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Gruselgeschichte: Der geheimnisvolle Brief

von Mira, 15 Jahre

Teil 7 von 25

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Der geheimnisvolle Brief

Karina war allein zuhause. Ihre Eltern waren ausgegangen und würden bestimmt erst spät am Abend zurückkommen. Das neue Buch hatte sie durchgelesen und im Fernsehen lief nichts Interessantes. Karina überlegte, was sie machen könnte. Da fiel ihr wieder der Speicher ein, auf dem sie immer schon einmal stöbern wollte. Ihre Mutter hatte ihr verboten, hinaufzugehen. Es wäre zu verstaubt da oben, da würden sowieso nur alte Kisten und Koffer lagern. Außerdem sei es zu gefährlich, weil man auf einer wackligen Holzleiter hochklettern musste, um auf den Dachboden zu gelangen. Aber Karina war neugierig. Sie entschloss sich nach kurzem Überlegen, den Speicher zu erkunden.

Sie öffnete die quietschende Tür mit dem langen Metallhaken - so wie sie es bei ihrer Mutter schon oft gesehen hatte. Dann zog sie mit seiner Hilfe die Holzleiter nach unten. Die Leiter hakte und ließ sich nur schwer nach unten bewegen. Ob dies ein Zeichen war? Vielleicht war es doch zu gefährlich und sie sollte es lieber bleiben lassen? Aber nein, mit einem Ruck fiel die Leiter nach unten und stand vor ihr. Es kam ein kalter Luftzug aus dem Speicher. Karina schüttelte sich. Es roch muffig und verstaubt da oben. Sie sah an der Leiter hoch, die ihr nun ewig lang schien. Wie dunkel es da oben war! Sie hatte ihre Taschenlampe dabei, hoffentlich würden die Batterien noch lang genug halten. Vorsorglich hatte sie auch noch ein paar Teelichter und Streichhölzer in ihre Hosentasche gesteckt. Nicht auszudenken, wenn sie plötzlich im Dunkeln auf dem unheimlichen Dachboden stehen würde.

Karina nahm all ihren Mut zusammen und kletterte die Leiter hoch. Das war gar nicht so einfach mit der Taschenlampe in der Hand. Als sie fast oben angekommen war, blickte sie hinunter - und ein Schrecken durchfuhr sie. Wie tief es im Treppenhaus nach unten ging! Hastig stieg Karina die letzten Stufen hoch, legte die Taschenlampe auf den kühlen Boden des Speichers und zog sich nach oben. Wie kalt es hier oben war! Von unten drang nur ein schwaches Licht in den Raum und die Taschenlampe erleuchtete gerade mal einen kleinen Teil des Dachbodens. Sie folgte dem Lichtstrahl - und erschrak. Was war das für eine dunkle Gestalt dort in der Ecke? Plötzlich bewegte sich diese. Jemand lauerte ihr auf! Hatte dieser Jemand etwa gewusst, dass sie vorhatte, den Dachboden zu erkunden? Auf zittrigen Beinen ging sie einen Schritt näher und richtete die Taschenlampe genau auf die Gestalt.

Nein - jetzt erkannte sie, was es war: ein alter Anzug mit einem Hut, der dort an einem mit Spinnenweben bedeckten Schrank hing. Durch den Luftzug wurde er leicht in Bewegung versetzt. Karina atmete auf. Wie albern sie doch war! Allmählich hatten ihre Augen sich an das dämmrige Licht gewöhnt, und sie erkannte immer mehr Gegenstände in dem Raum: da waren eine große Truhe, mehrere Schränke, viele Kisten, Koffer und Bücher, alles mit Staub und Spinnweben bedeckt. Da hörte sie plötzlich ein Geräusch neben sich - was war das? Wieder bekam sie Angst. Es klopfte und raschelte. Karina leuchtete mit ihrer Taschenlampe herum - da waren zwei glühende Augen, die sie ansahen! Sie fühlte sich wie erstarrt. Doch plötzlich bewegte sich dieses Etwas, es war eine Maus, die schnell hinter einer Kiste verschwand. Karina musste lachen. Vor dieser kleinen Maus hatte sie sich gefürchtet? Dabei hatte die Maus wohl mehr Angst vor ihr als umgekehrt! Da jagten ihr die großen Spinnen schon mehr Angst ein. Aber sie war ja kein Angsthase. Plötzlich fiel ihr wieder ein, warum sie hergekommen war. Bestimmt gab es hier einige interessante Dinge zu entdecken.

