Lexikon: Bourgeoisie

von Daniela Mahr

Eine gesellschaftliche Satire auf das Bürgertum und die wohlhabenden Schichten schuf Molière (1622-1673) mit seinem Stück "Der Bürger als Edelmann", in welchem er einen einfältigen wohlhabenden Bürger beschreibt, der gesellschaftlich unbedingt aufsteigen will. (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Wort Bourgeoisie stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt Bürgertum. Der Begriff wird heute in zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Zum einen wird damit seit der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts das wohlhabende Bürgertum bezeichnet. Zum anderen hat der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx (1818-1883) die Unternehmer abwertend als Angehörige der "Bourgeoisie" bezeichnet, die seiner Ansicht nach auf Kosten der hart schuftenden Arbeiter leben und diese ausbeuten.

Die Unternehmer waren Eigentümer der Produktionsmittel - also der Mittel, die man zur Herstellung von Gütern benötigt, wie zum Beispiel Geld, Maschinen oder Fabriken. Marx kritisierte die bürgerliche Gesellschaft scharf. Ihm zufolge war die Gesellschaft in verschiedene Klassen eingeteilt - der Besitz war ungleich verteilt und einige Menschen hatten viel mehr Macht als andere. So herrschte die Bourgeoisie als Teil der "kapitalistischen" Klasse über diejenige der Arbeiter, die Marx das "Proletariat" nannte. Während die wohlhabenden Unternehmer immer größere Gewinne erzielten, lebten unzählige Arbeiter in Armut und die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößerte sich zur Zeit der Industrialisierung immer weiter.

Das Bürgertum entwickelte sich aus dem ehemals dritten Stand. Ursprünglich wurden als Bürger die Bewohner der Kaufmannssiedlungen bezeichnet, die vor den Stadtmauern lagen. Diese Siedlungen nannte man auf mittellateinisch "burgus" oder "burgum", was so viel wie "Vorburg" bedeutet. Diese Bewohner unterschieden sich in der Gesellschaft von den Geistlichen und dem Adel einerseits sowie von dem städtischen Arbeitervolk (dem Proletariat) und der unfreien Landbevölkerung anderseits.

Das Bürgertum hatte als Schicht des freien Gewerbes seit dem 12. Jahrhundert besondere Rechte in der Gesellschaft. Die Bürger organisierten sich in Gruppen, den Zünften, und blieben von den Abhängigkeiten des feudalen Lehnswesen verschont. Als Lehen (auf Lateinisch "feudum") wurden Besitztümer wie Grundstücke und Landflächen bezeichnet, die vom Eigentümer zur landwirtschaftlichen Nutzung sowie als Behausung gegen Abgaben bereitgestellt wurden. Die Bauern, die das Land nutzten, mussten zusätzlich auch noch hohe Steuern zahlen. Sie lebten in sehr einfachen Verhältnissen und waren unfrei. Die Bürger genossen hingegen mehr persönliche Freiheit - sie durften über ihre wirtschaftlichen Aktivitäten frei entscheiden und sich auch ansonsten innerhalb der Gemeinde (der Kommune) selbst verwalten.

Das Hauptanliegen des Bürgertums in der Ständegesellschaft des Mittelalters war es, einen möglichst hohen und vererbbaren Privateigentum zu erwerben. Nachdem es zunehmend möglich wurde, dass jeder unabhängig von Herkunft oder Abstammung den Beruf erlernen konnte, den er wollte (man spricht auch von der "Auflösung der Zunftschranken"), erhielt das Bürgertum mehr Macht und Möglichkeiten, die Industrie voranzutreiben. Diese Freiheit im Handel spaltete das Bürgertum in das Groß- und Kleinbürgertum. Das Kleinbürgertum, bestehend aus Handwerkern, Einzelhändlern und Kleingewerbetreibenden, geriet in Abhängigkeit zu dem erfolgreichen Großbürgertum, das sich aus Bankiers (Besitzer von Banken), Großkaufleuten oder Fabrikanten zusammensetzte.

