Erneuter Skandal: Tonnenweise "Gammelfleisch" entdeckt

von Britta Pawlak - 07.09.2006

Eine Woche nachdem in einer Münchner Schlachterei tonnenweise "Gammelfleisch" entdeckt wurde, hat sich der Hauptverdächtige das Leben genommen. Unterdessen gab es unter den Politikern viele heftige Diskussionen. Es stellt sich die Frage, ob man das verdorbene Fleisch nicht schon viel früher aus dem Verkehr hätte ziehen können. Bereits im Dezember 2005 soll es deutliche Hinweise darauf gegeben haben, dass eine Münchner Firma alte Ware mit neuen Etiketten ausliefert. Die zuständigen Behörden hatten jedoch nicht darauf reagiert.


Ist in Döner Kebab und anderen Speisen uraltes "Gammelfleisch" verarbeitet worden? (Quelle: Wikipedia)

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Selbstmord des 74-jährigen Schlachthof-Besitzers am Mittwoch (6. September) im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen ihn steht. Eine Woche zuvor war bekannt geworden, dass die Polizei nach einem anonymen Hinweis den Schlachtbetrieb des Hauptverdächtigen in München durchsucht hat. Dabei sind weit über 60 Tonnen Fleisch gefunden worden, dessen Haltbarkeitsdatum zum Teil schon seit vier Jahren abgelaufen war.

Die Leitung der Schlachterei wird seitdem verdächtigt, bis zu vier Jahre altes Fleisch mit neuen Etiketten versehen und an über 2.500 Großkunden in ganz Deutschland sowie an weitere 50 Kunden in Österreich und anderen Nachbarländern verkauft zu haben. Die Zwischenhändler haben das Rinder-, Geflügel- und Wildtier-Fleisch anschließend an Zehntausende Döner-Buden sowie türkische, asiatische und deutsche Restaurants weitergeliefert. Dort wurde das "Gammelfleisch" vermutlich jahrelang zu Döner Kebap und anderen Gerichten verarbeitet und an Hunderttausende von Kunden verkauft.

Gibt es eine "Gammelfleisch-Mafia"?

Ein Großteil des Fleisches aus dem verdächtigen Münchner Schlachtbetrieb, das noch nicht auf einem Teller oder in einem Fladenbrot gelandet ist, wurde inzwischen in zahlreichen deutschen und österreichischen Städten beschlagnahmt. Die Schweiz ist offenbar nicht von diesem Skandal betroffen. Derzeit wird in Laboren untersucht, ob die gefundene Ware tatsächlich vergammelt war. Das bayerische Verbraucherschutzministerium bestätigte gegenüber "Helles Köpfchen", dass bis Dienstag (12. September) in sechs Betrieben Fleisch gefunden wurde, dass nicht mehr zum Verzehr geeignet war. Mit weiteren Ergebnissen ist in den nächsten Tagen zu rechnen.

Nun wird die Staatsanwaltschaft auch prüfen müssen, ob die Zwischenhändler sowie die Restaurant-Besitzer wussten, dass sie ihren Kunden altes Fleisch verkauft haben. Es ist anzunehmen, dass sie nicht völlig ahnungslos waren. Denn rohes Fleisch sieht meist anders aus, ist "wabbeliger" und riecht strenger als frische Ware.

Sind die Speisen erst einmal zubereitet und kräftig gewürzt, hat der Kunde dagegen so gut wie keine Chance zu merken, dass es sich um altes oder gar uraltes Fleisch handelt. Einige Politiker sprechen bereits von einem kriminellen Netzwerk oder einer "Gammelfleisch-Mafia". Aber wahrscheinlich wird man die Buden- und Restaurant-Besitzer trotzdem nicht bestrafen können, wenn die Ware falsch etikettiert gewesen sein sollte. Es dürfte schwer sein, ihnen nachzuweisen, dass sie absichtlich betrogen haben.

Weitere Fleischskandale

In den meisten Betrieben wird sauber gearbeitet. Aber wie kann man Schwarzen Schafen auf die Schliche kommen? (Quelle: Paul-Georg Meister (PixelQuelle))

Es wäre nicht das erste Mal, dass in Deutschland Betriebe entdeckt werden, die "Gammelfleisch" verkauft haben. Man muss gar nicht weit in die Vergangenheit blicken, um auf vergleichbare Fälle zu stoßen. So haben Lebensmittel-Kontrolleure im Januar dieses Jahres Salmonellen in Wildfleisch nachgewiesen. Diese Bakterien entstehen unter anderem in altem Fleisch. Sie können zu gefährlichen Durchfallerkrankungen führen, die für sehr junge, alte oder kranke Menschen sogar tödlich verlaufen können. Zwei Betriebe in Niederbayern wurden deshalb im Winter dichtgemacht.

Den bislang größten Skandal um verdorbenes Fleisch hatte die Polizei im November 2005 aufgedeckt: Rund 300.000 Kilogramm altes Fleisch sind bei verschiedenen Händlern beschlagnahmt worden. Es gilt als sicher, dass die Betrüger über eine lange Zeit hinweg unzählige Tonnen "Gammelfleisch" verkauft haben, das auf den Tellern Hunderttausender Menschen gelandet ist.

