Ungarn 1956 - Zwei Wochen Hoffnung

Vor 60 Jahren begehrte das ungarische Volk gegen die Fremdherrschaft auf

von Anna Schäfer - aktualisiert

Am 23. Oktober 1956 wehrten sich die Ungarn in einem spontanen Volksaufstand gegen die von der Sowjetunion gesteuerte stalinistische Diktatur. Zwei Wochen lang sah es so aus, als ließe sich die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie verwirklichen. Dann schickte Moskau seine Panzer nach Ungarn und ließ den Aufstand blutig niederschlagen.

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Viele junge Menschen in Budapest verschrieben sich im Oktober 1956 dem bewaffneten Freiheitskampf. (Quelle: American Hungarian Federation)
Im Jahr 1956 wurde Ungarn von Politikern regiert, die einen harten kommunistischen Kurs verfolgten. Die Ministerpräsidenten Mátyás Rákosi und Ernö Gerö, der das Amt im Sommer übernommen hatte, waren treue Anhänger Josef Stalins, dem Herrscher des mächtigen Nachbarstaates Sowjetunion. Die Sowjetunion war ein riesiges Reich, das im Jahr 1991 zerfiel. Vierzehn verschiedene europäische und asiatische Länder waren in diesem Imperium seit 1922 unter der kommunistischen Führung Russlands vereinigt.

Der Begriff "Kommunismus" geht auf das lateinische Wort "communis" zurück, was "gemeinsam" bedeutet. Nach diesem Gesellschaftsmodell soll es keinen Unterschied zwischen arm und reich geben. Die Produktionsmittel, die für den Lebensunterhalt notwendig sind, sollen allen Menschen gemeinsam gehören. Das sind zum Beispiel Geräte und Maschinen, das Land, auf dem angepflanzt wird, die Tiere, von denen die Menschen leben, die Häuser, in denen sie wohnen. Um zu gewährleisten, dass keiner mehr besitzt als der andere, werden all diese Güter verstaatlicht, gehören also dem Staat. Der einzelne Mensch darf dann kaum noch etwas für sich alleine besitzen.

Unterdrückung statt Gleichberechtigung

Die Massen strömten zu dem verhassten Stalin-Denkmal... (Quelle: American Hungarian Federation)

In Ungarn und in vielen anderen Ländern führte der Kommunismus aber nicht dazu, dass es den Menschen besser ging. Im Gegenteil, sie fühlten sich unfrei, weil sie nicht selbst über ihr Leben bestimmen durften. Jeder, der das kommunistische System anzweifelte oder kritisierte, wurde verfolgt. Die Zeitungen und Radiosender durften nichts Schlechtes über die Regierung berichten und es wurden keine freien Wahlen mehr abgehalten, da es nur noch eine einzige Partei gab.

Besonders die Studenten wurden immer unzufriedener. Immer mehr Menschen schlossen sich zusammen und überlegten gemeinsam, wie sie die Regierung dazu bringen könnten, mit der Unterdrückung aufzuhören und dem Volk seine Freiheit zurückzugeben.

Als im Oktober 1956 Arbeiter im ebenfalls kommunistischen Polen einen Aufstand gegen ihre Regierung anzettelten, war die Anteilnahme in Ungarn groß. Und als die Arbeiter ihre Forderungen tatsächlich durchsetzen konnten - der von der sowjetischen Führung ungeliebte Politiker Wladyslaw Gomulka wurde Parteichef - war die Hoffnung groß, dass auch das ungarische Volk seine Regierung zu Reformen bewegen könnte.

Mutige Forderungen

Ermutigt durch die Entwicklung in Polen stellten die Studenten eine Liste mit ihren Forderungen zusammen, die sie auf Flugblätter druckten. Schwarz auf weiß verlangten sie freie Wahlen, bei der mehrere Parteien antreten können, Pressefreiheit und die Bildung einer neuen Regierung. Sie forderten, dass der zwei Jahre zuvor von den Stalinisten abgesetzte Politiker Imre Nagy wieder das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt. Und außerdem verlangten sie, dass die Sowjetunion ihre Truppen abzieht.

Seit sowjetische Truppen Ungarn im Jahr 1945 von der Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten befreit hatten, war der Einfluss der Sowjetunion in Ungarn immer weiter gewachsen. Der mächtige kommunistische Diktator Josef Stalin ließ seine Truppen in Ungarn und hielt das Land besetzt. Zwar hatte Ungarn eine eigene Regierung, doch nur wer sich nicht gegen die Sowjetunion stellte, konnte als Politiker an die Macht kommen. Deshalb war es sehr mutig von den Studenten, zu verlangen, dass die sowjetischen Truppen abziehen.

Um ihre Forderungen bekannt zu machen, riefen die Studenten für den 23. Oktober zu einer Demonstration in Ungarns Hauptstadt Budapest auf.

