Fantastische Welten: Fantasy und ihre Spielarten

von Silvia Hähnel

"Harry Potter", "Der Herr der Ringe" und "Twilight", "Tintenherz", "Eragon" und "Die Chroniken von Narnia" - viele Menschen lieben Fantasy, ob in Buch-Form, auf der Kinoleinwand oder als Spiel. Magische Welten, wundersame Gestalten und der ewige Kampf von Gut gegen Böse sind einfach für jedes Alter faszinierend. Aber was macht die Fantasy eigentlich aus und wie entstand dieses Genre überhaupt?

Geschichten von übernatürlichen Ungeheuern gibt es schon seit Menschengedenken. (Quelle: Wikipedia)

Es ist gar nicht so leicht zu beschreiben, was Fantasy eigentlich ist - denn Fantasy ist der Oberbegriff für viele verschiedene Arten von Geschichten, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden. Sie haben eigentlich nur eine Sache gemein: Die Geschichten handeln von Fantastischem - also von Dingen, Figuren oder Welten, die es nicht in Wirklichkeit gibt. Fabelwesen wie Einhörner und Drachen sind fantastisch, ebenso wie Feen und Elfen. Magie und Zauberei sehen wir als fantastisch, aber auch Geister, Dämonen und Vampire.

Fantasy ist außerdem sehr eng verwandt mit der Science-Fiction und lässt sich nicht immer eindeutig von ihr abgrenzen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Science-Fiction normalerweise einen sehr engen Bezug zu Wissenschaft und technischem Fortschritt hat. Im Gegensatz dazu spielt in der Fantasy das Übernatürliche eine große Rolle. Trotzdem geht es meistens doch um sehr reale Dinge. Viele Autoren "verkleiden" nämlich gesellschaftliche oder zwischenmenschliche Probleme mit einem Fantasy-Gewand und schaffen es so, den Leser gleichzeitig zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen. Gute Fantasy-Geschichten wirken echt und glaubwürdig, auch wenn sie in einer magischen Welt spielen.

Der Ursprung der Fantasy

J.R.R. Tolkien gilt als "Vater" der Fantasy. (Quelle: Wikipedia)

Ihren Ursprung hat Fantasy, wie wir sie heute kennen, in Sagen und Heldenepen, die sich die Menschen schon seit langer Zeit erzählen. Ob es nun Götter mit übernatürlichen Kräften waren, die in die Geschicke der Menschen eingriffen oder ob tapfere Helden Jungfrauen vor Drachen und anderen Ungeheuern bewahrten - ähnliche Geschichten sind vermutlich schon so alt wie die Menschheit. Noch heute sind die Götter- und Heldensagen der alten Griechen beliebt und werden entweder direkt oder nur in Teilen von moderner Fantasy aufgegriffen. Das gleiche gilt für andere berühmte Stoffe wie die Nibelungensage oder die Sage von König Artus.

Besonders wichtig für die Entwicklung der Fantasy als Genre war das 19. Jahrhundert. (Ein "Genre" bezeichnet vor allem innerhalb der Literatur, Musik, Kunst und des Films jeweils eine "Art", welcher thematisch ähnliche Bücher, Filme oder Kunstformen zugehörig sind.) Berühmte Autoren wie der deutsche Romantiker E.T.A. Hoffmann und der berühmte amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe banden fantastische Elemente in ihre Erzählungen und Romane mit ein, was über lange Zeit eher unüblich gewesen war. Sie hatten damit großen Erfolg - so entstanden in der folgenden Zeit viele fantastische Erzählungen, die zum Teil die Fantasy-, Science-Fiction- und auch die Horrorliteratur sehr stark beeinflussten. Besonders viel Erfolg hatten in dieser Zeit Schauerromane. Es entstanden zum Beispiel Meilensteine wie "Dracula" von Bram Stoker, "Frankenstein" von Mary Shelley oder auch "Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde" von Robert Louis Stevenson.

Von Tolkien bis heute

Fabelwesen wie das Einhorn sind in vielen Fantasy-Geschichten ganz real. (Quelle: Wikipedia)

Trotz dieser Erfolge konnte sich die Fantasy aber erst im 20. Jahrhundert als eigenes Genre durchsetzen. Als Grund dafür kann man die Werke des britischen Autors J.R.R. Tolkiens nennen, denn mit der fantastischen Welt, die er in "Der Herr der Ringe" erschuf, löste er in den 1960er Jahren einen richtigen Fantasy-Boom aus. Sehr viele Autoren nahmen sich Tolkien als Vorbild und traten in seine Fußstapfen. Auch die "Chroniken von Narnia" von Tolkiens Schriftsteller-Freund C.S. Lewis fanden viele Liebhaber und Nachahmer. In den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich die Fantasy weiter und wurde unter anderem von Autoren und Autorinnen wie Marion Zimmer-Bradley und Stephen R. Donaldson geprägt. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Fantasy-Rollenspiele.

