Elektroschrott und Kinderarbeit: Geschäft auf Kosten der Ärmsten

Ein Großteil unseres giftigen Elektronik-Mülls landet in den armen Ländern

von Christoph Hühnergarth - 11.02.2013

Bis zu 50 Millionen Tonnen Elektroschrott werden jährlich weltweit produziert - allein die deutschen Haushalte sind jedes Jahr für über eine Million Tonnen verantwortlich. Nur weniger als die Hälfte dieses enormen Müllbergs - bestehend aus ausgedienten Computern, Fernsehern, Handys und Kühlschränken - wird ordnungsgemäß recycelt. Große Teile des giftigen Elektroschrotts aus Europa, den USA und Australien verschiffen die Entsorgerbetriebe in arme Länder der so genannten "Schwellen-" und "Entwicklungsländer" in Afrika und Asien. Sogar mit unserem Müll lassen sich also noch Gewinne erzielen, auf Kosten der ärmsten Menschen auf der Welt. Im Geschäft mit dem Elektroschrott ist besonders Kinderarbeit weit verbreitet.

Kinder auf dem Elektroschrottplatz Agbogbloshie bei Accra in Ghana im Jahr 2012 (Quelle: Lantus/ Wikimedia Commons (CC BY 2.0))

Dass sich an Hunger und Armut leidende Kinder in Afrika und Asien bei der Wiederverwertung unseres Elektroschrotts lebensgefährlich vergiften könnten, kümmert die Schrott-Exporteure ("Auslieferer") aus den Industrienationen wie Deutschland wenig. Ein riesiger Elektroschrottplatz im westafrikanischen Agbogbloshie, außerhalb der ghanaischen Hauptstadt Accra, verdeutlicht die Haltung der reichen westlichen Länder: Neuere, schnellere und modischere Elektrogeräte kommen bei uns ständig auf den Markt. Jeder will sie haben - und die ausgedienten Geräte landen auf dem Müll.

Immer mehr Menschen haben mittlerweile einen eigenen Computer, der möglichst auf dem neuesten technischen Stand sein soll. Doch wusstest du, dass ein Computer zahlreiche gefährliche Schwermetalle wie Blei, Cadmium und Quecksilber sowie andere giftige Chemikalien wie PVC und bromierte Flammschutzmittel enthält? In den "Wegwerfgesellschaften" der Industrieländer gibt es immer mehr Elektrogeräte mit immer kürzeren Gebrauchszeiten. Das liegt auch daran, dass neue Geräte immer billiger angeboten werden, während der Preis für Ersatzteile und Reparaturen weiter steigt. Es ist nicht im Sinne der Hersteller, dass die Geräte möglichst lange verwendet und - wenn nötig - repariert werden, sondern die Verbraucher sollen am besten ständig neue Produkte kaufen. Wegwerfen und neu kaufen ist für sie deshalb zumeist günstiger als ein defektes Gerät reparieren zu lassen.

Unser Elektronik-Müll landet auf riesigen Schrottplätzen in Ghana oder in anderen Ländern Afrikas und Asiens, wo Kinder den Müll nach wertvollen Materialien durchsuchen. Dabei verbrennen sie oft die alten Geräte, weil durch das Schmelzen der Kunststoffgehäuse und anderer Plastikteile verwertbare Metalle übrig bleiben. Die Stoffe verkaufen die Kinder an Metallhändler, um ein wenig Geld zu verdienen. Für ein Kilo Kupfer gibt es umgerechnet rund einen Euro. Beim Verbrennen des Kunststoffs werden jedoch Krebs erregende Gifte wie Dioxine und Furane freigesetzt, aber auch Schwermetalle wie Blei, das sehr gesundheitsschädlich ist und die Entwicklung der Gehirne von Kindern beeinträchtigen kann. Die Dämpfe können darüber hinaus neben Krebs auch Hautkrankheiten auslösen sowie Leber und Nieren schädigen. Es würde viel zu lange dauern, die Geräte auseinanderzubauen. Außerdem fehlt den Kindern jegliches Werkzeug, genauso wie Schutzmasken oder Handschuhe.

"Eure Computer vergiften unsere Kinder!"

Bis zu 50 Millionen Tonnen Elektroschrott werden jährlich weltweit produziert. Nur weniger als die Hälfte dieses enormen Müllbergs aus ausgedienten Computern, Fernsehern und Kühlschränken wird ordnungsgemäß recycelt. (Quelle: Volker Thies (Asdrubal) (CC BY-SA 3.0) )

Der ghanaische Umwelt-Aktivist Mike Anane wirft deshalb den Industrieländern vor: "Eure alten Computer vergiften hier unsere Kinder!" Anstatt für eine saubere Entsorgung der alten Computer in Deutschland und anderen reichen Ländern zu sorgen, ist es für viele Recycling-Firmen ein gutes Geschäft, Altgeräte per Schiff nach Ghana, in andere afrikanische Länder oder nach Asien zu schicken. Die wenigen Computer, die in den Lieferungen noch funktionieren, verkaufen Händler vor Ort zu vollkommen überzogenen Preisen. Der Rest, rund 80 Prozent der Geräte, landet aber einfach auf riesigen Schrottplätzen und Müllhalden.

