. Denn ein solcher eigenmächtiger Schritt gegen den Willen der serbischen Regierung könnte zu einem neuen schweren Konflikt führen - vielleicht sogar zu einem neuen Krieg. Weil sie sich in ihrem Streben nach Unabhängigkeit gebremst fühlen, ist die Wut der albanischen Kosovaren auf die Vereinten Nationen (UN) inzwischen groß. Die meisten wünschen sich, dass die UN-Mitarbeiter das Land so schnell wie möglich verlassen.

Dabei waren die internationalen Truppen vor gar nicht langer Zeit noch sehr willkommen, als sie ihnen am 24. März 1999 zur Hilfe gekommen sind. Der Kosovo-Krieg dauerte noch nicht einmal drei Monate, bis sich alle serbischen Truppen am 10. Juni 1999 vollständig aus der umkämpften Region zurückziehen mussten. Vor dem Krieg war es zum Streit zwischen Serben und Kosovo-Albanern gekommen, weil Serbiens damaliger Präsident Milosevic die Rechte der albanischen Bewohner immer weiter eingeschränkt hatte.

Die Albaner hatten bereits Anfang der 1990er Jahre ihre Befreiungsarme "UÇK" (gesprochen U-Tschee-Ka) gegründet, um sich gegen die serbische Armee zu wehren. Seit etwa 100 Jahren strebt der Kosovo die Unabhängigkeit an. Im Laufe der Zeit ging Serbien immer brutaler gegen die Albaner im Kosovo vor. Verfolgt wurden dabei jedoch nicht nur die UÇK-Kämpfer, sondern auch viele unbewaffnete albanischen Zivilisten. Kosovo-Albaner sollen sogar systematisch ermordet worden sein, bis schließlich die Nato einschritt und dem ein Ende setzte.

Von Dankbarkeit ist nichts mehr zu spüren

Internationale Schutztruppen versuchen zu verhindern, dass Albaner und Serben im Kosovo aufeinander losgehen. (Quelle: Österreichisches Bundesheer / KFOR)

Später haben die Vereinten Nationen die zivile (bedeutet "nicht militärische") Verwaltung des Kosovos übernommen. Nato-Soldaten versuchen seitdem im Auftrag der Vereinten Nationen für Ruhe und Sicherheit in der Region zu sorgen. Doch von Dankbarkeit ist bei den Kosovo-Albanern schon lange nichts mehr zu spüren. Die einstigen Retter werden mittlerweile als Eindringlinge empfunden.

Um ihrem Ärger Luft zu machen, haben einige Albaner "UN", die englische Abkürzung für Vereinte Nationen, in großen schwarzen Buchstaben auf die Müllcontainer der Stadt Prizren geschrieben. Was die beiden Buchstaben an dieser Stelle zu bedeuten haben, ist klar: In ihren Augen ist die Kosovo-Verwaltung der Vereinten Nationen schon lange überflüssig und gehört auf den Müllhaufen. Durch den politischen Schwebezustand ihres Landes werde vor allem auch die wirtschaftliche Entwicklung des Kosovos gebremst, glauben die meisten albanischen Bewohner. Und wenn die Wirtschaft am Boden liegt, finden viele Menschen keine Arbeit. Dadurch wachse die Armut in der ohnehin zurückgebliebenen Region weiter.

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Spannung unter der Oberfläche

Die letzten serbischen Bauwerke in Prizren müssen von KFOR-Soldaten beschützt werden. (Quelle: Anne Walkembach)

Die meisten Fabriken sind im Bürgerkrieg zerstört worden. Zwar öffnet wöchentlich eine neue Tankstelle. Aber wer soll bei einem Durchschnittslohn von 200 Euro pro Monat soviel "Bleifrei", wie im Kosovo das Benzin heißt, kaufen? Der Deutsche Joachim Rücker ist in der UN-Verwaltung verantwortlich für die Wirtschaftsentwicklung. In den vergangenen Monaten habe es Fortschritte gegeben, sagt er, sogar eine "deutliche Aufbruchstimmung" will er spüren. Das Problem ist jedoch, dass der Kosovo bislang noch keine Handelsabkommen mit anderen Ländern schließen darf. Und solange nicht klar ist, wie es weitergehen wird, trauen sich nur sehr wenige ausländische Manager, mit ihrem Geld Handelsunternehmen im Kosovo aufzubauen.

