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Störfälle in Atomkraftwerken

von Britta Pawlak - 12.07.2007

In den deutschen Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel kam es innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Störfällen. Der Betreiber der Anlagen steht nun in massiver Kritik, und die Debatte um die Atomkraft ist erneut entbrannt. Wie sicher sind Kernkraftwerke wirklich, was droht bei Störfällen - und was sind die allgemeinen Risiken der Atomenergie?

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Im Atomkraftwerk Brunsbüttel, das schon seit 1976 in Betrieb ist, gab es erneut Störfälle. Der Betreiber steht nun in massiver Kritik. (Quelle: Wikipedia )

Kürzlich gab es Störfälle im Schleswig-Holsteiner Atomkraftwerk Brunsbüttel an der Unterelbe. Es hieß aber, dass die Situation unbedenklich und das Problem behoben sei. Nachdem das abgeschaltete Kraftwerk wieder hochgefahren wurde, kam es erneut zu Störungen. Sie wurden vermutlich durch Bedienungsfehler ausgelöst. Es gab ein weiteres Problem im Reaktor: Im dortigen Messsystem sammelte sich hochexplosiver Wasserstoff. Nun wurde das Kernkraftwerk wieder auf ein Viertel seiner Leistung heruntergefahren.

Im Kraftwerk Krümmel östlich von Hamburg brach Ende Juni ein Brand in einer Trafostation aus. Die Bedienungsfehler bei diesem Störfall wurden vom Kraftwerkbetreiber - dem Konzern Vattenfall - zunächst verschwiegen. Dieser schwedische Energiekonzern ist einer der führenden Stromerzeuger in Nordeuropa. Er ist auch Betreiber des Kraftwerks Brunsbüttel. Vattenfall verweigerte anfangs, dass das verantwortliche Personal in Krümmel direkt zu den Pannen befragt wird. Auch der Reaktor-Kern soll von dem Brand betroffen gewesen sein, was zunächst abgestritten wurde. Über das erneute Problem nach dem Wiederanfahren des Kraftwerks Brunsbüttel informierte der Betreiber erst mit sechstägiger Verspätung - obwohl der Vorfall meldepflichtig war.

Nach den jüngsten Störfällen steht der Konzern Vattenfall in massiver Kritik, und es wird über die allgemeine Sicherheit von Atomkraftwerken debattiert. Der frühere Chefingenieur des schwedischen Kraftwerks Forsmark, Lars Olov Höglund, kritisierte Versäumnisse in der deutschen Atompolitik. Er bemängelte zu wenig Erneuerungen, denn seit über 20 Jahren würden kaum noch Gelder in die Forschung für Atomkraftwerke fließen. Michael Sailer, Kerntechnik-Experte des Ökoinstituts, fürchtet, dass es zukünftig öfter zu Problemen dieser Art kommen könnte. Denn durch technische Erneuerungen älterer Kraftwerke sei die Bedienung der Anlagen für das Personal immer schwieriger zu überschauen.

In nur sechs Jahren fast 1000 Störfälle in Kernkraftwerken

Im Kraftwerk Krümmel östlich von Hamburg brach Ende Juni ein Brand in einer Trafostation aus. Insgesamt wurden dort schon über 300 Störfälle bekannt. (Quelle: Wikipedia )

Im Jahr 2001 kam es in Brunsbüttel zu ähnlichen Störungen: Eine Wasserstoffexplosion in einer Rohrleitung verursachte daraufhin große Schäden im Kraftwerk. Durch Strahlung hatte sich eine explosive Mischung aus Wasserstoff, der im Reaktor entsteht, und Sauerstoffgas angesammelt.

Der Betreiber sah das damalige Geschehen jedoch nicht als meldepflichtig an - und der Reaktor wurde ohne weitere Prüfung wieder unter Volllast betrieben. Das zuständige Ministerium in Kiel empfand die Erklärung des Kraftwerkbetreibers aber als ungenügend und forderte schließlich eine genaue Untersuchung. Erst bei der praktisch erzwungenen Kontrolle Anfang 2002 wurde die tatsächliche Störung entdeckt. Der Kraftwerkleiter und andere Mitarbeiter in führenden Positionen mussten ihre Stellung aufgeben. Seit 2002 gehört das Kraftwerk zum Konzern Vattenfall.

Insgesamt hat es innerhalb der letzten sechs Jahre fast tausend Störfälle in deutschen Atomkraftwerken gegeben. Besonders bei älteren Kraftwerken kommt es gehäuft zu Problemen und Zwischenfällen. Das Atomkraftwerk Brunsbüttel soll dabei an der Spitze liegen. Seit Beginn des Betriebs im Jahr 1976 sind dort 437 Störfälle registriert worden. Aber auch in Krümmel sind schon 302 Störungen gemeldet worden. Nach Ansicht von Renate Künast (Bündnis 90/ die Grünen) ist eine Katastrophe wie die von Tschernobyl auch in jedem deutschen Atomkraftwerk nicht auszuschließen. Der Konzern Vattenfall wurde von Künast stark kritisiert: "Das Unternehmen ist nicht geeignet, ein Atomkraftwerk zu führen", sagte sie in einem Interview.

