Denker der Aufklärung: Jean-Jacques Rousseau

Zum 300. Geburtstag des Genfer Philosophen

von Felicia Chacón Díaz und Björn Pawlak - 28.06.2012

Vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712, wurde in Genf der berühmte Denker Jean-Jacques Rousseau geboren. Er wird heutzutage vor allem als Philosoph und politischer Theoretiker wahrgenommen, trat aber auch als Pädagoge, Naturforscher und Komponist in Erscheinung. Seine Schriften beeinflussten die Fürsprecher der Französischen Revolution (1789 bis 1799) ebenso wie die Künstler und Dichter der Epoche der Romantik ab Ende des 18. Jahrhunderts. Vor allem gilt Rousseau als einer der bedeutendsten Vertreter der "Aufklärung".

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Porträt des Denkers von Allen Ramsay aus dem Jahr 1766. (Quelle: National Gallery of Scotland || Wikipedia)

Das Zeitalter der Aufklärung bezeichnet eine Geistesbewegung zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert, in der die menschliche Vernunft zum Maßstab des Handelns erklärt wurde. Ein Hauptwerk der Aufklärung ist die berühmte "Encyclopédie" (mit vollem französischen Namen "Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers"), die von Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond d'Alembert herausgegeben wurde. Für dieses große Werk verfasste Rousseau einige wenige der insgesamt rund 60.000 Einträge.

Rousseau gilt als radikaler und streitbarer Denker, der die politische Wirklichkeit seiner Zeit scharf kritisierte. Die so genannte "republikanische Staatstheorie" gründet wesentlich auf den Ideen Rousseaus. "Republik" leitet sich ab vom lateinischen Begriff "res publica", der "öffentliche Sache" bedeutet. Die Theorie der Republik muss man sich als Gegenposition zur Monarchie, also der Herrschaft eines Einzigen an der Spitze des Staates, vorstellen. Die französischen Revolutionäre schafften die Monarchie ab, um die Republik zu begründen.

Kindheit in Genf

Porträt von Maurice Quentin de La Tour: Rousseau gilt heute als ein wichtiger Vertreter der Aufklärung. (Quelle: Musée Antoine Lécuyer || Wikipedia)

Heute gehört Genf zur französischsprachigen Schweiz, damals jedoch war diese Stadt als "Republik Genf" politisch unabhängig. Hier kam Jean-Jacques am 28. Juni 1712 zur Welt. Er war der zweite Sohn seiner Eltern Isaac Rousseau und Suzanne Bernard. Jean-Jacques Mutter starb nur wenige Tage nach seiner Geburt, wahrscheinlich am Kindbettfieber, einer damals bei Kinder gebärenden Frauen verbreiteten Infektionskrankheit. Der Tod seiner Mutter legte ein Schatten auf das spätere Leben Rousseaus, der sich nach eigenen Bekenntnissen auf unbestimmte Weise schuldig fühlte.

Eine jüngere Schwester des Vaters übernahm anstelle der Mutter den Haushalt. Sie kümmerte sich fürsorglich um den kleinen Jean-Jacques, der in seiner Kindheit häufig krank wurde. 1722 jedoch sah sich der Vater genötigt, die Stadt zu verlassen. Er hatte einen anderen Mann im Streit mit einem Degenstich verletzt und fürchtete deshalb eine Gefängnisstrafe. Verantwortlich für den Jungen war nun Gabriel Bernard, der Bruder der verstorbenen Mutter.

Der Onkel sorgte dafür, dass Jean-Jacques gemeinsam mit seinem Cousin bei einem calvinistischen Pfarrer unterkam, der ihnen Unterricht gab. Der Calvinismus war eine in Genf einflussreiche christliche Reformbewegung, die auf den Theologen Johannes Calvin zurückgeht. Der Pfarrer war mit den Kindern äußerst streng und misshandelte sie in erzieherischer Absicht auch körperlich. Jean-Jacques entwickelte in dieser Zeit eine starke Abneigung gegen autoritäres, Gehorsam verlangendes Verhalten. Jean-Jacques Vater ließ sich später in der französischen Stadt Nyon nieder und zeigte nur noch wenig Interesse für seinen Sohn.

Schon im Alter von 16 Jahren verließ Rousseau Genf und seine nähere Umgebung. Es begann ein unstetes Wanderleben des jungen Mannes, bis er im Jahr 1742 beschloss, sich fest in Paris niederzulassen. Rousseau arbeitete als Musiklehrer, verfasste außerdem bereits erste eigene Texte. Bei Gelegenheitsarbeiten betätigte er sich außerdem als Kupferstecher, Jurist und Uhrmacher. Durch die unterschiedlichen Tätigkeiten lernte Rousseau die vielen Lebensweisen der Menschen kennen, was sich in seiner späteren Philosophie widerspiegeln sollte.