Eine Patrouille der Nato-Schutztruppe geht alle paar Stunden schwer bewaffnet die Überbleibsel der serbischen Kultur in Prizren ab. Von den einst 9.000 serbischen Bürgern sind nach den schweren Unruhen im März 2004 nur noch eine Handvoll geblieben. 20 Menschen sind damals von gewalttätigen Albanern umgebracht sowie 500 Häuser und serbisch-orthodoxe Kirchen niedergebrannt worden. Mehrere tausend Serben mussten aus der Stadt fliehen.

Allen sind jene zwei blutigen Märztage noch schmerzlich bewusst - Serben, den gemäßigten Albanern und der UN-Schutztruppe. "Damals dachte niemand, dass so etwas passieren kann", sagt ein deutscher Kompanieführer nachdenklich. Auch damals sei es scheinbar ruhig gewesen - bis zu dem Augenblick, als die Gewalt plötzlich ausgebrochen ist. In den Tagen vor dem Knall habe eine ähnliche Stimmung geherrscht wie heute. "Es gab viel Spannung unter der Oberfläche“.

Rugova-Nachfolger gefunden

Ibrahim Rugova wollte die gewaltfreie Loslösung des Kosovos von Serbien erreichen. (Quelle: Pristina.Usmission.gov)

Nachdem sich die Gewalt entladen hatte, entspannte sich die Lage in den folgenden Monaten wieder spürbar. Im Herbst 2005 stellte der norwegische UN-Diplomat Kai Eide sogar fest: "Ein besser Augenblick als jetzt, um den Status des Kosovos anzugehen, wird nicht kommen." Doch dieser "günstige Augenblick" scheint schon wieder vorbei zu sein. Kosovo-Präsident Ibrahim Rugova, der für die gewaltfreie Loslösung des Landes von Serbien eingetreten war, ist am 21. Januar an Krebs gestorben. Von diesem Schock müssen sich die Kosovo-Albaner, bei denen er sehr beliebt war, erst einmal erholen.

Um seine Nachfrage war ein Machtkampf entbrannt. Gemäßigte Kosovo-Albaner, die weiterhin auf Verhandlungen setzen, standen dabei radikaleren Kosovaren gegenüber, die längst die Geduld verloren haben. Sie haben es satt, darauf zu warten, bis Serbien endlich zu Gesprächen über die Zukunft des Kosovos bereit ist. Mit Fatmir Sejdiu hat sich jedoch ein ruhiger und besonnener Politiker durchgesetzt. Am 10. Februar ist der 54-jährige Jura-Professor zum neuen Kosovo-Präsidenten gewählt worden. Die Hoffnung ist berechtigt, dass er den friedlichen Weg seines Vorgängers fortsetzen wird. Schon am 20. Februar sollen die Verhandlungen mit der serbischen Regierung beginnen - endlich.

Das ist ein großer Fortschritt, denn lange Zeit hatte der serbische Regierungschef Vojislav Koštunica Gespräche mit der Kosovo-Regierung strikt abgelehnt. Er befürchtete wahrscheinlich zu Recht, dass von Anfang an nur über die Loslösung der Region gesprochen werden soll.

Mehr Rechte ja - Loslösung nein

Serbien will verhindern, dass sich Kosovo dem Nachbarland Albanien anschließt. (Quelle: Helles Köpfchen)

Im Herbst hatte er vor der UN-Vollversammlung erklärt, dass Serbien zwar bereit sei, dem Kosovo mehr Rechte zuzugestehen. So solle die Region eigene Gesetze beschließen und eigene Richter bestimmen dürfen sowie vielleicht sogar einen eigenen Sitz in der UN-Vollversammlung erhalten. Loslösen dürfe sich der Kosovo jedoch auf gar keinen Fall: "Es kann nicht sein, dass ein demokratisches Land wie Serbien gezwungen wird, die eigenen Grenzen gegen seinen Willen zu verändern", sagte Koštunica.

Er befürchtet, dass sich der Kosovo sofort mit dem Nachbarland Albanien verbinden wird, sobald er offiziell als eigenständiger Staat anerkannt worden ist. Ein "Groß-Albanien" will die serbische Regierung jedoch auf jeden Fall verhindern. Dass es bei den Verhandlungen auch zu einer für beide Seiten vertretbaren Lösung kommen wird, ist ungewiss. Bislang standen sich die festgefahrenen Blöcke sehr misstrauisch gegenüber. Sollten die Gespräche im Streit abgebrochen werden, dann könnte das der Funke sein, der genügt, um die Gewalt erneut zu entfachen. Doch das wünscht sich im Kosovo und auch im restlichen Serbien niemand.

Vergiss nicht, dir oben rechts die Kosovo-Bildergalerie anzusehen.<

letzte Aktualisierung: 15.02.2010

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