Kritik an Israel: Gedicht von Günter Grass sorgt für Diskussionen

Großer Wirbel um ein Gedicht über den Nahen Osten

18.04.2012

Kurz vor Ostern veröffentlichten einige Zeitungen ein Gedicht von Günter Grass, in dem er vor einem neuen Krieg im Nahen Osten warnt. Das Gedicht sorgte für viel Wirbel und Kritik, weil der Dichter dem Staat Israel darin vorwirft, einen Angriff auf den Iran vorzubereiten und den Weltfrieden zu gefährden. Was ist der politische Hintergrund und warum gibt es so viele Debatten um das Gedicht eines deutschen Schriftstellers?

Der bekannte deutsche Schriftsteller Günter Grass sorgte mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" für Debatten, das erstmals am 4. April 2012 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. (Quelle: Wikipedia, Urheber: Florian K, Lizenz: Creative Commons-Lizenz 3.0 Deutschland, CC BY-SA 3.0)

Günter Grass ist ein bekannter deutscher Schriftsteller. Er wurde 1927 in Danzig geboren, das heute in Polen liegt. Sein berühmtestes Werk ist der Roman "Die Blechtrommel" aus dem Jahr 1959. 1999 erhielt Günter Grass den Nobelpreis für Literatur - dieser Preis gilt allgemein als die weltweit höchste Auszeichnung, die ein Schriftsteller bekommen kann.

In dem neuesten Gedicht von Grass (unten verlinkt) geht es um die Situation im Nahen Osten. Als Naher Osten wird das Gebiet rund um die Staaten auf der arabischen Halbinsel - unter ihnen zum Beispiel Saudi-Arabien, Irak, Iran, Ägypten und Israel - bezeichnet. In dieser Region gibt es schon seit Jahrzehnten Bürgerkriege, Bombenanschläge und bewaffnete Kämpfe radikaler religiöser Gruppen. Für zusätzliche Spannungen sorgt der Umstand, dass Israel das einzige Land in dieser Region ist, in dem mehrheitlich nicht Muslime, sondern Juden leben. Radikale und fundamentalistische Politiker schüren den Hass der verschiedenen Religionen untereinander. Islamisten, also radikale Muslime, rufen die islamischen Glaubensanhänger der Region zum bewaffneten Kampf gegen Israel auf. Jüdische Extremisten bauen hingegen immer neue Siedlungen in den von Israel besetzten Gebieten. Sie vertreiben die dort lebenden Menschen und wollen mit Waffen das eroberte Land gegen die Araber verteidigen.

Schwieriges Verhältnis zwischen Israel und Iran

Der Staat Israel wurde 1948 gegründet. Viele Juden kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg in ihr früheres Heimatland zurück, in dem sich mittlerweile die Palästinenser angesiedelt hatten. (Quelle: Wikipedia)

Der Staat Israel wurde 1948 nach dem schlimmen Völkermord an den Juden im Dritten Reich gegründet, denn die Vereinten Nationen entschieden, dass das jüdische Volk nach Ende des Zweiten Weltkrieges das Recht auf ein eigenes Land habe. Somit kehrten viele Juden, die seit langer Zeit in ganz verschiedenen Teilen der Welt lebten, in ihre einstige Heimat zurück.

Doch es kam zu blutigen Auseinandersetzungen, denn in der Folge wurden zahlreiche Palästinenser vertrieben, die dort seit langem heimisch waren. Sie waren gegen die Gründung des Staates Israel auf einem Gebiet, das sie als ihre Heimat beanspruchten. Nach der israelischen Staatsgründung kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den islamisch-geprägten arabischen Staaten. Während die dortige Bevölkerung das jüdische Volk nicht als berechtigt ansah, in ihrer Heimat zu leben, besetzten die Israelis fremde Gebiete und weiteten ihre Siedlungen immer stärker aus, was mit viel Leid der arabischen Völker verbunden war.

In den vergangenen Jahren hat sich vor allem das Verhältnis zwischen den Staaten Israel und Iran verschlechtert. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat eine feindliche Haltung gegenüber der israelischen Regierung. Schon mehrfach hat der streng religiöse Moslem öffentlich zum Kampf gegen das Regime Israels aufgerufen. Auf der anderen Seite beschuldigt Israel den Iran, Terroristen zu unterstützen, die den israelischen Staat bekämpfen. Diese sollen Waffen und Geld aus dem Iran erhalten. Außerdem werfen israelische Politiker dem Iran vor, Atomwaffen zu entwickeln, um damit Israel anzugreifen. Die israelische Regierung hat sogar gedroht, den Iran anzugreifen und die Atomanlagen mit Raketen und Bomben zu zerstören. Kritiker werfen Israel eine aggressive Siedlungs- und Außenpolitik vor. Das Land ist mit Abstand die stärkste Militärmacht im Nahen Osten und der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak sagte, es werde bei einem Krieg "nicht einmal 500 Tote" auf israelischer Seite geben.