Liebesbeziehung mit Madame de Warens

Die ältere Madame de Warens war Rousseaus erste Geliebte. (Quelle: Rufinus || Wikipedia)

Die geschiedene Madame de Warens führte Jean-Jacques nach Jahren der Freundschaft in das Liebesleben ein, aber sie wurde auch in anderen Lebensbereichen seine Lehrerin. Madame de Warens gab dem jungen Rousseau eine Unterkunft, unterrichtete ihn und erweckte seine Neugier für viele neue Themen. Sie gehörte einem katholischen Literatenkreis an und führte Rousseau in die Welt der Literatur und der Kunst ein. Rousseau begann sich nun ausgiebig mit Mathematik, Kunst und Philosophie zu beschäftigen, war aber auch weiterhin interessiert an der Musiktheorie.

Er lernte sie durch einen Geistlichen kennen, der ihm bei einem Aufenthalt in der französischen Stadt Annecy Unterkunft gewährte. Madame de Warens war vom König von Piemont damit beauftragt worden, Protestanten zum Katholizismus zu bekehren. So überzeugte sie auch Rousseau, der sich nun katholisch taufen ließ und damit seine Genfer Staatsangehörigkeit verlor.

Seite an Seite mit Madame de Warens verbrachte Rousseau zehn Jahre seines Lebens lesend und schreibend, bis er den Zeitpunkt für eine Veränderung gekommen sah. Er beendete die Liebesbeziehung und begab sich nach Paris. Er hatte mittlerweile ein auf Zahlen basierendes Notensystem entwickelt, welches er sich bei der Académie des sciences in Paris "patentieren" ließ - ein "Patent" ist ein Schutzrecht für eine Erfindung. Mit seinem Notensystem hoffte Rousseau Berühmtheit zu erlangen, aber es erwies sich als zu umständlich und setzte sich nicht durch.

Rousseau in Paris

Abbildung von Thérèse Levasseur, welche später Rousseaus Ehefrau wurde. Das Paar hatte fünf Kinder, die jedoch allesamt in einem Waisenhaus aufwachsen sollten. (Quelle: Octave Uzann || Wikipedia)

In Paris kamen auf Rousseau nach dem Scheitern seines Musikprojekts schwierige Zeiten zu, weil er über kein regelmäßiges Einkommen verfügte. Fast sah es so aus, als ob er die französische Hauptstadt schnell wieder verlassen würde. Für etwas mehr als ein Jahr (1743/1744) verließ er Paris, um in Venedig als Sekretär für den französischen Gesandten zu arbeiten - der Kontakt war im literarischen Salon der Madame Dupin zustande gekommen. Aber Rousseau wurde seiner Tätigkeit überdrüssig und kehrte nach Paris zurück.

Dort lernte er Diderot und d'Alembert kennen, die Herausgabe der "Encyclopédie". Außerdem hatte er ein Liebesverhältnis mit der Wäscherin Thérèse Levasseur. In den kommenden Jahren bekam das Paar fünf Kinder. Die Eltern entschieden sich jedoch, auch aufgrund ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage, die Kinder in ein Waisenhaus zu geben. Dafür wurde Rousseau von seinen Gegnern später kritisiert, woraufhin er Rechtfertigungen verfasste. Rousseau beschäftigte sich intensiv mit der "idealen Erziehung" eines Kindes - eines seiner Hauptwerke trägt den Titel "Emile oder über die Erziehung" (im Original "Émile"), das im Jahr 1762 herausgegeben wurde.

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1749 beauftragte d'Alembert Rousseau damit, musiktheoretische Aufsätze für die entstehende Enzyklopädie zu verfassen. Rousseau stürzte sich in die Arbeit. Aber bald widmete er sich noch einem anderen Thema. Eine Preisfrage der Académie von Dijon, die in der Zeitschrift Mercure de France veröffentlicht wurde, nahm er zum Anlass, den Text "Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste" zu verfassen.

Für diesen Text erhielt Rousseau einen literarischen Preis, gleichzeitig wuchs seine Bekanntheit als Schriftsteller. Seine Idee vom "Naturzustand des Menschen" tauchte hier zum ersten Mal auf, später vertiefte er seine Theorie in dem 1762 veröffentlichten berühmten Werk "Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes" (im Original "Du contrat social ou principes du droit politique").

Im Jahr 1753 stellte sich auch in der Musik ein Erfolg für Rousseau ein: Seine Oper "Der Dorfwahrsager" (im Original "Le Devin du village") wurde in Paris uraufgeführt. Sogar der König wollte den Komponisten Rousseau nun kennenlernen, aber dieser weigerte sich, vor ihm zu erscheinen.

Durchbruch als bedeutender Autor

Erstausgabe von Rousseaus bedeutendem Werk "Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes", einem Klassiker der politischen Theorie. (Quelle: Wikipedia)

Stattdessen kehrte Rousseau im Jahr 1754 noch einmal nach Genf zurück, wo er sich wieder zum protestantischen Calvinismus bekehrte und damit auch seine Genfer Staatsangehörigkeit zurückerlangte. Sein nächstes Werk "Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen" (im Original "Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes") erschien im Jahr 1755 in Amsterdam.