Aus Schlacht-Abfällen wurden Lebensmittel

Es lohnt sich, beim Fleischkauf nicht immer das Billigste zu wählen. Qualität hat bekanntlich ihren Preis. (Quelle: Manfred Blanck (PixelQuelle))

Doch damit nicht genug: Nur einen Monat zuvor war bekannt geworden, dass ein krimineller Händler offenbar jahrelang Schlacht-Abfälle aus der Schweiz importiert hatte, die für den menschlichen Verzehr nicht zugelassen waren. Auch diese Abfälle wurden neu etikettiert und landeten zum Beispiel als Wurst- oder Salami-Scheiben auf Tiefkühl-Pizzas. Betroffen waren damals neben Deutschland, Österreich und der Schweiz auch Italien und Frankreich.

Und schließlich erregte es im März 2005 großes Aufsehen, nachdem Mitarbeiter der Supermarkt-Kette "Real" in Hannover heimlich dabei gefilmt worden waren, wie sie neue Etiketten mit einem falschen Mindesthaltbarkeits-Datum auf altes Hackfleisch klebten. Auch in einem "Minimal"-Markt in Köln ist einige Monate später umetikettiertes und zum Teil vergammeltes Fleisch gefunden worden. So etwas ist nicht nur gefährlich für die Gesundheit, sondern natürlich auch verboten. In altem Fleisch können neben Salmonellen auch andere Bakterien und Gifte entstehen, die sehr schädlich für die Gesundheit sind.

Warum gibt es immer wieder "Gammelfleisch"-Skandale?

Hat Horst Seehofer zu wenig getan, um Verbraucher vor Gammelfleisch zu schützen? (Quelle: Wikipedia)

Weil seit Jahren immer wieder ähnliche "Gammelfleisch"-Skandale bekannt werden, stehen nun viele Minister und Behörden in der Kritik. Die Frage lautet: "Warum kann man nicht verhindern, dass Gammelfleisch auf dem Ladentisch landet?" Bärbel Höhn von den "Grünen" erhob schwere Vorwürfe: "Angeblich ist vor zehn Monaten jedes einzelne Kühlhaus untersucht worden", sagte sie. "Und jetzt wird vier Jahre altes Fleisch gefunden. Herr Seehofer hat versagt."

Horst Seehofer ist Bundesverbraucherschutz-Minister und Mitglieder der Partei "Christlich Soziale Union" (CSU). Er darf künftig festlegen, auf welche Art und Weise alle deutschen Schlachtbetriebe kontrolliert werden müssen. Bislang stellen die einzelnen Länder die Regeln für die Betriebe in ihrem Gebiet auf. Sind die Kontrollen in einem einzigen Bundesland lückenhaft, dann sind alle anderen belieferten Bundesländer und auch andere Staaten davon betroffen. Die verschiedenen Zuständigkeiten haben dazu beigetragen, dass der jüngste Skandal erst jetzt bekannt wurde. Am Donnerstag haben die Landes-Verbraucherschutzminister zugestimmt, dass Seehofer einheitliche Regeln festlegen darf.

Informationen nicht weitergegeben

Die Behörden in München sollen bereits im Dezember 2005 darüber informiert gewesen sein, dass der jetzt aufgeflogene Schlachtbetrieb für den menschlichen Verzehr ungeeignetes Fleisch mit neuen Etiketten versehen und verkauft hat. Trotz dieser Hinweise wurde der Betrieb nicht stillgelegt. Später, als das Fleisch endlich entdeckt worden war, gab die bayerische Landesregierung die Informationen nicht an das Bundes-Verbraucherschutz-Ministerium nach Berlin weiter. Deshalb steht der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) massiv in der Kritik.

Erst eine Woche später will Horst Seehofer aus der Presse von den Vorgängen erfahren haben. Deshalb habe er die EU erst sehr spät informieren können. Diese Pannen haben dazu geführt, dass vermutlich viele Tausend Kilogramm verdorbenes Fleisch in Deutschland, Österreich und anderen Ländern gegessen wurden, obwohl der Skandal bereits aufgeflogen war.

Politiker kündigen schärfere Kontrollen an

Bei rohem Fleisch kann man leicht erkennen, ob es vergammelt ist - beim fertigen Döner ist das nicht möglich. (Quelle: PixelQuelle)

Horst Seehofer fordert mittlerweile schärfere Kontrollen und härtere Strafen für die Täter. Gerichte dürften Menschen, die wiederholt beim Handel mit verdorbenem Fleisch erwischt wurden, zu bis zu fünf Jahren Gefängnis verurteilen. Doch von dieser Möglichkeit würden die Richter so gut wie nie Gebrauch machen.

Außerdem soll ein neues Gesetz erlauben, dass die Namen von Firmen künftig veröffentlicht werden, die mit verdorbenen Lebensmitteln gehandelt haben. Dadurch könnten Kunden einen besseren Überblick bekommen, welchen Herstellern sie vertrauen können und wo sie vorsichtig sein müssen. Bisher haben die Verbraucher nur sehr selten von Verstößen gegen das Lebensmittelrecht erfahren.

Besonders Politiker der "Grünen" kritisieren, dass es eine solche Liste von Lebensmittel-Betrügern nicht schon längst gibt. Das trage zur Verunsicherung der Verbraucher bei. Außerdem fordern sie, dass die Kontrollen verschärft werden.

Im unten verlinkten Artikel "Wie kann man Gammelfleisch erkennen?" erfährst du, worauf man achten muss, warum verdorbenes Fleisch gefährlich ist und wieso es generell besser ist, auf Billigfleisch zu verzichten.

letzte Aktualisierung: 15.08.2009

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