Lexikon: Pogrom

von Lars Borgschulze

Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus: Jüdische Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei werden 1939 von der britischen Polizei abgeschoben. (Quelle: http://www2.uncp.edu/home/rwb/kristallnacht_arrests.jpg)

Das Wort "Pogrom" stammt ursprünglich aus dem Russischen und bedeutet übersetzt soviel wie "Zerstörung" oder "Verwüstung". Damit ist auch gleich der Kern der Wortbedeutung eines Pogroms beschrieben: Dabei handelt es sich um gewaltsame Ausschreitungen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer religiösen, politischen oder ethnischen Zugehörigkeit (also aufgrund ihrer Kultur, Hautfarbe oder Herkunft) meist von der Mehrheit der Einwohner eines Staates ausgegrenzt werden. Wurde der Begriff "Pogrom" ursprünglich in Russland und anderen osteuropäischen Staaten benutzt, um die Unterdrückung und Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung zu beschreiben, benutzte man das Wort spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ganz allgemein für gewalttätige Ausschreitungen gegen religiöse, politische oder ethnische Minderheiten. Dazu zählen Menschen, die einen anderen Glauben, eine andere politische Meinung oder aufgrund ihrer Herkunft eine andere Kultur haben als die Mehrheit der in einem Staat lebenden Menschen.

Einem Pogrom liegt häufig ein starker Rassismus einer Bevölkerungsgruppe gegenüber zugrunde. Dies bedeutet, dass Menschen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe negative Merkmale, Wesenszüge oder Eigenschaften zugeschrieben werden und man Menschen und ganze Gruppen bereits vorverurteilt, ohne sie überhaupt kennengelernt zu haben. Rassistische Gesinnungen können so weit gehen, dass man die betroffenen Menschen ausgrenzt, benachteiligt, beleidigt oder ihnen in irgendeiner Weise Schaden zufügen will oder sogar ganze Bevölkerungsgruppen bekämpft und aus einer Region vertreiben will.

Wer zu diesen Gruppen gehört, bestimmen dabei meistens die Unterdrücker und nicht etwa die Mitglieder einer dieser Gruppen. Zudem muss man nicht zwangsläufig einen anderen Glauben oder eine andere Herkunft haben, als die, die in einem Staat vorherrscht. Die Unterdrücker können auch eine Gruppe gänzlich neu erfinden, der sie dann meist unliebsame Personen zurechnen und diese dann diskriminieren - also benachteiligen und herabwürdigen. Ein Beispiel dafür sind die Hexenverfolgungen in der beginnenden Neuzeit: Menschen wurden magische Fähigkeiten und die Verehrung des Teufels vorgeworfen, so dass man sie schließlich anklagen und in den meisten Fällen hinrichten konnte. Daher nennt man diese Ereignisse manchmal auch "Hexenpogrome".

Ein Pogrom, das von einem Land meist selbst angefangen, organisiert oder zumindest geduldet wird, hat kein anderes Ziel, als eine Bevölkerungsgruppe mithilfe von Gewalt zu unterdrücken oder in den schlimmsten Fällen sogar zu vernichten. In der Geschichte der Menschheit fanden zahlreiche gewaltsame Übergriffe auf Bevölkerungsgruppen statt, die man heute als "Pogrome" bezeichnen kann. Bereits im Mittelalter fanden Pogrome statt, die sich häufig gegen die jüdische Bevölkerung richteten. Im Vorfeld des Ersten Kreuzzuges, bei dem die Christen das Heilige Land Israel von den Moslems befreien wollten, kam es im Jahr 1096 zu Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung im Rheinland durch die Kreuzritter. Der Grund dafür war, dass die Christen des Heiligen Römischen Reiches, welches damals auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands bestand, auch die Juden als eine Gefahr für das Christentum ansahen. Zudem beneideten sie die wohlhabenden jüdischen Familien um ihren Reichtum. Dieser Neid war auch in den folgenden Jahrhunderten ein häufiger Grund für die Unterdrückung der Juden.

Einer der bekanntesten und schlimmsten Pogrome der Neuzeit fand im Jahre 1938 im Deutschen Reich des Nationalsozialismus statt. Die gewaltsamen Übergriffe sind heute als "Novemberpogrome", "Reichspogrom-" oder "Reichskristallnacht" bekannt. Vom 07. bis 13 November 1938 wurden bei Angriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen ungefähr 400 Menschen getötet. Die Nationalsozialisten ordneten die Zerstörung von Synagogen, Versammlungsräumen, Läden, Friedhöfen und sogar Wohnungen, in denen jüdische Familien lebten, an. Über 30.000 Juden wurden ab dem 10. November in Konzentrationslager gebracht. Dies war der Beginn des Holocausts, also der gezielten Judenverfolgung in Deutschland, bei der die Juden nicht mehr nur ausgegrenzt und benachteiligt, sondern gänzlich vernichtet werden sollten.

Auch heute gibt es noch immer Pogrome. Im Jahre 1994 wurden bei Pogromen im zentralafrikanischen Land Ruanda wahrscheinlich bis zu eine Million Menschen getötet. Dabei verfolgte die ärmere Bevölkerungsgruppe der Hutu, die heute 85 Prozent der Bevölkerung von Ruanda ausmacht, die wohlhabendere, mit mehr Besitz ausgestattete Bevölkerungsgruppe der Tutsi. Die schrecklichen Bilder dieses Völkermordes, die damals um die Welt gingen, führen uns auch heute noch die Gefahren von Diskriminierung, Rassismus und Unterdrückung vor Augen.

letzte Aktualisierung: 09.12.2014

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