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Proteste: Schüler und Studenten fordern ein besseres Bildungssystem

Bundesweit demonstrieren junge Menschen für Veränderungen in der Bildung

30.11.2009

Derzeit gehen in vielen deutschen Städten zahlreiche Schüler und Studenten auf die Straße, um ihrem Unmut Luft zu machen. Sie protestieren gegen die ihrer Meinung nach schlechte Situation im Bildungswesen. Mit verschiedenen Aktionen wie Demonstrationen, Sitzblockaden oder der Besetzung von Vorlesungssälen in Universitäten unterstreichen sie ihre Forderungen nach einer besseren Bildung. Was bemängeln die Schüler? Und welche Forderungen stellen die Studenten?

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In Deutschland gehen derzeit zehntausende Schüler und Studenten auf die Straße, um gegen die aktuelle Bildungspolitik zu demonstrieren. (Quelle: Stefan Wagner/ Wikimedia Commons)

In Deutschland gehen derzeit zehntausende Schüler und Studenten auf die Straße. Die Studenten halten sogar mehrere große Hörsäle in Universitäten besetzt - die Vorlesungen können also dort nicht stattfinden. Diese Aktion ist Teil der Proteste gegen die aktuelle Bildungspolitik. Bereits im Sommer gab es bundesweit Demonstrationen.

Die aktuellen Aktionen jedoch bilden den Höhepunkt des so genannten Bildungsstreiks 2009, dessen Ziel es ist, "eine Diskussion zur Zukunft des Bildungssystems anzuregen". Am 17. November wurden Schüler und Studenten zum internationalen Aktionstag aufgerufen. An diesem Tag gab es in vielen Städten Deutschland Demonstrationen und Protestmärsche von Schülern und Studenten. Zudem haben Studenten Hörsäle besetzt, um so ihren Forderungen noch mehr Druck zu verleihen. Diese Besetzungen dauern an einigen Universitäten noch immer an. Seit dem 30. November ist eine weitere Aktionswoche im Gange, die bis zum 6. Dezember stattfinden soll.

Kritik an Schulen: Große Klassen, frühe Teilung und Leistungsdruck

Dass Kinder bereits nach der vierten Klasse in verschiedene Schulformen eingeteilt werden, ist nach Meinung von Experten viel zu früh und bedeut oft auch eine soziale Teilung nach der Herkunft. Eine gute Schulbildung spielt bei der Integration eine wichtige Rolle. (Quelle: Dieter Schütz | Pixelio.de)

Viele Schüler bezeichnen die Situation an ihren Schulen als miserabel. In viel zu großen Klassen mit teilweise über 30 Schülern sei das Lernen schwierig. Daher fordern sie mehr Lehrer und kleinere Klassen. Weiterhin kritisieren sie das mehrgliedrige Schulsystem. Dabei handelt es sich um die Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Dass in den meisten Bundesländern Kinder bereits nach der vierten Klasse in diese verschiedenen Schulformen eingeteilt werden, ist nach Meinung von Experten zum einen viel zu früh und bedeute zum anderen in der Regel eine soziale Selektion, das heißt die Auswahl nach der Herkunft.

Bereits nach der Grundschulzeit müssen die Lehrer möglichst genau einschätzen, welche Schulart für ein Kind geeignet ist, und dementsprechend eine Empfehlung geben. Dabei wird berücksichtigt, ob das Kind den Anforderungen der Schulform vom Leistungsstand und vom Lernverhalten her gewachsen ist. In einigen Bundesländern ist dabei der Notendurchschnitt entscheidend, was zu Leistungsdruck führen kann. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist dieses System eine Besonderheit. Denn beispielsweise im von vielen Experten als vorbildlich empfundenen finnischen Schulsystem werden alle Kinder neun Jahre lang gemeinsam unterrichtet. Erst danach können sie wählen, ob sie die Sekundarstufe (ähnlich dem deutschen Gymnasium) oder die Berufsschule besuchen oder eine Lehre beginnen.

Das fordern die Schüler

Das "Turbo-Abi" soll innerhalb von 12 anstatt 13 Schuljahren erlangt werden. (Quelle: pixelio/S. Hofschlaeger)

Die deutschen Schüler wollen nun mit ihren Protesten auf diese Missstände hinweisen und Verbesserungen erreichen. So fordern sie beispielsweise die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und die flächendeckende Einführung von Gesamtschulen - als eine Schule für alle. Darüber hinaus bemängeln die Schüler das so genannte G-8-Abitur. G-8 steht für die acht Schuljahre, die man in der Regel an einem Gymnasium verbringen muss, um das Abitur zu erreichen.

Dieses System bestand in der ehemaligen DDR und wurde auch in den alten Bundesländern eingeführt, um allen Gymnasiasten in Deutschland einen Abschluss in der gleichen Zeit und somit Chancengleichheit zu ermöglichen sowie. Der Vorteil ist, dass die Jugendlichen früher mit der Weiterbildung oder beruflichen Ausbildung beginnen können. Die Verkürzung der Schulzeit bedeutet für Schüler in den alten Bundesländern wiederum, dass sie mehr Unterrichtsstoff in weniger Zeit lernen müssen, und für Schulen, dass die Lehrpläne umgestellt und Klassenstufen zusammengelegt werden mussten.