Atomprogramm auf beiden Seiten

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat mehrfach zum Kampf gegen das Regime Israels aufgerufen. (Quelle: José Cruz, Wikimedia Commons)

Der Iran arbeitet seit Jahren an einem eigenen Atomprogramm. Die iranische Führung sagt, das Land wolle die Atomenergie ausschließlich für "friedliche Zwecke", also zur Stromerzeugung in Atomkraftwerken, nutzen. Der Iran verfügt über zwei Atomreaktoren und Labors, in denen Uran angereichert wird, damit man Atomkraftwerke betreiben kann. Westliche Staaten, vor allem die USA und Israel, werfen dem Iran vor, in diesen Anlagen Atomwaffen zu entwickeln. Die Internationale Atomenergie-Organisation, eine Kontrollbehörde, hat bei Inspektionen in iranischen Atomanlagen bis jetzt keine Beweise für diese Vorwürfe gefunden. Seit Monaten gibt es Verhandlungen zwischen dem Iran und der Atomkontrollbehörde über die Ausweitung der Kontrollen. Die Kontrolleure wollen so feststellen, ob das Land an Atomwaffen arbeitet. Der Iran hat Kontrollen militärischer Objekte bisher verweigert, weil er befürchtet, dass diese ausspioniert werden sollen.

Geheimdienste und Atomexperten gehen davon aus, dass Israel bereits seit Ende der 1960er Jahre über Atomwaffen verfügt. Offiziell hat das Land den Besitz von Atomwaffen nie bestätigt, aber auch nicht bestritten. Israel ist im Gegensatz zum Iran nie dem so genannten "Atomwaffensperrvertrag" beigetreten, der die Entwicklung, den Einsatz oder die Weitergabe von Atomwaffen verbietet. Deshalb wurden israelische Atomanlagen noch nie von Kontrolleuren der Internationalen Atomenergie-Organisation betreten. Experten gehen davon aus, dass Israel über 75 bis 200 nukleare Sprengköpfe und entsprechende Raketen und Bomben verfügt. Als 1986 ein israelischer Atomtechniker der britischen Presse Einzelheiten über Israels Atomwaffenprogramm verriet, wurde er wegen Spionage zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Im März lieferte Deutschland ein U-Boot an Israel, das auch Atomraketen abfeuern kann.

Ein Gedicht sorgt für Empörung

Bundeskanzlerin Merkel kritisierte Günter Grass für sein Gedicht und bekräftigte die Solidarität Deutschlands mit Israel. (Quelle: Armin Linnartz, Creative Commons)

Seinem Gedicht hat Günter Grass den Titel "Was gesagt werden muss" gegeben. Darin beschreibt er seine Befürchtung, dass es durch einen Angriff Israels auf den Iran zu einem Krieg im Nahen Osten kommen könnte und schreibt: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden". Er fordert, dass nicht nur das iranische, sondern auch das israelische Atomprogramm international kontrolliert werden müsse. Außerdem kritisiert Grass in dem Gedicht, dass Deutschland ein U-Boot nach Israel verkauft hat, von dem auch Atomwaffen gestartet werden können.

Sofort nach der Veröffentlichung des Gedichtes gab es heftige Reaktionen. Einige beschuldigten Grass sogar, ein "Antisemit" zu sein. So bezeichnet man Menschen, die Juden hassen. Extreme Antisemiten waren die Nationalsozialisten, die Millionen von Juden in Konzentrationslager verschleppten und umbrachten. Aber auch Menschen, die Juden wegen ihrer Religionszugehörigkeit oder Abstammung beschimpfen oder verleumden, werden als Antisemiten bezeichnet. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte, das Werk von Grass sei ein "ekelhaftes Gedicht" und eine "Gemeinheit". Der umstrittene Journalist Henryk M. Broder hob hervor, dass Grass kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur Waffen-SS eingezogen wurde. "Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer", behauptete Broder - eine radikale Aussage, die von vielen wiederum als sehr bedenklich empfunden wird, denn Grass hat in seinem Gedicht keine Kriegshetze betrieben, sondern zum "Verzicht auf Gewalt" aufgerufen und betont, dass er den Frieden in Gefahr sehe.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel rügte Grass für sein Gedicht und hob die "uneingeschränkte Solidarität" Deutschlands mit Israel hervor. Das wiederum brachte auch ihr Kritik ein - nicht alle finden Merkels Haltung gut, sondern denken, dass Unterstützung und Rückhalt für das Land davon abhängig sein sollten, wie die israelische Politik sich verhält und nicht in jedem Fall gewährleistet werden dürften. Ebenso der Chef des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, kritisierte das Gedicht scharf. Israels Innenminister Eli Jischai verhängte sogar ein Einreiseverbot gegen den Schriftsteller.