Sie blickte auf die Bücher, die neben ihr lagen. Nein, erst würde sie nachsehen, was sich in den Kisten befand. Und vor allem, was sich in der großen alten Truhe verbarg. Sie öffnete zunächst eine der Kisten, die vor ihr standen. Sie war völlig verstaubt und Karina musste husten. Noch mehr Bücher lagen darin. Sie zog eines hinaus und schlug es auf. Die Seiten waren völlig vergilbt und in einer Schrift verfasst, die sie nicht lesen konnte. Ob das eine Art Geheimschrift war? Sie nahm ein weiteres Buch in die Hand, es war ein Fotoalbum. Die Menschen, die darauf abgebildet waren, hatte sie noch nie gesehen. Die Gesichter sahen merkwürdig fremd aus, fast unheimlich. Vielleicht lag es auch daran, dass sich die Bilder mit der Zeit gewellt und verfärbt hatten. Schnell schlug sie das Album zu. Ein unbehagliches Gefühl überkam sie. Wieder hörte sie ein Rascheln und leuchtete mit der Lampe, es war die Maus. Nun war sie sogar froh über ihre Gesellschaft auf dem verlassenen Speicher. Karina ging unsicher zu der alten Truhe und beleuchtete sie von allen Seiten. Sie war sehr schmutzig - aber sie sah prunkvoll aus mit all den verschnörkelten Schnitzereien und der goldenen Verzierung.

So eine Truhe würde gut in ein Vampirschloss passen - als Sarg des Grafen. Ein Schauer durchfuhr Karina. Dann schämte sie sich für ihre Gedanken und sagte sich, dass bis jetzt noch nichts Unheimliches passiert war - es war nur ihre Fantasie. Sie zog also an den alten Messinggriffen, öffnete die Truhe - und erschauerte. Da lag wirklich jemand, eine Frau mit langem blondem Haar! Karina zitterte und die Taschenlampe fiel zu Boden - es war dunkel um sie herum. Sie war stumm vor Schreck, wie gelähmt. Ihr wurde erst heiß dann kalt, die Gedanken rasten wild in ihrem Kopf. Was würde nun geschehen? Wieder drangen Geräusche aus der Ecke. Oder kamen sie doch aus der Truhe? Nun konnte Karina ein paar Umrisse im Raum erkennen. Langsam ging sie in die Knie und tastete nach der Taschenlampe. Sie spürte die Kälte des Bodens und zuckte zurück. Sie hatte doch die Kerzen! Schnell griff sie in ihre Tasche und zog Kerzen und Streichhölzer heraus. Sie zündete ein Teelicht an. Sehr hell war das Licht nicht, doch es reichte, um die Taschenlampe zu finden. Sie funktionierte noch. Wieder richtete Karina den Strahl in die Truhe.

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Wer war diese Frau mit dem langen roten Rüschenkleid? Zitternd ergriff sie einen Zipfel und zog daran - jetzt erkannte sie das alte Kleid. Früher hatte es im Kleiderschrank ihrer Mutter gehangen. Karina hatte es mit ihren Freundinnen einige Male anprobiert, als sie noch Verkleiden spielten. Einmal hatte sie es an Karneval getragen, als sie als Schneewittchen ging. Ihre Mutter hatte es extra umgenähnt. Karina sah wieder in die Truhe - und wusste auf einmal, was darin lag: Es waren die alten Faschingskostüme, die ihre Mutter aussortiert hatte. Zum Karneval-Feiern war sie schließlich zu alt geworden. Und die blonden Haare - natürlich, es war ihre Prinzessinnen-Perücke von damals. Jetzt kam sie sich wirklich dumm vor! Sie wühlte in der Kiste und entdeckte weitere Kostüme und ein paar elegante Kleider, die sie noch nie gesehen hatte. Wer die früher wohl getragen hatte? Karina ging zu einer weiteren Kiste. Sie war voller Briefumschläge, die nicht mehr weiß, sondern gelblich waren. Karina zögerte. Durfte sie die alten Briefe öffnen und lesen? Das gehörte sich eigentlich nicht. Sie nahm einige Umschläge aus der Kiste und ihr Blick fiel auf einen Brief mit verschnörkeltem Schriftzug. Er war an eine Frau adressiert. Aufgeregt zog sie den Brief heraus, schlug ihn auf und begann zu lesen:

"Wer diesen Brief geöffnet hat, wird in das schreckliche Geheimnis eingeweiht, das er für immer in sich tragen wird. Es gibt kein Zurück mehr…" - erschrocken brach Karina ab. Sie ließ die Briefe fallen, eilte zur Leiter und stieg in schnellen Schritten herab. Dann stieß sie heftig die Leiter nach oben, bis sie einhakte und knallte die Speichertür zu. Sie atmete schnell und kam erst jetzt wieder zu sich. Was war geschehen? War alles nur Einbildung oder gab es diesen Brief wirklich? War es ein böser Scherz? Karina ging in ihr Zimmer und schaltete den Fernseher ein. Sie war erleichtert, als sie endlich das Türschloss hörte. Sonst war sie gerne allein, doch heute hatte sie die Rückkehr ihrer Eltern schon sehnsüchtig erwartet. Schnell knipste sie den Fernseher aus und tat wie immer so, als ob sie schon schlief, als ihre Mutter ihre Zimmertür leise öffnete. Ihre Mutter löschte das Licht und schloss die Tür wieder. Nun war alles dunkel um sie herum. Karina hatte Angst. Noch lange lag sie wach und dachte über die Geschehnisse nach. Sollte sie ihren Eltern davon erzählen? Sie schlief in dieser Nacht schlecht und wachte immer wieder aus Alpträumen auf. Sie war sehr müde, als der Wecker am nächsten Morgen klingelte.