Der Schrottplatz in Agbogbloshie liegt direkt am Fluss Odaw, wo früher gefischt wurde, doch heute ist das längst nicht mehr möglich, denn der Boden ist völlig verseucht. Zu einer giftigen Müllhalde verkommen, stinkt das gesamte Flussgebiet bestialisch. "Jedes Mal, wenn es regnet, wird Gift in den Fluss gespült, darunter ist eine Menge Cadmium oder Blei", prangert Mike Anane an. Einer Untersuchung der Umweltorganisation Greenpeace zufolge enthält der Boden in Agbogbloshie Spuren von Cadmium, Blei, Antimon sowie hochgiftigen Kunststoffbestandteilen.

"Diese Kinder hier verüben Selbstmord auf Raten", sagt Mike Anane nachdenklich. Von einem Bekannten habe er erfahren, dass dessen Bruder an Krebs erkrankt ist - mit gerade einmal 27 Jahren. Zwölf Jahre seines Lebens habe er täglich in Agbogbloshie Computer ausgeschlachtet, um sich Geld für Nahrung zu verdienen und ein kleines Fleckchen zum Übernachten in einer der benachbarten Hütten in den Elendsvierteln ("Slums") leisten zu können. Vor einem funktionierenden Computer hat er, wie alle Kinder, die dort mit Elektroschrott arbeiten, aber niemals gesessen. Den hochgradig giftigen Dämpfen ausgesetzt, ist der junge Mann nun schwer erkrankt.

Katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt

Ghanaische Jugendliche arbeiten auf der riesigen Elektro-Mülldeponie von Agbogbloshie. (Quelle: Marlenenapoli/ Creative Commons (CC0 1.0) )

So ergeht es vielen armen Menschen - vor allem Kindern zwischen fünf und achtzehn Jahren, für die die Arbeit auf dem Schrottplatz die einzige Möglichkeit ist, ein wenig Geld zu verdienen. Sie müssen jeden Tag auf der Müllhalde schuften, um ihre Familien mit zu ernähren. Ihre Eltern sind darauf angewiesen, dass die Kinder hart arbeiten und haben keine Möglichkeit, sie auf die Schule zu schicken. Sie haben kaum das Nötigste zum Leben, für Bücher, Hefte oder die Schuluniform fehlt ihnen erst recht das Geld. Die Kinder auf dem Schrottplatz in Westafrika verdienen rund zwei ghanaische Cedi pro Tag, umgerechnet etwa ein Euro - das reicht gerade für ein wenig Reis, Tomaten und Trinkwasser.

In ihrer seltenen Freizeit spielen die Jugendlichen, die auf dem Elektroschrottplatz Agbogbloshie arbeiten, gerne Fußball. Beim Sport atmen sie die Gifte der verbrannten Geräte aber besonders tief ein. Auch Schnittverletzungen ziehen sich die Kinder bei ihrer Arbeit oft zu. Michael Yentumi Kofi kennt die Leiden der armen "Elektroschrott-Kinder", denn ihm gehört die Apotheke im nahe gelegenen Slum. Er setzt ihnen Spritzen gegen Tetanus, wenn die Kinder sich die Hände an scharfen Computertrümmern aufgerissen haben und verkauft ihnen Hustensaft gegen die Reizungen durch die giftigen Dämpfe. Mehr kann er aber nicht tun: "Viele müssten ins Krankenhaus, aber das können sie nicht bezahlen. Sie verschwinden dann. Ich weiß nicht wohin", sagt er.

Den meisten ist zwar bewusst, dass sie sich erheblichen gesundheitlichen Risiken aussetzen, indem sie sich an den Computer-Feuern aufhalten und dort arbeiten. Doch sie haben kaum eine Wahl. Einige Jugendliche zum Beispiel verdienen in Agbogbloshie gerade genug, um sich einen Schlafplatz auf dem nackten Bretterboden eines fensterlosen Verschlags im Slum leisten zu können. Sie teilen sich dort zu mehreren wenige Quadratmeter - und ein solch sicherer Schlafplatz gilt noch als Luxus, da viele andere Kinder irgendwo zwischen den Hütten im Freien übernachten müssen. Die Kinder stecken in einer ausweglosen Zwickmühle, denn mit dem gefährlichen Elektroschrott verdienen sie ein wenig Geld, auch wenn sie sich großen gesundheitlichen Gefahren aussetzen.

Große Lücken der Umweltschutzgesetze in westlichen Ländern

Viele arme Menschen in Afrika und Asien verarbeiten den schädlichen Metallschrott aus Europa und den USA, um ein bisschen Geld zu verdienen. Hier recyceln junge Inder Elektronikmüll ohne Arbeitsgeräte mit der Hand. (Quelle: Pinpin/ de.wikipedia (CC-BY-SA-2.0-DE) )

Obwohl es in den westlichen Industrienationen, also auch in Deutschland, Umweltgesetze gibt, die die Ausfuhr von Schrott in die armen Länder verbieten, landet ein erheblicher Teil unseres Mülls in Afrika und Asien. Bei uns in Deutschland zum Beispiel gibt es Recycling-Systeme für Schrottcomputer, so dass jeder seine ausgedienten Geräte kostenlos bei den Mülldeponien entsorgen kann.

