Buchtipp: Leihst du mir deinen Blick?

Die Geschichte eines israelischen Mädchens

von Marlen Schott und Andreas Fischer

Die 17-jährige Israelin Tal beschließt, eine Flaschenpost zu versenden. Sie erhofft sich eine Antwort eines palästinensischen Mädchens in ihrem Alter. In ihrem Brief richtet sie Fragen an den "unbekannten Empfänger", die sie sich selbst schon lange stellt: Was unterscheidet die verfeindeten Völker Israels und Palästinas so sehr voneinander? Nach langem Warten erhält sie tatsächlich eine Antwort, allerdings anders als erhofft... Die Autorin Valérie Zenatti behandelt in dem Buch die Problematik des Nahost-Konflikts. Dem Leser wird bewusst gemacht, wie sehr die Menschen bei diesem Konflikt leiden, der geprägt ist von Missverständnissen und undefiniertem Hass.

Das Buch "Leihst du mir deinen Blick" erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer 17-jährigen Israelin und behandelt den Nahost-Konflikt.

Tal ist zuhause, es ist Abend. Ihre Mutter hatte sie schon mehrmals aufgefordert, ins Bett zu gehen, da sie am nächsten Tag Schule hat. Plötzlich ist eine laute Explosion zu hören. Die Scheiben erzittern, eine kurze Stille tritt ein, und es folgt das Heulen der Sirenen. So beginnt die Geschichte des Buches. Die 17-jährige Tal ist durch das Geschehene sehr aufgewühlt. Menschen, die für sie greifbar nah und doch unbekannt waren, sind dabei ums Leben gekommen. Wie so oft waren es Zivilisten.

Tal beschließt, über die Grenzen hinaus Kontakt zu einem Mädchen in Gaza aufzunehmen. Sie möchte Erfahrungen austauschen und selbst sehen, was ihr Volk und das der Palästinenser so voneinander unterscheidet. Sind sie wirklich so anders? Warum findet der Hass zwischen Israel und Palästina kein Ende?

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina

Israel wurde 1948 gegründet. Viele Juden kehrten in ihre frühere Heimat zurück, in der sich die Palästinenser angesiedelt hatten. Bis heute ist unklar, wo die Grenzen zwischen Israel und Palästina verlaufen sollen.

Der Staat Israel wurde 1948, also drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gegründet. Nachdem unter der Nazi-Diktatur viele Juden verfolgt und über sechs Millionen ermordet worden waren, beschlossen die Siegermächte, dem jüdischen Volk als Entschädigung ihre ursprüngliche Heimat zurück zu geben. Zuvor lebten die Juden ohne eigenes Staatsgebiet auf verschiedenen Teilen der Welt.

So kehrten viele jüdische Menschen in das Land zurück, aus dem ihre Vorfahren vor etwa 2000 Jahren vertrieben worden waren. Allerdings hatte sich dort über Jahrhunderte hinweg das Volk der Palästinenser angesiedelt. Den Palästinensern war die von den Juden verlassene Region im Laufe der Zeit zu ihrer Heimat geworden. Das palästinensische Volk wurde zur Minderheit, nachdem Millionen von Juden aus Ländern wie Deutschland, Polen, Russland und den USA in das Land zurückkehrten.

Da die Palästinenser das isrealische Gebiet für sich beanspruchten und zunächst ablehnten, Israel und Palästina jeweils ein eigenes Staatsgebiet zuzuteilen, wurde nur der Staat Israel gegründet. Gleichzeitig verhinderte Israel später, dass aus den palästinensischen Gebieten ein eigener Staat entstehen konnte. Bis heute ist unklar, wo genau die Grenzen zwischen Israel und Palästina verlaufen sollen. Die meisten Palästinenser wohnen im Westjordanland oder im Gazastreifen. Diese so genannten "palästinensischen Autonomiegebiete" zählen zu den ärmsten Regionen überhaupt. Aus ihnen soll einmal der Staat Palästina gebildet werden. Durch den Nahost-Konflikt hat sich der Hass auf beiden Seiten - muslimischen Ländern und Israel - weiter verschärft und richtet sich nicht nur gegen Politik und Regierung, sondern gegen das gesamte Volk.