Wieder hatte er eine Preisfrage der Académie von Dijon zum Anlass für seinen Aufsatz genommen. Rousseau erklärt in diesem Text die gesellschaftliche Ungleichheit der Menschen durch die Arbeitsteilung und einen Staatsapparat, der so aufgebaut ist, dass die Besitzenden vor den ärmeren Menschen beschützt werden. In anderen Worten: Der Staat beschützt die Besitzenden, aber nicht die Arbeitenden, die in einfachen Verhältnissen und in Armut leben. Diese revolutionäre Schrift machte Rousseau zu einem wichtigen Vordenker des europäischen Sozialismus.

1761 erschien Rousseaus Briefroman "Julie" oder "Die neue Heloise" (im Original "Julie ou la Nouvelle Héloise" """") - Thema ist hier die Liebe eines bürgerlichen Gebildeten zu einer Adligen. Das Buch wurde sofort nach seinem Erscheinen ein riesiger Erfolg. Von seinen alten Pariser Freunden, den "Enzyklopädisten", entfremdete sich Rousseau immer mehr. Mittlerweile lebte er längst in Montmorency nördlich von Paris, wo er Gast der einflussreichen Madame d’Épinay war.

Im Jahr 1762 erschienen die bereits erwähnten Meisterwerke "Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes" und "Emile oder über die Erziehung" . Beide Bücher wurden kurz nach ihrem Erscheinen verboten. Sowohl von protestantischer als auch von katholischer Seite wurden Rousseaus Schriften geächtet, Tausende von Textkopien landeten im Feuer. Das Parlament in Paris erließ kurz darauf sogar einen Haftbefehl gegen den Autor. Rousseau flüchtete augenblicklich in Richtung Schweiz. Er erlitt zu dieser Zeit mehrere Panikattacken.

Rousseau im Exil

Seine letzte Ruhestätte fand Rousseau im Pariser Panthéon, der französischen Ruhmeshalle - hier liegen die "bedeutendsten" französischen Persönlichkeiten begraben. (Quelle: Michael Reeve || Wikipedia)

Zeitweise hielt sich in Rousseau in Bern auf, bis man ihn auswies. In der preußischen "Exklave" (ein Gebiet, das von fremdem Staatsgebiet umgebenen ist) Neuenburg (Neuchatel) westlich von Bern wurde ihm auf Veranlassung des preußischen Königs "Friedrich der Große" politisches Asyl gewährt. Rousseau ließ sich im Städtchen Motiers nieder und widmete sich in seiner neuen Heimat weiter seinen Schriften.

Schließlich fühlte er sich auch hier nicht mehr willkommen, so dass ihm im Jahr 1765 eine Einladung des schottischen Philosophen David Hume nach England gerade recht kam. Dort verbrachte er zwei Jahre, doch die beiden Philosophen zerstritten sich zusehends.

Unter falschem Namen kehrte Rousseau nach Frankreich zurück, um dort schließlich im südfranzösischen Dauphiné gemeinsam mit Thérèse, die er mittlerweile geheiratet hatte, auf einem Bergbauernhof zu leben. Zwischen 1765 und 1770 schrieb er sein letztes großes Werk "Die Bekenntnisse" (im Original "Les Confessions"), in dem er Details aus seinem Leben schildert. Das Buch wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Schließlich wurde eine Rückkehr nach Paris möglich, wo ihn die Behörden fortan duldeten. Obwohl ihm noch immer viele Zeitgenossen feindlich gesonnen waren, fanden sich auch einige Bewunderer Rousseaus. Nervlich fühlte er sich gegen Ende seines Lebens immer zerrütteter. Er beschäftigte sich nun vor allem mit der Musik und mit der Pflanzenkunde - so brachte er zum Beispiel einige Zeit mit der Klassifizierung von Kräutern zu.

Im Mai des Jahres 1778 leistete Rousseau einer Einladung des Marquis de Girardin Folge und besuchte dessem Schloss Ermenonville. Der Marquis wollte Rousseau und seiner Frau auf seinem Anwesen ein Haus zur Verfügung stellen. Doch schon nach kurzer Zeit, am 2. Juli 1778, verstarb Rousseau im Alter von 66 Jahren. Er hatte zuvor wahrscheinlich einen Schlaganfall erlitten. Man beerdigte Rousseau auf dem Schlosspark von Ermenonville, der heute den Namen "Parc Jean-Jacques Rousseau" trägt. Die sterblichen Überreste wurden bereits wenige Jahre später in die "Panthéon" genannte französische Ruhmeshalle in Paris überführt, wo sich Rousseaus Grab bis heute befindet.

letzte Aktualisierung: 31.07.2012

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