Doch selbst wenn jeder seinen Elektroschrott ordentlich entsorgen würde, ist dies noch keine Garantie, dass er nicht in arme Länder gelangt. Gewissenlose Entsorger erklären den Elektroschrott als funktionstüchtige "Ware aus zweiter Hand" ("Second-Hand Artikel"). So können die alten Elektrogeräte, die aufgrund der zurückbleibenden Giftstoffe eigentlich als Sondermüll eingestuft werden müssten, am Zoll vorbei nach Afrika verschifft werden. Nur einige wenige noch funktionierende Geräte verkaufen die Händler dort, die meisten Teile sind schrottreif.

Die internationale Staatengemeinschaft hat das Problem der Elektroschrott-Ausfuhr in die "Entwicklungsländer" längst nicht gelöst. Und das, obwohl das so genannte "Baseler Übereinkommen", ein internationaler Vertrag, die Ausfuhr von Computerschrott in die armen Staaten verbietet und dazu verpflichtet, den Müll in den Entstehungsländern zu recyceln. Deutschland und alle anderen Staaten der Europäischen Union haben zwar den Vertrag unterschrieben, aber setzen den Inhalt nicht wirkungsvoll um. Es fehlt zum Beispiel an lückenlosen Zoll-Kontrollen von Containern in Häfen. Aber auch Exporteure von Elektroschrott werden bei entdeckten Verstößen nicht hart genug bestraft. Und Kontrolleure - zum Beispiel in Ghana - müssten viel besser ausgebildet werden, damit sie auch wirklich Schrott von noch funktionierenden Gebrauchtwaren unterscheiden können. Darüber hinaus lehnen die Vereinigten Staaten von Amerika, die besonders viel Elektroschrott produzieren und über 80 Prozent davon ins Ausland verschiffen, das Baseler Übereinkommen weiterhin ab.

Keine Lösung in Sicht

Ein Kind in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi handelt mit alten Bildröhren aus den reichen Industrieländern. (Quelle: Thousandways/ en.wikipedia (CC-BY-SA-2.5.) )

Da die bestehenden Gesetze nicht gut genug greifen, wird von Jahr zu Jahr mehr Elektromüll in die armen Länder dieser Welt verschifft. "Die Gründe liegen auf der Hand. Niemand will den Schrott bei sich haben. Also schicken sie ihn zu uns, die Amerikaner vor allem, aber auch die Deutschen, die Niederländer, die Briten. Ich schätze, hier in Ghana kommen inzwischen jeden Monat 500 Container an. Entwicklungsländer haben keine Chance, derartige Massen ohne enorme Schäden für die Umwelt und die Menschen zu entsorgen", beklagt der Umwelt-Aktivist Mike Anane.

Bis zu 50 Millionen Tonnen Elektrogeräte, so schätzen die Vereinten Nationen (UN), werden jedes Jahr weltweit weggeworfen. Steigt diese jetzt schon riesige Zahl weiter an, wird ein Land wie Ghana in Zukunft noch mehr darunter leiden. Mike Anane kämpft seit langem gegen den giftigen Computerschrott und ist bereits seit etwa 20 Jahren als unabhängiger Umwelt-Journalist tätig, um auf die großen Probleme aufmerksam zu machen. Als Jugendlicher lebte der heute 49-jährige Mike Anane in der Nähe des Schrottplatzes von Agbogbloshie. Doch damals sah es dort noch ganz anders aus: "Es gab dort nur Wiesen und Flamingos", sagt er. Von der UN wurde er für seine besonderen Verdienste mit dem Umweltpreis "Global 500" ausgezeichnet.

Doch damit sich wirklich etwas ändert, muss die westliche Staatengemeinschaft endlich handeln, strengere Gesetze und Kontrollen schaffen und an einer Lösung für die enormen Mengen an Elektroschrott arbeiten. Ganz abgesehen davon, dass allgemein viel mehr gegen Armut und Welthunger getan werden muss in einer globalisierten Welt, in der die von den reichen Staaten dominierte Wirtschaft in erster Linie auf Konsum und Gewinne aus ist - auf Kosten der Ärmsten unter den Armen. Auch die Käufer von Elektrogeräten wie Handys und Computern können einen Beitrag leisten und sich informieren, welche Produkte möglichst wenig Schadstoffe aufweisen und welche Hersteller sich um ein ordnungsgemäßes Recycling ihrer Geräte kümmern. Nach einer Rangliste von Greenpeace (unten verlinkt) schneiden Nokia und Dell am besten ab, während andere Firmen wie Apple und HP für wenig Umweltfreundlichkeit und Verantwortung stehen.

letzte Aktualisierung: 12.02.2013

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