Seit der Französischen Revolution 1789 und den aufkommenden bürgerlichen Revolutionen wurde die Ständegesellschaft endgültig zu Fall gebracht, was dem Bürgertum neue Möglichkeiten verschaffte. Es bildete sich eine "bürgerliche Gesellschaft" heraus. Unter dem Leitspruch "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" wurden Menschen- und Bürgerrechte sowie die Gleichheit vor dem Gesetz eingefordert. Im neuen Staat sollte es auch eine Gewaltenteilung geben, damit die Staatsmacht nicht zu einseitig verteilt war. Es wurde ein Rechtsstaat errichtet, der demokratisch aufgebaut ist. Der persönliche Bereich der Menschen und die private Wirtschaft gewannen an Bedeutung.

Mit der Zeit bildeten sich zwei Linien heraus: Erstens die Idee, dass die erkämpften Bürgerrechte nicht nur für den besitzenden Teil der Gesellschaft gelten sollten, sondern im Sinne der "Brüderlichkeit" von allen in Anspruch genommen werden können - nach diesem Prinzip ist auch ein Sozialstaat aufgebaut. Das Wort "Brüderlichkeit" wurde übrigens später durch "Solidarität" ersetzt, da so auch Frauen eingeschlossen sind. Doch die zweite Idee war mächtiger: Das Besitzbürgertum kümmerte sich vor allem um die Erweiterung seines Privatbesitzes und trieb somit das Modell eines "liberalen", also freiheitlichen, Staates voran. In einem solchen Staat werden die Wirtschaftsabläufe durch den Markt und somit durch den Wettbewerb unter den Menschen geregelt - auch bei Ungleichheiten, Benachteiligungen und großen Missständen greift der Staat nicht ein.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus dem einst fortschrittlichen Bürgertum zunehmend eine "konservative" - also alte Traditionen wahrende - Klasse: die Bourgeoisie. Die Ideale des Bürgertums hatten einen bedeutenden Einfluss auf kulturelle Werte und gesellschaftliche Regeln - dieser ist bis heute zu spüren. So spricht man von der "bürgerlichen Weltanschauung" und den "bürgerlichen Tugenden". Dazu gehören zum Beispiel Ordnung, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Fleiß und Leistung. Im späten 19. Jahrhundert war es in bürgerlichen Familien üblich, dass sich Bedienstete um den Haushalt kümmerten. Die Frau des Hauses hatte die Rolle der Repräsentantin - sie sollte also für den guten Ruf der Familie sorgen und die bürgerlichen Werte nach außen hin vertreten. So empfing sie zum Beispiel wichtige Gäste oder organisierte Treffen und wohltätige Veranstaltungen. Das Geldverdienen war hingegen ausschließlich dem Mann überlassen.

Seit dem 20. Jahrhundert kann von einem Bürgertum im ursprünglichen Sinn nicht mehr gesprochen werden. Mittlerweile spricht man von einer "Mittelschicht" - damit ist die Gesamtheit der sozialen Schichten zwischen der Arbeiterschaft und der wirtschaftlichen Oberschicht gemeint. Das heißt jedoch nicht, dass es keine "bürgerlichen" Lebensstile und Ideale im ursprünglichen Sinn mehr gäbe. In besonders traditionsbewussten, konservativen und meist auch wohlhabenden Schichten werden die oben genannten Tugenden auch heute noch gepflegt und es wird viel Wert auf Förmlichkeiten, vornehme Sitten und Äußerlichkeiten gelegt, durch die sich solche "gutbürgerlichen" Kreise von anderen abheben möchten.

In der kommunistischen Theorie nach Karl Marx wurde die wohlhabende Bourgeoisie, das Besitzbürgertum, zum Klassenfeind der verarmten Arbeiterschaft erklärt, während die Kleinbürger für Marx zwischen den Klassen hin und her schwankten. Doch auch von "intellektuellen" Bürgern aus gebildeten Kreisen wurde Kritik geübt - vor allem an den vorherrschenden bürgerlichen Tugenden, die immer wieder als erstarrt und scheinheilig entlarvt wurden. Auch der Begriff des "Spießbürgers" (umgangssprachlich "Spießer") bringt die starke Angepasstheit an gesellschaftliche Sitten und Regeln zum Ausdruck. Kritisiert wird daran, dass gängige Ansichten und Vorgaben der Gesellschaft nicht hinterfragt, sondern unkritisch angenommen werden, weil es die Tradition vorschreibt. Die Bezeichnung "Spießbürger" kommt daher, weil die mittelalterlichen Bürger sich mit Spießen verteidigten.

letzte Aktualisierung: 22.12.2011

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