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Filmtipp: We feed the world - Essen global

05.05.2006

Der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer (44) hat sich gefragt, woher die Lebensmittel stammen, die wir täglich zu uns nehmen. Für seinen Dokumentarfilm "We feed the world" (Wir füttern die Welt) hat er sich auf Spurensuche begeben. Was er herausgefunden hat, ist erschreckend. Tiere sind nur noch Waren, "Kampf-Tomaten" ruinieren afrikanische Bauern, Millionen Menschen sterben an Hunger, obwohl es mehr als genug Nahrung gibt. Wir alle sind an diesem System beteiligt. In Österreich und in der Schweiz läuft der Dokumentarfilm bereits seit einigen Monaten mit großem Erfolg. Nun ist er auch in deutschen Kinos zu sehen. Das Helle Köpfchen hat mit Erwin Wagenhofer gesprochen.

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Tausende Küken auf dem Fließband. Die industrielle Aufzucht macht aus Tieren billige Waren. (Quelle: Allegro Film)

Helles Köpfchen: Was ist die Idee des Films?
Erwin Wagenhofer: Mich hat interessiert, was die Produktion von Lebensmitteln mit uns zu tun hat. Ich wollte einen Film drehen, in dem deutlich wird, dass wir alle mit verantwortlich sind für die Art und Weise, wie heute Nahrungsmittel hergestellt werden.

HK: Warum heißt Ihr Film "We feed the World"?
Wagenhofer: Auf Deutsch heißt der Titel "Wir füttern die Welt". An dem Titel ist mir vor allem das "We" - "Wir" - wichtig. Denn ich möchte in dem Film zeigen, dass wir alle an dem System beteiligt sind. Wir können uns nicht mehr herausreden, dass 'die da oben' etwas tun müssen. Denn wir haben die Wahl, was wir kaufen und wen wir damit unterstützen. Jeden Tag. Der Titel war übrigens ursprünglich ein Werbeslogan von Pioneer, dem größten Saatguthersteller der Welt. Der kommt auch im Film vor.

HK: Wir können heute das ganze Jahr über Tomaten und sogar Erdbeeren essen. Was ist falsch daran?
Wagenhofer: Das Problem ist, dass wir zwar das ganze Jahr über Tomaten und Erdbeeren kaufen können, die aber nicht mehr schmecken. Ich kann nur jedem raten, mal eine richtige Tomate zu probieren. Die schmeckt völlig anders: richtig gut.

Erwin Wagenhofer war zwei Jahre lang unserem Essen auf der Spur. Was er herausfand, macht nachdenklich (Quelle: Allegro Film)

HK: Warum schmecken billige Tomaten so viel schlechter?
Wagenhofer: Das liegt daran, dass sie für die industrielle Produktion gezüchtet wurden. Sie haben zum Beispiel eine dickere Schale, damit ihnen die Maschinen weniger anhaben können. Und dann müssen sie sich unglaublich lange frisch halten. Denn nach dem Pflücken landen die Tomaten in der Fabrik, wo sie gewaschen und verpackt werden. Danach werden sie über 4.000 Kilometer mit dem Truck transportiert. Anschließend landen sie im Supermarkt und werden nach etwa drei Tagen gekauft. Im Kühlschrank sehen sie dann weitere drei Tage später immer noch so makellos aus wie am ersten Tag. Das sind richtige "Kampftomaten". Auf den Geschmack kommt es den Züchtern da nicht an.

HK: Sind diese Tomaten gentechnisch manipuliert worden?
Wagenhofer: Nein, das das sind einfach spezielle Tomatenzüchtungen. Die berühmten Anti-Matsch-Tomaten, die in Gen-Laboren entwickelt wurden, dürfen in der Europäischen Union nur in England verarbeitet werden. Das Verrückte dabei ist: aus diesen Tomaten darf nur Ketchup hergestellt werden. Dafür ist ihre genetische Verbesserung aber völlig unnötig, weil sie dafür natürlich zermatscht werden müssen.

HK: Wie werden die "Kampf-Tomaten" angepflanzt?
Wagenhofer: In Südspanien gibt es mittlerweile eine große Landebene, die nur noch ein einziges Plastikmeer ist. In 32.000 Gewächshäusern werden in der Region um Almeria im Jahr 2,8 Millionen Tonnen Obst und Gemüse hergestellt. Dabei werden große Mengen an Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln eingesetzt. Der Region geht langsam das Wasser aus, doch mit Fördermitteln der Europäischen Union lässt sich auch dieses Problem lösen. Allerdings hat diese Massenproduktion noch viel größere Auswirkungen.

4.000 Kilometer und mehr legen diese spanischen "Kampf-Tomaten" zurück. Sie sehen gut aus, schmecken aber nicht. (Quelle: Allegro Film)

HK: Was meinen Sie damit?
Wagenhofer: Die Europäische Union sorgt mit viel Geld dafür, dass in Almeria und anderen Orten sehr große Mengen an Obst und Gemüse produziert werden. So viel, dass einiges davon sogar in Afrika auf den Markt kommt, denn es soll ja nicht weggeworfen werden. Dabei wird das EU-Gemüse in Afrika zu Spottpreisen angeboten. Einheimische Bauern müssen für ihr selbst angebautes Gemüse dreimal so viel verlangen, um nicht zu verhungern. Da die höheren Preise in den armen Ländern niemand zahlen will, treibt die EU mit ihrem billigen Gemüse afrikanische Bauern in den Ruin.