„Karina, komm frühstücken. Dein Bus fährt in einer halben Stunde“. Auch das noch, sie musste sich den ganzen Vormittag in der Schule herumquälen. Karina stand widerwillig auf. Die Zeit in der Schule kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Endlich war es soweit, ein Uhr mittags! Sie rannte, um den frühen Bus noch zu bekommen. Sonst schlenderte sie mit ihren Freundinnen gemütlich Richtung Haltestelle - schließlich kam der nächste Bus auch nur zehn Minuten später. Nach dem Mittagessen entschloss Karina, selbst noch einmal auf den Speicher zu gehen, und zwar bei Tageslicht, wenn ihre Mutter einkaufen war. So unheimlich kam er ihr nun nicht mehr vor, und es musste doch eine Erklärung für diesen merkwürdigen Brief geben. Kaum war ihre Mutter gegangen, stieg sie erneut die brüchige Leiter hoch zum Speicher. Nun wurde ihr doch etwas mulmig zumute. Der Brief müsste noch vor der Kiste liegen, sie hatte ihn gestern zusammen mit den anderen einfach fallen lassen. Sie sah sich um. Bei Tageslicht wirkte der Speicher weniger gespenstisch, sondern einfach nur verstaubt.

Karina ging langsam zu der Kiste, sie war noch geöffnet. Sie sah in die Kiste hinein - wie sie erwartet hatte, war diese voller Briefe und Ansichtskarten. Dann sah sie sich um. Da lagen die Umschläge, auf dem Boden verteilt! Zögernd hob Karina sie auf. Jetzt zitterte ihre Hand. Sie sah die Briefe durch - da war kein Umschlag mit der geheimnisvollen Aufschrift. Sie suchte noch einmal auf dem Boden neben der Kiste - nichts. Was sollte sie jetzt tun? Sie öffnete mehrere Briefe. Einige waren an ihre Eltern adressiert, andere an Personen, die sie nicht kannte. Bei manchen konnte sie die Schrift nicht entziffern. Sie las immer nur die ersten Zeilen und brach dann ab. Es waren ganz normale Briefe, manche persönlich, andere weniger. Sogar ein Liebesbrief war dabei, aber das interessierte sie nun nicht mehr. Weit und breit war keine Spur von dem Brief, den sie suchte. Gab es ihn doch nicht? Aber in Gedanken sah sie den Umschlag noch genau vor sich, und die altmodische Schrift aus schwarzer Tinte. Vielleicht war sie gestern Abend doch nur grundlos in Panik geraten und dann hatten sich die Geschehnisse und ihre Fantasie in ihren Träumen vermischt.

Sie schloss die Kiste und hörte plötzlich eine Stimme: "Karina!" Erschrocken fuhr sie herum. Das war ihre Mutter! In schnellen Schritten kam sie zur Leiter. "Du bist doch nicht etwa auf dem Speicher? Komm sofort herunter!" Ihre Stimme klang wütend und ängstlich zugleich. "Ja. Ich komme. Ich habe mir doch nur meine alten Karnevalssachen angesehen." Karina stieg die Leiter hinab. Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter war erschrocken. "Die alte Leiter ist gefährlich. Geh nie wieder auf den Speicher, hast du gehört?" - "Du steigst die Leiter doch selbst hoch", erwiderte Karina. Ob ihre Mutter etwas von dem Brief wusste? "Was ist eigentlich sonst noch da oben?", fragte sie. "Nichts. Jedenfalls nichts Wichtiges. Alter Kram", sagte ihre Mutter gereizt. Karina beschloss, sie nicht auf den Brief anzusprechen. Ihre Mutter war schon aufgebracht genug, und sie müsste zugeben, in den alten Briefen gestöbert zu haben. Es kam ihr ohnehin plötzlich albern vor, und den mysteriösen Brief hatte sie nirgends finden können. Die Geschichte würde ihr bestimmt keiner glauben.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, um Hausaufgaben zu machen. Das würde sie auf andere Gedanken bringen. Abends ging es ihr schon viel besser, und in der Nacht fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen wachte Karina gut gelaunt auf. Sie machte sich fertig für die Schule und verließ das Haus. Am Tor hörte sie eine Stimme: "Guten Morgen, willst du die Post gleich nehmen?" Es war Gunther, der alte Briefträger. "D-danke", stotterte Karina. Sie starrte auf den obersten Brief des Stapels, auf dem ihr Name stand. Sie hatte die Schrift sofort erkannt.

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letzte Aktualisierung: 12.09.2010

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