Spontaner Aufstand

... und zertrümmerten es mit Hammer und Beil. (Quelle: American Hungarian Federation)

Bestand der Protestzug zu Anfang nur aus ein paar Studenten, so wuchs er rasch zu einer gewaltigen Menschenmenge heran. Viele Passanten, die den Zug sahen, schlossen sich den Studenten an. Vor allem die Arbeiter griffen die Forderungen auf. Immer lauter wurden jetzt Rufe wie: "Russen raus!", "Nagy an die Macht!" oder "Bleibt nicht stehn auf halbem Weg, fegt den Stalinismus weg!"

Die Menschenmassen strömten zum Parlamentsgebäude, um ihren Hoffnungsträger Imre Nagy zu sehen. Ähnlich wie in Polen, wo wenige Tage zuvor das Volk Wladyslaw Gomulka zu seinem Helden gemacht hatte, so sollte jetzt in Ungarn Imre Nagy das Land in eine bessere Zukunft führen.

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Andere Demonstranten zogen zum Stalin-Denkmal, um das Symbol der Diktatur und der Fremdherrschaft vom Sockel zu reißen. Mit Hämmern und Beilen zertrümmerte die Menge die große Bronzestatue.

Von der Demonstration zum bewaffneten Freiheitskampf

Die sowjetischen Panzer versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. (Quelle: American Hungarian Federation)

Als die Menge versuchte, das Rundfunkgebäude zu stürmen, wurde ein Demonstrant durch einen Schuss getötet. Viele Menschen entschieden sich in diesem Moment, nicht einfach nur ihre Meinung kund zu tun, sondern zur Not für den Freiheitskampf auch zu den Waffen zu greifen.

Die in Ungarn stationierten sowjetischen Soldaten rückten mit ihren Panzern in die Hauptstadt vor, doch konnten sie gegen die zahlreichen fest entschlossenen Kämpfer nicht viel ausrichten. Viele Soldaten der ungarischen Armee standen sowieso auf der Seite der Aufständischen und leisteten keine Gegenwehr, als die Freiheitskämpfer Waffenfabriken, Polizeiwachen und Kasernen stürmten, um an Waffen und Munition zu gelangen.

Bereits am nächsten Tag wurde die erste Forderung des Volkes erfüllt: Imre Nagy wurde zum Ministerpräsidenten ernannt.

Zerstörte Hoffnung

Viele Ungarn flüchteten nach Österreich und in andere europäische Länder. (Quelle: American Hungarian Federation)

Eine Woche später, am 30. Oktober 1956, kündigte Nagy in einer Rede im Radio an, dass er das Einparteiensystem aufheben wolle. Es solle wieder freie Wahlen geben, bei der mehrere Parteien antreten. Außerdem teilte er dem Volk mit, dass er Verhandlungen mit der Regierung in Moskau über den Abzug sowjetischer Truppen aufnehmen werde. Zwei Tage später gab Nagy sogar bekannt, dass Ungarn aus dem Warschauer Pakt austreten wolle, einem wichtigen Militärbündnis einiger kommunistischer Staaten.

Die Revolution schien gesiegt zu haben. Ganz Ungarn war wie im Freudentaumel und voller Hoffnung. Doch leider wurde jegliche Zuversicht nur wenige Tage später brutal zerstört.

In den frühen Morgenstunden des 4. November wurden die Menschen in Budapest von Panzerkanonen und Geschützfeuer geweckt. 60.000 sowjetische Soldaten und Hunderte von Panzern sollten das Land wieder unter die Kontrolle Moskaus bringen.

Verzweifelter Widerstand

Die Freiheitskämpfer in Budapest leisteten verzweifelten Widerstand. Doch gegen die gewaltige Übermacht und die Brutalität der sowjetischen Truppen konnten sie nichts ausrichten. Erbarmungslos belegten die Panzerschützen ganze Häuserblöcke mit Granatfeuer, wenn sie darin Aufständische vermuteten.

Die Kämpfe dauerten bis zum 11. November an. Über 2.500 Ungarn wurden innerhalb weniger Tage getötet, fast 20.000 Verletzte wurden gezählt. Ungefähr 200.000 Menschen flohen in den Westen, die meisten von ihnen gingen nach Österreich.

Die sowjetische Regierung unter Nikita Chruschtschow setzte ein moskautreues Kabinett für Ungarn unter der Führung von Janos Kadar ein. Die Symbolfigur Imre Nagy wurde nach Rumänien gebracht. Dort wurde er zwei Jahre später des Hochverrats beschuldigt und erhängt. Über dreißig Jahre lang unternahmen die Ungarn nach dieser Erfahrung keinen Versuch mehr, sich gegen die sowjetische Fremdbestimmung aufzulehnen.

letzte Aktualisierung: 06.11.2016

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