Ausstieg aus der Atomenergie?

Über 26 Prozent des Stroms in Deutschland wird durch Kernenergie produziert. Zurzeit gibt es in Deutschland 17 aktive Atomkraftwerke. (Quelle: Wikimedia Commons)

Seit 1990 ist der Stromverbrauch in Deutschland um elf Prozent gestiegen und lag 2005 bei 611 Terawattstunden. Ein großer Teil des Stroms - über 26 Prozent - stammt aus Kernenergie. In Deutschland sind zurzeit 17 Kernkraftwerke in Betrieb. Bundeskanzlerin Merkel betonte erneut, dass sie Bedenken über den geplanten Atomausstieg habe. Es wird befürchtet, dass nicht genug Alternativen für die Energieversorgung zur Verfügung stehen.

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Im Zuge des Klimawandels soll nämlich auch die Stromproduktion durch Kohlekraftwerke weiter eingeschränkt werden. Der Verzicht auf Atomenergie ist allerdings gemeinsam mit der SPD festgelegt worden. Er wurde im Jahr 2000 entschieden, und das letzte deutsche Kraftwerk sollte bis 2021 abgeschaltet werden. Möglicherweise wird der Termin nun aber weiter nach hinten verschoben. Bisher haben nur sehr wenige Länder einen Verzicht auf Kernenergie geplant: Ein zukünftiger Atomausstieg wurde 1978 in Österreich, in den 80er Jahren in Schweden und Italien sowie 1999 in Belgien beschlossen. Weltweit befinden sich 28 neue Kernkraftwerke im Bau.

Hochradioaktiver Atommüll häuft sich weiter an

Gorleben als Endlager? Ein geeignetes Lager für hochradioaktiven Atommüll konnte bisher nicht gefunden werden. (Quelle: Bundesministerium für Strahlenschutz)

Der Brennstoff für Atomkraftwerke ist das chemische Element Uran, mit dem die so genannten Brennstäbe hergestellt werden. Ähnlich wie bei einer Batterie ist jeder Brennstab auch irgendwann einmal am Ende. Allerdings kann er danach nicht einfach weggeworfen werden, da er wegen seiner Strahlung extrem gefährlich ist. Ein großes Problem bei der Kernenergie ist der hochradioaktive Atommüll, denn es gibt noch kein geeignetes Lager für die verbrauchten Brennstäbe.

Befürworter der Atomenergie argumentieren damit, dass diese Art der Energiegewinnung kostengünstig sei. Zudem würde das äußerst umweltbelastende Austreten von Treibhausgasen verhindert werden, welche zum Beispiel durch Kohlekraftwerke entstehen. Außerdem sehen einige Länder zu wenig Alternativen zur Energieerzeugung und fürchten dann eine Energiekrise, bei der man in große Abhängigkeit zu anderen Ländern geraten würde.

Große Gefahren bei Störfällen in Kernkraftwerken

Proteste von Atomkraftgegnern machen Politik und Öffentlichkeit auf die erheblichen Gefahren der Kernenergie aufmerksam. (Quelle: Denis Apel/ Wikimedia Commons)

Atomkraftgegner sind der Ansicht, dass diese Argumente in keinem Verhältnis zu den erheblichen Risiken der Kernenergie stehen. Bereits der "normale Betrieb" von Atomkraftwerken sei problematisch. Bei der Uranförderung werden extrem gesundheitsschädigende, radioaktive Stoffe freigesetzt. Kernkraftwerke bergen große Gefahren: Durch Mängel oder Unfälle könnten radioaktive Strahlen austreten.

Der schlimmste Fall wäre ein Super-GAU ("Größter Anzunehmender Unfall"), bei dem riesige Gebiete von den Strahlen verseucht würden. Im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl kam es 1986 zu einer solchen Katastrophe: Viele Menschen starben sofort, zahlreiche erkrankten schwer, und noch heute kennt man nicht das tatsächliche Ausmaß dieses Unfalls. Folgeschäden sind Krebserkrankungen, Missbildungen von ungeborenen Kindern, genetische Schädigungen und viele andere Krankheiten.

Aber auch bei kleineren Störfällen könnte Radioaktivität freigesetzt werden. Schon geringste Mengen sind extrem schädlich für die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier. In vielen Regionen nahe von Atomkraftwerken wurde eine überdurchschnittlich hohe Rate an Krebserkrankungen festgestellt. Auch in der Gegend um Krümmel ist von Leukämiehäufungen die Rede. Doch nicht nur die Kernkraftwerke selbst, sondern auch Wiederaufbereitungsanlagen, machen immer wieder negativ auf sich aufmerksam. So soll in der Anlage von Sellafield/ England über einen längeren Zeitraum unkontrolliert Radioaktivität ausgetreten sein. Es wurden in dieser Region verhältnismäßig viele Fälle von Leukämie-Erkrankungen bei Kindern und Senioren festgestellt. Die Schattenseiten der Atomenergie sind so groß und furchteinflößend, dass immer mehr Menschen für einen schnellen Atomausstieg sind.

letzte Aktualisierung: 05.12.2009

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