Die geheime Flaschenpost

Tal verschickt eine geheime Flaschenpost und hofft auf die Antwort eines palästinensischen Mädchens ihres Alters. (Quelle: Photocase )

Tal beginnt damit, einen langen Brief zu schreiben. Sie beschreibt darin ihre Gefühle und Gedanken, ihr Leben und ihre Pläne für die Zukunft. Außerdem legt sie eigens für die Finderin dieser Post eine E-Mail-Adresse an, um eine Antwort erhalten zu können. Den Brief verstaut sie schließlich - gutgläubig und beinahe romantisch - in einer Flasche.

Eytan, Tals Bruder, leistet seinen Militärdienst als israelischer Soldat im Gazastreifen ab. Das Mädchen bittet ihn, ihre Flaschenpost mitzunehmen und dort ungelesen ins Meer zu werfen. Eytan erfüllt Tals Wunsch und nimmt die Flasche an sich. Von da an beginnt für Tal ein hoffnungsvolles und ungeduldiges Warten. Täglich ruft sie ihre E-Mails ab - und eines Tages ist es soweit, sie hat Post.

Es meldet sich jedoch kein Mädchen ihres Alters, wie sie es sich erhofft hat, sondern ein Mann, der sich selbst den Namen "Gazaman" gegeben hat. Dieser antwortet ihr nicht auf ihre Fragen, ganz im Gegenteil: Er macht sich ein wenig lustig über sie, ihre leichtgläubige Art und überhaupt über alles, was sie geschrieben hat.

Wer verbirgt sich hinter dem spöttischen Fremden?

Zerbombte Wohnblocks im Gazastreifen.

Das Buch beschreibt eine anfangs eher negative, von Unverständnis und Hohn geprägte Beziehung zwischen Tal, der 17-jährigen Israelin, und einem Palästinenser. Tal lebt mit ihrer Familie in Jerusalem, er lebt in Gaza. Ihre Lebensumstände könnten kaum unterschiedlicher sein - und doch verbindet sie etwas. Mehr und mehr erwachsen daraus Gefühle von Sympathie und Verständnis.

Tal und der Leser, der die Geschichte aus der Sicht der jungen Frau erlebt, wird lange darüber im Unklaren gelassen, wer sich hinter dem Unbekannten verbirgt. "Gazaman" ist zu Beginn eine gemeine und spöttische Figur. Im Laufe der Zeit entwickelt sie sich jedoch zu einem sypathischen und doch kritischen Brieffreund. Die Spannung wird über das gesamte Buch hinweg gehalten. Der Leser wartet gefesselt darauf, zu erfahren, wer hinter "Gazaman" steckt und wie sich die Beziehung zwischen der interessierten Tal und dem abgeklärten Mann entwickelt.

Ein offenes Ende

Die israelischen Stadt Jerusalem. Im Vordergrund ist die Klagemauer zu sehen, im Hintergrund der Felsendom. (Quelle: Wayne McLean)

Das Buch behandelt die Problematik des Nahost-Konflikts. Dem Leser wird bewusst gemacht, wie sehr viele Menschen bei diesem Konflikt leiden - geprägt von Missverständnissen, Vorurteilen und unbestimmtem Hass gegen das andere Volk, das zum Feindbild erklärt wurde.

Das Ende ist sehr abrupt und lässt einige Fragen offen. Diese Ungewissheit spiegelt wider, was die Menschen dort in der Realität erleben: Das Ende ist unklar. Keiner kann heute sagen, wie sich die Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern entwickeln wird, ob es jemals Frieden oder Freundschaft zwischen den Völkern geben kann. Tal und "Gazaman" zeigen eindrucksvoll, dass Missverständnisse durch Zuhören, Verstehen und Toleranz aus der Welt geschaffen werden können. Denn hinter den Völkern stehen einzelne Menschen mit persönlichen Schicksalen.

Die Autorin Valérie Zenatti ist in Nizza geboren und in Israel aufgewachsen. Ihr Buch "Leihst du mir deine Blick?" wurde im Mai 2006 als das JuBu (Jugendbuch) des Monats ausgezeichnet. Sie lebt derzeit mit ihren beiden Kindern in Paris und beschreibt in ihren Büchern zum Teil eigene Erlebnisse während der Zeit in Israel und ihrer Militärzeit. Das Buch ist für etwas ältere Kinder und Jugendliche ab ungefähr zwölf Jahren empfehlenswert.

Gebundene Ausgabe 2006. 192 Seiten. Cecilie Dressler Verlag GmbH & Co. KG,
ISBN 978-3-7915-2579-2.
12,00 Euro(Deutschland)/21,90 SFR(Schweiz)/12,40 Euro(Österreich).

letzte Aktualisierung: 23.01.2010

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