Die Nacht, in der Tschernobyl explodierte

30. Jahrestag der atomaren Katastrophe

Teil 1 von 3

von Anna Schäfer - aktualisiert - 26.04.2016

Vor 30 Jahren kam es im osteuropäischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum schwersten atomaren Unfall überhaupt: dem Super-GAU. Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine explodierte am 26. April 1986 der vierte Block der sowjetischen Atomanlage "Lenin". Eine gewaltige Menge Radioaktivität wurde freigesetzt. In ganz Europa fiel verseuchter Regen vom Himmel. Doch am schlimmsten waren die Menschen betroffen, die in der Nähe von Tschernobyl lebten. Hunderte starben, andere leiden noch heute.

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1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine ein Super-GAU, der schlimmste Unfall in einem AKW. Bild: Der beschädigte Reaktor im AKW Tschernobyl 2003 (Quelle: Elena Filatova)

In der Nacht des schlimmsten atomaren Unfalls, den es jemals gegeben hatte, sollte die Belegschaft des Atomkraftwerks "Lenin" in Tschernobyl einen Test durchführen. Die Frage lautete, ob der vierte Atomreaktor-Block auch bei einem Stromausfall ordnungsgemäß arbeiten würde. Die Sicherheitssysteme wurden dafür ausgeschaltet.

Doch der Test verlief nicht nach Plan. Die Leistung des Reaktors stieg plötzlich schlagartig. Die Techniker bekamen Angst und wollten den Test abbrechen. Doch da war es schon zu spät: Die Notabschaltung, mit der die atomare Kettenreaktion unterbrochen werden sollte, misslang. Stattdessen machte die Temperatur im Inneren des Reaktors noch einmal einen gewaltigen Sprung - sie erreichte 2000 Grad Celsius. Das war zuviel für den Reaktorkern. Als er schmolz, kam es zu einer gewaltigen Explosion, bei der die 1000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Gebäudes weggesprengt wurde.

Strahlen-Tod noch nach Jahrzehnten möglich

Die Bevölkerung in der Nähe von Tschernobyl wurde zu spät gewarnt. Erst Tage später durften sie überstürzt fliehen.

Was viele Menschen nicht für möglich gehalten hatten, war plötzlich Realität geworden: der atomare Super GAU. GAU ist die Abkürzung für "Größter Anzunehmender Unfall". Innerhalb kurzer Zeit wurden mehrere tausend Quadratkilometer Fläche im Umkreis des Kraftwerks verseucht. Durch die Explosion gelangte die radioaktive Strahlung auch in die Atmosphäre. Der Wind trug die gefährliche Wolke viele tausend Kilometer weit. Der Tschernobyl-GAU hatte dadurch Auswirkungen in allen Ländern Europas. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz fiel radioaktiver Regen.

Eine große Menge Radioaktivität kann die Zellen im menschlichen Körper verändern oder zerstören. Wer die so genannte "Strahlenkrankheit" bekommt, stirbt manchmal nach wenigen Tagen oder Wochen. Es kann jedoch auch Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis verstrahlte Menschen an Krebs erkranken und sterben.

Sperrzone im Umkreis von 30 Kilometern

Tschernobyl liegt ganz im Norden der Ukraine an der Grenze zu Weißrussland (Quelle: Wikipedia)

Radioaktivität kann man nicht sehen, nicht riechen und auch nicht schmecken. Aber gerade das macht sie so gefährlich. Denn wenn man eine Gefahr nicht erkennt, kann man sich auch nicht vor ihr schützen. In den ersten Tagen nach dem Unfall wussten viele Menschen noch gar nichts von der atomaren Katastrophe. Die Behörden in der Sowjetunion versuchten zunächst, den Unfall zu verheimlichen. Deshalb aßen die ahnungslosen Bewohner in den betroffenen Gebieten weiter die radioaktiv verstrahlten Lebensmittel.

Viel zu spät wurden schließlich doch über 300.000 Menschen evakuiert. Das heißt, dass sie die verseuchten Gebiete verlassen durften und an einem anderen Ort untergebracht wurden. Im Umkreis von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet, in der sich niemand aufhalten durfte. Der Reaktor brannte nach der Explosion noch fast 14 Tage lang weiter vor sich hin. Dann mussten hunderttausende Arbeiter, Feuerwehrleute und Wehrpflichtige - so genannte "Liquidatoren" - ohne ausreichende Schutzkleidung den gefährlichen Schutt vom Dach des Reaktors räumen. Viele dieser Männer wurden später krank, einige starben bereits wenige Wochen nach dem Einsatz.

Angst vor der unsichtbaren Gefahr

Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben viele Menschen gegen die Atomkraft protestiert. (Quelle: Denis Apel (Wikipedia))

Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten die Menschen große Angst vor der radioaktiven Strahlung, die mit dem Wind zu uns herüber getragen wurde. Mit dem Regen gelangte die Radioaktivität auch auf unsere Felder, Wiesen und Wälder. Ich selbst war damals sieben Jahre alt, als die Katastrophe passierte. Ich erinnere mich noch gut an die Angst vor der unsichtbaren Gefahr.