Zustimmung für Günter Grass

Demonstrantin mit einem Günter-Grass-Porträt: Auf dem Frankfurter Ostermarsch 2012 demonstrieren Menschen für den Frieden und fordern Kontrollen auch für das israelische Atomprogramm. (Quelle: Mar del Sur, Wikimedia Commons)

Dieses Einreiseverbot sehen aber sogar freiheitlich orientierte Israelis selbst als überzogen an und deuten einen solchen Schritt als bedenklichen Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit, die als wichtiger Grundsatz für demokratische Länder gilt. Viele Menschen in Deutschland und im Ausland verteidigen das Gedicht von Grass oder sind allgemein der Meinung, dass es unsinnig oder gar eine Verleumdung sei, Kritik an Israel automatisch als "Antisemitismus" abzustempeln. Sie finden, dass es dem deutschen Schriftsteller überhaupt nicht darum ging, den Staat Israel und dessen Landsleute schlechtzumachen, sondern vor einer aggressiven und militärischen Politik und der damit verbundenen Gefahr eines Krieges zu warnen.

Der jüdische Schriftsteller und Journalist Alfred Grosser sagte, Grass habe mit seiner Kritik an Israel etwas sehr Vernünftiges gesagt. Die Organisation "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" gratulierte dem Schriftsteller für seine "aufrichtige Aussage". Der Präsident der Deutschen Akademie der Künste, Klaus Staeck, sagte, man müsse ein klares Wort sagen dürfen, ohne als "Israel-Feind" beschimpft zu werden. Auch der Präsident der deutschen Schriftstellervereinigung PEN verteidigte Grass. Johano Strasser warnte vor Waffenlieferungen an eine israelische Regierung, die so tue, als sei ein Krieg gegen den Iran nicht zu verhindern und keinesfalls eine friedliche Lösung des Konflikts anstrebe.

Günter Grass selbst kritisierte nach den heftigen Reaktionen auf sein Gedicht auch die deutschen Medien wie Zeitungen und Nachrichten im Fernsehen, Radio und Internet. Sie äußerten sich mehrheitlich negativ zu seinem Gedicht und wurden von dem Schriftsteller als "gleichgeschaltet" bezeichnet. Er meint damit, dass die Medien nicht wirklich frei und unabhängig berichten würden, sondern sich durch die Politik und die öffentliche Meinung lenken ließen. Er gestand aber ein, dass er in seinem Gedicht besser nur von der israelischen Regierung hätte sprechen sollen als allgemein vom Land Israel. Doch weiterhin steht Günter Grass hinter seinen Aussagen und betonte: "Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert."

Kritik an Israel - ein Tabu in Deutschland?

Günter Grass (rechts) mit dem polnischen Schriftsteller Tadeusz Rózewicz im Jahr 2006 (Quelle: Michal Kobylinski/ gilling.info, Wikimedia Commons)

Das Gedicht hat gerade deshalb für große Empörung gesorgt, weil es von einem deutschen Schriftsteller geschrieben wurde. Grass macht in seinem Gedicht auch deutlich, dass seiner Ansicht nach Kritik an Israel noch immer ein Tabu ist, dem er sich bis jetzt gebeugt habe, obwohl er es als "belastende Lüge und Zwang" empfunden habe.

Die Kritik am Staat Israel ist in Deutschland und besonders für Deutsche nicht-jüdischer Herkunft sehr schwierig. Der Grund dafür sind die schlimmen Verbrechen, die die Deutschen den Juden während der Zeit des Dritten Reiches angetan haben. Viele Juden fühlen sich daher verletzt, wenn sie von einem Deutschen kritisiert werden oder die Politik Israels angegriffen wird. Seit vielen Jahren gehört der Staat Israel zu den "befreundeten Ländern" der Bundesrepublik Deutschland. Manche Menschen sind der Ansicht, dass aber gerade befreundete Staaten ehrlich zueinander sein müssten. Dazu gehöre auch, dass man den anderen kritisieren könne, also dass es erlaubt sein müsse, dass Deutsche die israelische Politik kritisch sehen und dies laut aussprechen.

Nicht wenige teilen den Vorwurf von Grass, dass es in der deutschen Öffentlichkeit und Politik allgemein nicht gern gesehen werde, wenn am israelischen Regime Kritik geübt wird - oft gehe es dann überhaupt nicht mehr um den eigentlichen Inhalt der Aussage. Problematisch wäre es vor allem, wenn das vergangene Verbrechen der Deutschen an den Juden als allgemeine Rechtfertigung für das Handeln der israelischen Führung gelte. Kritiker machen darauf aufmerksam, dass es keine "Wiedergutmachung" sein könne, aufgrund der vergangenen Schuld der Deutschen die Augen vor gegenwärtigen Ungerechtigkeiten und Verbrechen zu verschließen - so etwa die Siedelung der Israelis in fremden Gebieten und die gewaltsame Vertreibung der dortigen Bevölkerung.

Es muss natürlich immer zwischen berechtigter Kritik und Beschimpfung oder Verleumdung unterschieden werden. Wenn jemand falsche Behauptungen aufstellt, dann nennt man das Verleumdung oder üble Nachrede. Wenn er aber Tatsachen benennt, die sich als richtig erweisen, oder auf bestehende Probleme aufmerksam macht, dann sollte man sich mit dieser Kritik auch auseinandersetzen dürfen.

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letzte Aktualisierung: 19.04.2012

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