Kritik der Studenten an den neuen Studiengängen

Die Unzufriedenheit der Studenten richtet sich vor allem gegen die Umsetzung der neuen, europaweit geltenden Bachelor- und Master-Studiengänge. Ihrer Meinung nach sind dabei Fehler gemacht worden. Die Einführung dieser beiden neuen Studiengänge wurde im Zuge des so genannten "Bologna-Prozesses" beschlossen. Dabei handelt es sich um eine 1999 in der norditalienischen Stadt Bologna beschlossene Vereinbarung der Bildungsminister von mehreren europäischen Ländern, deren Ziel es ist, bis 2010 das Studium an allen Hochschulen in Europa vergleichbar zu machen. Es soll ein so genannter "europäischer Hochschulraum" entstehen, was bedeutet, dass die Studenten auch im Ausland studieren und forschen und die Absolventen dank der international anerkannten Abschlüsse auch im Ausland arbeiten können.

Die Unzufriedenheit der Studenten richtet sich vor allem gegen die Umsetzung der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge. (Quelle: Sebastian Bernhard | Pixelio.de)

Ermöglicht werden soll dies mithilfe der Einführung eines "gestuften Studiensystems": Statt der bisherigen Abschlüsse "Diplom", "Magister" und "Staatsexamen" gibt es bei den neuen Studiengängen nur noch die Abschlüsse "Bachelor" (englische Bezeichnung für "Junggeselle") und "Master" (englische Bezeichnung für "Meister"). Da der Bachelor-Abschluss in kürzerer Zeit erreicht werden kann, ist ein schnellerer Berufseinstieg möglich. In den alten Studiengängen betrug die Regelstudienzeit - also die Zeit, in der die Studenten ihr Studium nach Möglichkeit abgeschlossen haben sollten - meist acht bis neun Semester. Das sind vier- bis viereinhalb Jahre, denn ein Semester umfasst den Zeitraum von einem halben Jahr. Den Bachelorabschluss soll man dagegen in der Regel nach nur sechs Semestern (also drei Jahren) absolvieren. (Wenige Bachelor-Studiengänge umfassen jedoch auch vier Jahre.)

Durch diesen ersten Abschluss sind die Studenten also schon eher mit dem Studium fertig und können früher Berufserfahrung sammeln. In der kürzeren Zeit kann allerdings auch weniger Wissen erworben werden als beim Magister- oder Diplom-Abschluss. Wer einen guten Abschluss hat und zugelassen wird, kann im Anschluss an den Bachelor sein Wissen in einem - meist zweijährigen - Masterstudiengang vertiefen (und danach sogar promovieren - das heißt, den akademischen Grad "Doktor" erreichen). Letztendlich bedeutet dies: Möchte man auch noch einen Master-Abschluss machen, der bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt gewährt, studiert man sogar länger als nach der alten Struktur.

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Das Bachelor- und Masterstudium ist in so genannte "Module" aufgeteilt. Dabei handelt es sich um eine "Lerneinheit", die sich aus mehreren Lehrveranstaltungen in einem bestimmten Teilgebiet eines Studienfachs zusammensetzt. Am Ende eines jeden Moduls und nach erfolgreichem Bestehen der mündlichen oder schriftlichen Modulabschlussprüfungen erhält der Student so genannte "Credit Points", das sind Leistungspunkte.

Verschultes und vollgepacktes Studium

Die Studenten bemängeln zu wenig Studienplätze, ein verschultes Studium und überfüllte Hörsäle. (Quelle: Wikipedia)

Die Studenten bemängeln, dass der Abschluss nach drei Jahren kaum möglich ist, weil die Studiengänge inhaltlich zu voll gepackt sind. Der Lernstoff der alten Studiengänge sei einfach in die kürzere Studienzeit gepresst worden. Die neuen Studiengänge sind nach Meinung der Studenten auch zu "verschult" - was bedeutet, dass sie zu viele Prüfungen ablegen müssen und ihnen wie in der Schule der Stundenplan vorgegeben wird, statt dass sie Lehrveranstaltungen nach eigenen Interessen zusammenstellen können. Während man früher auch ganz verschiedene Studienfächer gemeinsam studieren konnte, sind die Kombinationsmöglichkeiten unterschiedlicher Fächer bei den neuen Studiengängen deutlich eingeschränkt worden.