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Meine Eltern haben mir eine Zeitlang verboten, draußen zu spielen. Wir aßen keinen Salat und tranken keine Milch mehr. Auf dem Markt versicherten die Händler, dass ihre Erzeugnisse aus dem Gewächshaus stammen, da niemand mehr das kaufen wollte, was unter freiem Himmel gewachsen war. Ich spürte genau, dass sich meine Eltern Sorgen machten. Gerade die Tatsache, dass die Bedrohung nicht greifbar war und man die Folgen möglicherweise erst Jahre später sehen konnte, verunsicherte die Menschen. Niemand wusste, wie gefährlich die Strahlung wirklich war und ob man sich zu viel oder zu wenig sorgte.

In Deutschland, der Schweiz und vielen anderen europäischen Ländern dienen Atomkraftwerke der Stromgewinnung. In Österreich wurde das einzige fertig gestellte Kernkraftwerk dagegen nie in Betrieb genommen, da es 1978 durch eine Volksabstimmung abgelehnt wurde. Nach dem verheerenden Unglück in Tschernobyl wurden die Gefahren der Atomkraft plötzlich jedem bewusst. Politiker aller Parteien machten sich damals für den Ausstieg aus der Atomenergie stark - doch nur wenige Monate später hatte sich die Aufregung wieder gelegt. Die Atomkatastrophe in Japan im Jahr 2011, die auf der internationalen Störfall-Skala - wie das Unglück von Tschernobyl - auf höchster Stufe eingeordnet wurde, hat der Welt erneut die großen Risiken der Kernenergie vor Augen geführt und die Debatte um die Sicherheit der Atomkraftwerke wieder angefacht.

Krebs, Missbildungen und Fehlgeburten

Nach dem Unfall wurde der zerstörte Reaktor ummantelt. Trotzdem entweicht noch immer Radioaktivität. (Quelle: U.S. Nuclear Regulatory Commission)

In den Gebieten, die nach dem GAU die meiste Strahlung abbekommen haben, erkrankten in den darauf folgenden Jahren immer mehr Kinder an Schilddrüsen- und Blutkrebs. Es kommen auch heute noch viele behinderte und missgebildete Kinder auf die Welt, die Zahl der Fehlgeburten liegt weit über dem Durchschnitt. Genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt. Wissenschaftler und Ärzte streiten sich darüber, wie viele Opfer die Katastrophe bislang gefordert hat und noch in Zukunft fordern wird. Denn es ist davon auszugehen, dass auch noch in vielen Jahrzehnten Menschen an den Folgen des Reaktorunfall sterben werden.

Sogar Kinder, die die Katastrophe gar nicht selbst miterlebt haben, können krank werden. Denn die radioaktive Belastung ist zwar etwas schwächer geworden, aber sie ist noch immer vorhanden. Radioaktivität baut sich nur sehr langsam ab. Außerdem erben manche Kinder Krankheiten von ihren Eltern, da deren Erbgut durch die Radioaktivität beschädigt wurde. Verschiedene Organisationen sammeln deshalb immer noch Spenden, um Kinder aus den betroffenen Regionen in Ferienlager oder Kurkliniken zu schicken.

Rückkehr in eine verstrahlte Heimat

Die Satellitenaufnahme zeigt die radioaktiv verseuchte Landschaft im Umkreis von Tschernobyl. (Quelle: Wikipedia)

Das Sperrgebiet rund um Tschernobyl gibt es noch immer. Allerdings wacht die Armee nicht mehr darüber, dass niemand es betritt. Und so sind viele Familien dorthin zurückgekehrt. Der Grund war für die meisten, dass sie weder von der damaligen Sowjetunion noch von der heutigen Ukraine ausreichend für ihren zurückgelassenen Besitz entschädigt worden sind. Ihnen fehlt das Geld, um an einem sicheren Ort ein neues Leben zu beginnen. Deshalb haben sie sich dazu entschlossen, trotz aller Gefahren wieder in ihren alten Häusern zu leben, die Früchte ihrer verstrahlten Felder zu essen und die Milch ihrer verseuchten Kühe zu trinken.

Die unversehrt gebliebenen Teile des maroden Atomkraftwerks sind kurz nach der Katastrophe wieder in Betrieb genommen worden. Damit der zerstörte Reaktorblock Vier keine Radioaktivität mehr freisetzt, wurde eine meterdicke Betonschicht über ihn gegossen. Doch diese Decke ist rissig und porös, sodass die Strahlung auch heute noch entweichen kann. Erst im Jahr 2000 wurde Tschernobyl vollständig stillgelegt.

letzte Aktualisierung: 05.05.2016

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