HK: Und was wird aus den ruinierten Bauern?
Wagenhofer: Einige von ihnen schlagen sich auf der Suche nach Arbeit ungesetzlich nach Spanien durch. Auf den Plantagen von Almeria arbeiten sie dann unter schlimmen Bedingungen. Sie bekommen einen sehr geringen Lohn und sind ständig giftigen Chemikalien ausgesetzt. Auf den Feldern von Almeria sieht man heute fast nur noch Schwarzafrikaner. Und diesen Kreislauf unterstützen wir, wenn wir billiges spanisches Obst und Gemüse kaufen.

HK: Unterstützt die Europäische Union auch kleine Bauernhöfe mit Geld?
Wagenhofer: Das ist eine romantische Vorstellung. Es gibt doch längst kaum noch kleine Bauernhöfe mehr. Wer bei den niedrigen Preisen für Obst und Gemüse Gewinn machen will, muss viel anbauen. Außerdem müssen die Bauern modernes "Hochleistungsgemüse" anbauen, das schneller wächst und weniger anfällig für Schädlinge ist. Allerdings sind die Pflanzen alle unfruchtbar, das heißt, sie bilden keine Samen aus. Große Saatguthersteller wie Pioneer verdienen dadurch jedes Jahr aufs Neue an den High-Tech-Pflanzen.

Im südspanischen Almeria schuften Tagelöhner aus Schwarzafrika in den riesigen Plantagen. (Quelle: Allegro Film)

HK: Wie viel Geld geben die reichen Staaten aus, um die industrielle Landwirtschaft zu unterstützen?
Wagenhofer: Die Industrieländer pumpen jeden Tag etwa eine Milliarde Dollar in ihre Landwirtschaft. Das meiste Geld wird dabei an Bauern gezahlt, damit sie auf ihren Feldern NICHTS anbauen. Der Rest wird ausgegeben, damit das Obst und Gemüse zu sehr niedrigen Preisen weiter verkauft werden kann.

HK: Sind die Preise überall so niedrig?
Wagenhofer: Tatsächlich ist zum Beispiel der Preis für ein Kilogramm Weizen auf der ganzen Welt gleich hoch. Das ist eigentlich unlogisch, denn in manchen Ländern ist das Klima besser geeignet oder die Arbeitslöhne sind niedriger als in anderen Ländern. Doch die Welthandelsorganisation hat das so beschlossen. In Europa lohnt sich der Weizenanbau für Bauern nur noch, weil sie Zuschüsse von der EU bekommen. Die reiche Schweiz kauft längst 80 Prozent ihres Weizens in Indien ein. Vor allem die Brötchen der Großbäckereien werden fast ausschließlich aus indischem Weizen hergestellt. Das Schlimme ist: In Indien haben acht von zehn Menschen nicht genug zu essen.

In Wien wird jeden Tag mehr frisches Brot weggeworfen, als in Graz gegessen wird. (Quelle: Allegro Film)

HK: Wird in Europa überhaupt so viel Weizen benötigt?
Wagenhofer: Leider nein. In Wien zum Beispiel backen die Großbäckereien jeden Tag bis kurz vor Ladenschluss immer neue Brote und Brötchen. Was bei Ladenschluss nicht verkauft wird, landet dann direkt vom Backblech im Abfall. Das kann man im Film sehen. Tag für Tag wird auf diese Weise allein in Wien genau so viel Brot vernichtet wie ganz Graz täglich verbraucht. Und Graz ist die zweitgrößte Stadt in Österreich.

HK: Auf der anderen Seite müssen immer noch Menschen sterben, weil sie nichts zu essen haben.
Wagenhofer: In meinem Interview mit dem UNO-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, Jean Ziegler, hat der es sehr treffend ausgedrückt: "Die Weltlandwirtschaft könnte ohne Probleme zwölf Milliarden Menschen ernähren. Es leben aber gerade einmal halb so viele Menschen auf der Erde. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet."

HK: In dem Film zeigen Sie auch, dass wir den brasilianischen Regenwald zerstören, wenn wir Fleisch aus Massentierhaltung essen. Können Sie das erklären?
Wagenhofer: Brasilien ist das fünftgrößte Land der Welt, in dem vor allem sehr viel Soja angebaut wird. Soja ist eine der wichtigsten Futterpflanzen in unserer Massentierhaltung. Für die Sojaplantagen wird Regenwald gerodet. Die Böden des Regenwalds sind aber eigentlich gar nicht für Sojaanbau geeignet, denn es fehlen ihnen Nährstoffe. Die werden daher chemisch zugeführt. Nach wenigen Jahren wächst auf dem ehemaligen Urwaldboden nichts mehr. Die Großbauern fällen dann die nächsten Bäume und zerstören damit die grüne Lunge unserer Erde immer weiter.