Das Fantasy-Genre wurde mit der Zeit immer größer und entwickelte mehr und mehr Varianten und Unterkategorien. Über lange Zeit gab es dennoch fast nur Fantasy-Bücher und nur wenige Fantasy-Kinofilme. Selbst in den 1990er Jahren war noch relativ wenig Fantasy im Kino zu sehen. Im Fernsehen hatte man allerdings schon entdeckt, dass sich die Zuschauer durch Fantasy fesseln lassen. Es entstanden erfolgreiche Serien wie "Charmed - Zauberhafte Hexen", "Hercules", "Xena" oder "Buffy - Im Bann der Dämonen". Der Fantasy-Boom, der noch bis heute andauert, kam jedoch erst Anfang der 2000er Jahre richtig ins Rollen. Der Grund dafür war der riesige Erfolg der "Harry Potter"-Reihe und die spektakuläre Verfilmung von "Der Herr der Ringe". Seitdem erscheinen viel mehr Fantasy-Bücher als früher und werden außerdem mit viel größerem Aufwand vermarktet. Früher galt Fantasy als kleine Nische für Liebhaber, mittlerweile lässt sich auch die Masse durch fantastische Geschichten begeistern.

Die wichtigen Genres

Früher wie heute sind Drachen in der Fantasy sehr beliebt. (Quelle: Wikipedia)

In der heutigen Fantasy werden einige Hauptarten oder Strömungen unterschieden, wobei das bei einem so bunten und vielseitigen Genre wie der Fantasy gar nicht so einfach ist. Deshalb sind sich nicht alle Kenner darüber einig und es wird immer wieder versucht, passendere Unterkategorien einzuführen. Viele Bücher, Filme oder Spiele passen auch einfach nicht in die bestehenden Schubladen, weil sie typische Elemente der einen Kategorie mit denen einer anderen vermischen – oder weil der Autor eine ganz neue Idee entwickelt hat.

Ein wichtiges Genre innerhalb der Fantasy ist zum Beispiel die "High Fantasy" oder "epische Fantasy". Man kann sagen, dass diese Kategorie die "Ur-Fantasy" ist, denn der Begriff "High Fantasy" bezeichnet Geschichten wie zum Beispiel "Der Herr der Ringe". Sie spielen häufig in einem anderen Land - in einer anderen Welt, in der es andere Völker gibt. Beliebt sind hierbei ganz im Sinne von "Der Herr der Ringe" Zauberer, Zwerge und Elfen, aber viele Autoren entwerfen auch ganz neue und sehr detaillierte Welten, die nur in den Grundzügen an den Fantasy-Klassiker schlechthin erinnern.

Im Gegensatz zur High Fantasy spielt die zeitgenössische Fantasy in unserer modernen Welt, wie wir sie kennen - mit dem feinen Unterschied, dass Magie und Fantastisches existieren. Oft hatte die Hauptfigur selbst keine Ahnung davon und wird ganz plötzlich mit Wesen konfrontiert, an die sie zuvor nie geglaubt hat. Eine Spezialform der zeitgenössischen Fantasy ist die "urbane Fantasy" ("urban" heißt "städtisch") - eine Kategorie, bei der großer Wert auf die Stadt als Handlungsort gelegt wird. Ein beliebtes Thema der urbanen Fantasy ist das Schwinden der Macht der Magie und seine Auswirkungen. Magier und Vampire gehen "normalen" Jobs nach und Götter müssen sehen, wie sie in einer Welt überleben, in der niemand mehr an sie glaubt.

Fantasy ohne Grenzen

Sehr erfolgreich sind Fantasy-Bücher wie "Drachenreiter" von Cornelia Funke: Eine bunte Reisegesellschaft macht sich auf Suche nach der sagenumwobenen alten Heimat der Drachen. (Quelle: Dressler Verlag)

Ein weiterer Begriff, der gerne gebraucht wird, ist "All Age Fantasy", also Fantasy für jedes Alter. Diese Art Fantasy gefällt jungen Lesern ebenso gut wie Lesern im Erwachsenenalter. Einige dieser Bücher wurden von vornherein für ein ganz breites Publikum geschrieben. Manche waren allerdings eigentlich für Kinder oder Jugendliche gedacht und entpuppten sich im Nachhinein als Lieblingsbücher von Erwachsenen. Das beste Beispiel hierfür sind wohl die auf der ganzen Welt beliebten Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter.

Zugleich ist die "Harry Potter"-Reihe ein Beispiel für eine andere Art von Fantasy, über deren Zuordnung man sich nicht ganz einig ist. Es geht um Geschichten, die zwar in unserer "normalen" Welt ihren Anfang nehmen, dann aber größtenteils in eine andere Welt verlagert werden. Dieses Prinzip wird in der Fantasy immer wieder gern in vielen Variationen umgesetzt und geht auf C.S. Lewis zurück, den Schöpfer von "Die Chroniken von Narnia".

Die Liste der Unterkategorien der Fantasy ist praktisch endlos. Da gibt es zum Beispiel Märchenfantasy, "Science Fantasy" (eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction), Horror und Grusel, historische Fantasy und spätestens seit dem Erfolg der "Twilight"-Reihe auch Romantasy, also "romantische Fantasy". In der Fantasy ist eben grundsätzlich alles möglich. Die Autoren können ihrer Fantasie völlig freien Lauf lassen - und das ist ja gerade das Schöne an diesem Genre.

letzte Aktualisierung: 15.11.2010

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