"Wir gehen von 9.000 Krebstoten aus"

Teil 3 von 3

von Anna Schäfer - 13.04.2006

Peter Jacob ist Experte für Strahlenschutz am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in München. Er untersucht seit fast 20 Jahren, wie sich die Tschernobyl-Katastrophe auf Mensch und Umwelt ausgewirkt hat.

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Dr. Peter Jacob untersucht die Folgen des Reaktorunglücks. (Quelle: Peter Jacob)

Helles Köpfchen: Was waren die unmittelbaren Folgen des Reaktorunglücks für die Menschen in der Nähe von Tschernobyl?
Peter Jacob: Für die Bevölkerung in der Umgebung bedeutete der Unfall, dass sie ihre Dörfer verlassen mussten. Da das ganze Gebiet verseucht war, wurden die Menschen evakuiert. 300.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Damals hieß es, es sei nur für ein paar Tage, aber die Menschen durften bis heute nicht zurückkehren. Es wurde eine Sperrzone im Umkreis von 30 Kilometern eingerichtet, in der sich niemand aufhalten durfte.

HK: Und die Menschen, die in der Atomanlage gearbeitet haben?
Jacob: Wer direkt im Kraftwerk beschäftigt war oder nach dem Unfall dort geholfen und aufgeräumt hat, war einer sehr hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Viele dieser Menschen wurden krank, ungefähr 40 von ihnen starben wenige Woche nach dem Unfall an der so genannten Strahlenkrankheit.

Der Reaktor brannte fast zwei Wochen, ehe die Flammen gelöscht werden konnten. (Quelle: Federal Aviation Administration)

HK: Wie wirkte sich der Unfall auf die Menschen aus, die in weiter entfernten Ländern lebten wie Deutschland, Österreich und der Schweiz?
Jacob: Die erhöhte Radioaktivität war auch hier deutlich messbar, aber die Reaktionen waren übertrieben. Viele Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen, belastete Nahrungsmittel wie Milch wurden gemieden. Es herrschte richtig Panik.

HK: Bestand hierzulande keine Gefahr für die Gesundheit?
Jacob: Nein, dafür waren die Menge der radioaktiven Strahlung viel zu niedrig. Die natürliche Strahlung, die ein Mensch im Laufe seines Lebens aufnimmt, ist viel höher als die Strahlung, die aus Tschernobyl kam. Radioaktive Strahlung in geringer Dosierung gibt es überall, es gibt sie seit der Entstehung der Erde. Sie kommt aus dem Kosmos und ist überall in der Natur und auch im menschlichen Körper vorhanden. Aber damit leben wir, darauf ist unser Organismus vorbereitet.

HK: Hat der Unfall heute noch Auswirkungen auf Mensch und Umwelt?
Jacob: Die Auswirkungen sind auch heute noch überall messbar, auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf jedem Quadratmeter zerfallen 10.000 Atome pro Sekunde, die aus Tschernobyl kommen. Messbar ist das ganz leicht und es reichert sich auch noch in bestimmten Nahrungsmitteln an. Wildschweine zum Beispiel sind immer noch belastet, weil sie eine bestimmte Pilzsorte fressen, die besonders kontaminiert (verstrahlt) ist. Für Menschen ist diese Pilzsorte ungenießbar, aber über das Wildschweinfleisch nehmen auch die Menschen radioaktive Strahlung auf.

HK: Sind vermehrt Krankheiten durch Tschernobyl aufgetreten?
Jacob: Ja. Eine eindeutige Folge des Tschernobyl-Unglücks ist die gestiegene Zahl der Fälle von Schilddrüsenkrebs. Vor allem unter denjenigen, die als Kinder in den kontaminierten Gebieten lebten, erkrankten viele an dieser Krankheit. Zum Glück ist diese Art von Krebs oft heilbar. Schlimm ist das aber natürlich trotzdem.

Auf dieser Karte sind die Atomkraftwerke in Deutschland eingezeichnet (Quelle: Wikipedia)

HK: Was ist aus dem Sperrgebiet rund um den Unfallort geworden?
Jacob: Die Sperrzone besteht auch heute noch, da das Gebiet immer noch sehr belastet ist. Trotzdem sind einige Familien zurückgekehrt, was eigentlich nicht erlaubt ist. Die Menschen haben sich aber entschieden, trotz der Gefahr zurückzukehren, da sie in ihren Häusern in ihrem Heimatort leben wollen.

HK: Welche Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind in der Zukunft noch zu erwarten?
Jacob: Das ist eine schwierige Frage. Soweit wir wissen, wird sich die Strahlung, die durch den Unfall freigesetzt wurde, auch in der Zukunft auswirken. Das ist aber schwer nachzuweisen. Wir erwarten in den betroffenen Regionen zusätzliche Krebsfälle, aber es wird schwierig sein zu beweisen, dass Tschernobyl die Ursache für die steigende Zahl an Krebserkrankungen ist. Aber wir gehen von 9.000 zusätzlichen Krebstoten aus, die mit dem Unfall zusammenhängen.

HK: Könnte sich ein vergleichbares Unglück heute, 20 Jahre später, wieder ereignen?
Jacob: Ich bin kein Fachmann für Reaktorsicherheit, ich beschäftige mich eher mit den Risiken für die Gesundheit. Aber man kann leider nicht ausschließen, dass beispielsweise in einem Atomkraftwerk in Deutschland ein ähnlicher Unfall passiert. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar sehr gering und die Auswirkungen wären vermutlich nicht ganz so verheerend wie bei der Tschernobyl-Katastrophe. Aber ganz ausschließen lässt sich dieses Risiko nicht.

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letzte Aktualisierung: 26.04.2011

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