Die neuen Studiengänge sollen die Studenten besser auf die spätere Berufspraxis vorbereiten. Bemängelt wird aber, dass die Freiheit der Studenten viel mehr eingeschränkt sei und das selbstständige Denken und Diskutieren in vielen Lehrveranstaltungen zu kurz komme. Dies ist vor allem in den so genannten Geisteswissenschaften wie Geschichts- und Sprachwissenschaften, Philosophie und Politik wichtig. Auch bleibt den Studenten aufgrund des vollen Stundenplans keine Zeit mehr, sich aus Interesse auch mal eine Vorlesung in einem anderen Studienfach anzuschauen. Somit sei zudem der Grundgedanke des Studiums, die so genannte "akademische Freiheit", eingeschränkt - in eigener Verantwortung Lehrveranstaltungen auszuwählen, zu besuchen und dann die verlangte Leistung zu erbringen.

Stress, "Aussortierung" und Studiengebühren

Durch die "gestuften Studiengänge" haben viele Studenten nicht mehr die Möglichkeit auf eine Weiterqualifizierung, da sie oft nach dem Bachelor-Abschluss nicht weiterstudieren können. Bild: Humboldt-Universität zu Berlin (Quelle: Lutz Reimann | Pixelio.de)

Ein großer Kritikpunkt ist: Für einige Studenten ist der Abschluss "Bachelor" schon die Endstation, denn zum einen benötigen sie in der Regel eine gute Abschlussnote, um überhaupt zum Masterstudium zugelassen zu werden. Weiterhin sind die Masterstudiengänge von der Anzahl her begrenzt und es gibt häufig ein Auswahlverfahren - oft kommt man deshalb sogar nur mit Glück oder einer Bestnote in den weiterführenden Studiengang hinein. Die verkürzte Studienzeit und die vielen Prüfungen bedeuten darüber hinaus jede Menge Stress für die Studenten. Aufgrund der langen Vorlesungstage fehle ihnen die Zeit, um sich in Ruhe auf die Prüfungen vorzubereiten, was wiederum bei einigen dazu führt, dass sie überfordert und von Prüfungsangst geplagt sind.

Auch hätten sie keine Zeit mehr für Nebenjobs, mit denen sie die Studiengebühren (in den meisten Bundesländern etwa 500 Euro pro Semester) sowie alle Ausgaben wie Miete, Lebenshaltungskosten, Versicherungen und Bücher finanzieren können. Die Studiengebühren sind wiederum ein weiterer Kritikpunkt der Studenten. Sie wurden mit dem Argument eingeführt, dass die Lehre und die Studienbedingungen verbessert werden könnten, indem mehr Material sowie entsprechende Technik und Mobiliar angeschafft würden. Doch die Situation hat sich nach Meinung vieler Studenten kaum verbessert. Es gibt zu wenig Professoren, die Vorlesungen und Seminare sind überfüllt, was ein effektives Lernen erschwert. Entscheidend ist vor allem, dass das Studieren durch die Gebühren nur für diejenigen möglich wird, die sich diese Kosten leisten können - und das sei nicht gerecht, beklagen viele Schüler und Studenten.

Auch der Grundgedanke des Bologna-Prozesses, das Studium vergleichbar zu machen und dadurch einen Wechsel des Studienortes beispielsweise ins Ausland zu ermöglichen, entspricht nicht der Realität. Denn zum einen werden Studienleistungen wie Modulprüfungen zwischen Hochschulen häufig nicht anerkannt, was den Wechsel an eine andere Hochschule erschwert, und zum anderen werden auch die Bachelor-Abschlüsse nicht überall gleichermaßen anerkannt.

Forderungen der Studenten

Auch die Einführung der Studiengebühren in vielen Bundesländern, durch die einige sich ein Studium nicht mehr leisten können, wird kritisiert. Die Forderung lautet: "Bildung für alle!" (Quelle: Helles-Koepfchen.de)

Die Studenten wollen daher eine "soziale Öffnung der Hochschulen" erreichen, indem mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt und Studiengebühren abgeschafft werden. Darüber hinaus fordern sie die Nachbesserungen des Bologna-Prozesses: die Abschaffung des Bachelor in seiner derzeitigen Form, mehr Freiheit, die Erleichterung des Hochschulwechsels sowie die Möglichkeit, einen eigenen Studienschwerpunkt zu wählen.

Darüber hinaus verlangen die Studenten, dass die Lehr- und Lernbedingungen verbessert werden, indem mehr Stellen für das Lehrpersonal geschaffen werden. So sollen beispielsweise 8.000 zusätzliche Professoren eingestellt werden. Zudem fordern sie mehr Mitbestimmung in den Hochschulgremien sowie die Förderung aller Studenten statt einer "Elitenbildung" von wenigen "besser Gestellten". Teilweise haben Politiker bereits auf die Kritik an den neuen Studiengängen reagiert. Der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann hat angekündigt, dass es künftig mehr Bachelorstudiengänge mit einer Regelstudienzeit von acht Semestern geben solle.

Hinweis zum Copyright: Die private Nutzung unserer Webseite und Texte ist kostenlos. Schulen und Lehrkräfte benötigen eine Lizenz. Weitere Informationen zur SCHUL-LIZENZ finden Sie hier.

letzte Aktualisierung: 10.01.2010

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