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"Hallo Angst, ich beachte dich nicht"

Teil 2 von 3

von Anna Schäfer - 13.04.2006

Nadeschda Lazko war elf Jahre alt, als ganz in ihrer Nähe der Atomreaktor von Tschernobyl in die Luft flog. Der Regen brachte mit der radioaktiven Strahlung auch Krankheit, Tod und Angst in ihre Stadt. Seit acht Jahren lebt die heute 31-jährige Frau in München, wo sie als Journalistin und Buchautorin arbeitet. Das Helle Köpfchen hat sich mit ihr über das Unglück und die Angst vor der unsichtbaren Gefahr unterhalten.

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Nadeschda lächelt ein halbes Jahr nach der Katastrophe in die Kamera. Doch die Angst ist immer da. (Quelle: Nadeschda Lazko)

Helles Köpfchen: Wo waren Sie, als der Atomreaktor explodiert ist?
Nadeschda Lazko: Ich lebte damals in Gomel. Das ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands, sie liegt im Dreiländereck zwischen Weißrussland, Russland und der Ukraine, nur etwa 120 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ich war damals elf Jahre alt. Regenwolken haben die meiste Strahlung aus dem zerstörten Atomreaktor zu uns ins Gomeler Gebiet getragen.

HK: Wie haben Sie damals von der Katastrophe erfahren?
Lazko: Ich kann mich daran erinnern, dass ich erst Tage später überhaupt etwas von dem Unfall mitbekommen habe. Meine Eltern haben das in den Nachrichten gehört, nachdem bereits die ganze Welt informiert war. Die sowjetischen Behörden wollten den GAU zunächst geheimhalten. Meine Eltern haben dann versucht, meiner kleinen Schwester und mir zu erklären, was passiert war. Dabei hatten sie das selbst gar nicht richtig verstanden.

HK: Wie sind Ihre Eltern mit der Situation umgegangen?
Lazko: Unsere Eltern wussten nicht genau was sie tun sollten, um meine Schwester und mich zu schützen. Es gab ja kaum Informationen. Alle waren verunsichert. Die erste Reaktion war, dass wir nicht mehr draußen spielen durften. Wir hielten uns fast nur noch in geschlossenen Räumen auf. Wenn wir von draußen rein kamen, mussten wir die Kleider ausschütteln. Ständig haben wir die Wohnung geputzt und uns gewaschen, vor allem die Haare, um den radioaktiven Staub los zu werden. Meine Mutter hat uns auch eine Mullmaske gemacht, mit der wir dann zur Schule gegangen sind. Aber das hat alles wenig gebracht. Als die Spezialisten einige Wochen nach dem GAU die Strahlung in unserer Wohnung gemessen haben, war sie noch immer sehr hoch.

Noch ist die Welt in Ordnung. Nadeschda (rechts) mit ihrer kleinen Schwester (vorne) und zwei Cousinen. Sieben Monate später exlodierte Tschernobyl. (Quelle: Nadeschda Lazko)

HK: Gab es nach dem Unglück genug zu essen?
Lazko: Nein. Eines der größten Probleme war, dass die Lebensmittel verstrahlt waren. Alle Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und Fleisch waren belastet, es gab kaum etwas Essbares zu kaufen. In den ersten Wochen haben wir deshalb richtig gehungert.

HK: Haben Sie als damals 11-jähriges Mädchen die Bedrohung wahrgenommen?
Lazko: Ja, die psychische Belastung war für uns Kinder groß. Was es bedeutet, mit der ständigen Angst und Unsicherheit zu leben, lässt sich schlechter in Worte fassen als die materiellen Einschränkungen. Aber Kinder spüren diese Angst ganz deutlich.

HK: Hat sich das Leben in Gomel nach dem Unfall verändert?
Lazko: Ja. Die Menschen haben gemerkt, dass sie nicht fliehen können und dass sie alle im selben Boot sitzen. Im Gegensatz zu den umliegenden Dörfern wurde die Großstadt Gomel mit ihren 500.000 Einwohnern nicht geräumt. Das war einfach zu viel, die Behörden hatten nicht genügend Transportmittel und wussten auch nicht, wo sie die ganzen Leute unterbringen sollten. Deswegen mussten die Menschen versuchen, sich mit der Situation abzufinden. Sie haben einfach nicht mehr über das gesprochen, was passiert ist. Sie haben versucht so zu tun, als sei nichts geschehen. Das ist sogar heute noch so. Aber es ist schwerer geworden, weil man heute täglich mit Krankheiten konfroniert ist, die ihre Ursache in dem Unglück haben.

Seit acht Jahren lebt Nadeschda Lazko (31) in Deutschland. (Quelle: Nadeschda Lazko)

HK: Sie leben heute in Deutschland. Hat auch Ihre Familie inzwischen die verstrahlten Gebiete verlassen?
Lazko: Nein, meine Familie lebt noch immer in Gomel. Ein- bis zweimal im Jahr fahre ich dorthin, um sie zu besuchen.

HK: Wie erleben Sie Gomel bei Ihren Besuchen?
Lazko: Äußerlich sieht es dort auf den ersten Blick vielleicht ganz friedlich und harmlos aus. Aber wenn im Bekanntenkreis so viele Kinder an Blutkrebs sterben oder behinderte Kinder auf die Welt kommen, dann drängt sich das Unglück wieder ins Bewusstsein. Viele Menschen haben Schilddrüsenkrebs oder andere Schilddrüsenerkrankungen, wir alle hatten Probleme mit der Schilddrüse. Was geschehen ist, ist längst nicht vorbei. Im Gegenteil, es ist heute besonders aktuell.

HK: Sie selbst haben als Kind auch eine Menge radioaktiver Strahlen abbekommen. Wie gehen Sie heute als erwachsene Frau mit dieser Belastung um?
Lazko: Natürlich haben wir alle, die wir die Strahlung abbekommen haben, Angst vor möglichen gesundheitlichen Folgen. Viele Menschen können mit dieser Angst nicht umgehen, weil sie ihr zu viel Aufmerksamkeit schenken. Ich verdränge die Angst nicht, aber ich versuche, sie nicht zu beachten, ihr sehr wenig Platz in meinem Leben zu geben. Stattdessen mache ich Dinge, die mir gut tun.

HK: Und das hilft gegen die Angst?
Lazko: Ja, meistens funktioniert das ganz gut. Und wenn die Angst dann doch auftaucht, sage ich zu ihr: "Hallo Angst, ich weiß du bist da, aber ich beachte dich nicht."

letzte Aktualisierung: 26.04.2011

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