HK: Gegen Ende des Films zeigen Sie auch, wie Küken industriell verarbeitet werden. Befürchten Sie, dass den Kinobesuchern am Ende nur diese grausamen Bilder in Erinnerung bleiben?
Wagenhofer: So gruselig sind die Bilder ja nicht. Man sieht, wie kleine Küken 20 Zentimeter tief von einem Förderband fallen. Man kann sich darüber aufregen, aber ich persönlich halte es für schlimmer, dass zum Beispiel riesige Flächen Regenwälder in Brasilien abgeholzt werden. Den Tötungsprozess bei den Hühnchen habe ich sehr bewusst nicht gezeigt. Wenn ich hätte schocken wollen, dann hätte ich gezeigt, wie Schweine oder Rinder industriell geschlachtet werden. Mir war wichtig zu zeigen, dass Tiere für unsere Nahrungsmittelindustrie nur noch Nutzobjekte sind. Und wenn wir für ein Hühnchen nur noch zwei Euro bezahlen und Bauern daher an jedem Huhn nur noch zehn Cent verdienen, dann ist das auch nicht anders machbar.

Brasilien exportiert viele Millionen Tonnen Nahrung. Trotzdem muss jeder vierte Brasilianer hungern. (Quelle: Allegro Film)

HK: Wie haben Sie es geschafft, eine Drehgenehmigung für die Hühnchenfabrik zu bekommen?
Wagenhofer: Natürlich war das schwierig. Da habe ich viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Aber am Ende haben meine Ansprechpartner erkannt, dass ich mich nicht über sie lustig machen möchte, sondern sie und ihre Position ernst nehme. Ich war immer einigermaßen ehrlich zu allen. Ich glaube, dass am Ende auch niemand sauer ist, wie er in dem Film dargestellt wird. Auch der Chef von Nestlé, dem größten Nahrungsmittelkonzern der Welt, hatte die Chance, seine Position darzulegen.

HK: Sie haben am Anfang des Interviews betont, dass man nicht nur wütend auf "die da oben" - also Politiker und Konzernchefs - sein soll. Sie wollen jedem Mensch zeigen, wie er einen Teil dazu beitragen kann, dass sich etwas verändert. Was können unsere Leser tun?
Wagenhofer: Da gibt es vor allem zwei Dinge: Zum einen sollte jeder sein Konsumverhalten überdenken. Jeder entscheidet mit, wie Nahrungsmittel hergestellt werden. Jeder kann sich für oder gegen billiges Gemüse und Fleisch entscheiden. Niemand muss im tiefsten Winter Tomaten essen. Ich möchte aber niemandem Fleisch oder Hühnchen ausreden. Doch ich finde, dass wir wieder lernen müssen, uns auf ein besonderes Essen zu freuen. Wenn das Geld nur für ein einziges Hühnchen in der Woche statt am Tag reicht, ist das gut so. Dafür kommt es aus Freilandhaltung statt aus industrieller Produktion und schmeckt viel besser.

Der Dokumentarfilm will die Menschen wachrütteln. Tiere sind keine Waren und Menschen sind wichtiger als die Wirtschaft. (Quelle: Allegro Film)

HK: Was ist das Zweite, was unsere Leser tun können?
Wagenhofer: Wir müssen unsere politischen Vertreter dazu bringen, dass sie ihre Politik wieder für Menschen machen und nicht für die Wirtschaft. Um das zu erreichen, müssen sich immer mehr Menschen engagieren. Wo sie das tun, das sollte jeder selbst entscheiden. Da gibt es zum Beispiel die kirchliche Initiative "Fair Trade" sowie Naturschutzorganisationen wie Greenpeace und den WWF oder auch ATTAC, wo sich Globalisierungsgegner sammeln. Auf den Webseiten des Films können die Leser des Hellen Köpfchens viele Links finden und sich die Organisation heraussuchen, die sie am besten finden.

HK: Glauben Sie, dass Ihre Filme die Welt verändern können?
Wagenhofer: Nein, sicher nicht. Filme können zum Nachdenken anregen und die Gefühle der Menschen berühren. Das gilt für Liebeskomödien genauso wie für einen Dokumentarfilm wie "We feed the world". Aber die Menschen, die aus dem Kino kommen, die können tatsächlich die Welt verändern. Und das ist das Schöne.

HK: In Österreich läuft "We feed the world" schon seit September 2005 in den Kinos und wurde auch schon von vielen Schulklassen gesehen. Wie haben die Schüler reagiert?
Wagenhofer: Ich war schon bei einigen Filmvorführungen mit anschließenden Diskussionsrunden mit Schülern in Österreich dabei. Dort gab es immer sehr starke Reaktionen auf den Film. Ich wurde immer wieder gefragt: Was können wir tun? Und am Ende sind unzählige Schularbeiten, Schulprojekte und auch Universitätsarbeiten herausgekommen. Ich kann also auf jeden Fall sagen: Es bewegt sich was!

letzte Aktualisierung: 22.02.2010

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