Die bewegte Geschichte Nicaraguas - Teil 1

Ein Land zwischen Diktatur und Revolution

Teil 1 von 2

von Felicia Chacón Díaz und Björn Pawlak

Die jüngste politische Geschichte des mittelamerikanischen Landes Nicaragua war eine Aneinanderreihung von Kämpfen - die gesellschaftliche Spaltung konnte seit der Unabhängigkeit von Spanien im Jahr 1821 zu kaum einem Zeitpunkt überwunden werden. Erst in den letzten 20 Jahren ist die Lage etwas stabiler. Reichtum und Besitz sind in Nicaragua sehr ungleich verteilt: 45 Prozent der 5,6 Millionen Nicaraguaner müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen - man spricht von "extremer" Armut. Nach Haiti ist Nicaragua das zweitärmste Land Lateinamerikas.

Nicaragua ist ein sehr armes Land, das auf eine bewegte und gewaltsame Geschichte zurückblickt - heute lebt fast die Hälfte der Menschen hier in "extremer" Armut (weniger als ein US-Dollar pro Tag). (Quelle: Tabea Huth || Wikipedia)

In den letzten Jahrzehnten gab es in Nicaragua mehrere Umbrüche: Von den 1930er Jahren an herrschte für mehrere Jahrzehnte der ausbeuterische Somoza-Clan, bis im Jahr 1979 die "Sandinistische Befreiungsfront" ("FSLN") eine Revolution anzettelte. Rund zehn Jahre später übernahm die "Liberale Partei" wieder die Macht. 2007 kam es mit der Rückkehr des ehemaligen Sandinistenchefs Daniel Ortega Saavedra als Präsident zum neuerlichen politischen Umschwung.

Auch schon vor der Unabhängigkeit galt dem Land aufgrund seiner Lage ein strategisches Interesse der Großmächte. König Philipp II. von Spanien (1556-1598) plante bereits im 16. Jahrhundert den Bau eines Kanals, um den Pazifischen und den Atlantischen Ozean miteinander zu verbinden und den Handelsschiffen das Umfahren des ganzen Kontinents zu ersparen - später wurde ein solcher Kanal weiter südlich in Panama gebaut ("Panama-Kanal").

Auch US-amerikanische Schiffe nutzten vor dem Bau des Panama-Kanals den nicaraguanischen Transportweg über den Fluss (auf Spanisch "Río") San Juan und den Nicaraguasee ("Lago de Nicaragua"), wenn sie zwischen West- und Ostküste unterwegs waren. Die USA waren es auch, die den Somoza-Clan vor Ort unterstützten, um ihren Einfluss in einem der US-amerikanischen "Hinterhöfe" geltend zu machen. Die mittelamerikanischen Staaten wurden deswegen "Hinterhöfe" - im Englischen "backyards" - genannt, weil die USA diese Region politisch kontrollierte und dabei auch vor Gewalt nicht zurückschreckte.

Durch die Nähe zur USA malte man dort zu Zeiten des Kalten Krieges das Schreckgespenst an die Wand, dass der verhasste Kommunismus von hier aus auch Nordamerika bedrohen könnte. Nach der Revolution durch die Sandinisten versuchten die USA mit allen Mitteln, die Kontrolle über Nicaragua zurückzugewinnen. Mit Hilfe des US-amerikanischen Geheimdienstes "CIA" ("Central Intelligence Agency") wurden "Söldnertruppen" aufgebaut (die so genannten "Contras"), um Nicaragua in einen Bürgerkrieg zu stürzen (was auch gelang). (Als "Söldner" bezeichnet man Kämpfer, die an einem bewaffneten Konflikt teilnehmen, weil sie dafür bezahlt werden.)

Nicaraguas Unabhängigkeit und William Walker

William Walker war ein US-Amerikaner, der Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte, mehrere mittelamerikanische Staaten zu unterwerfen. (Quelle: Wikipedia)

Nach der faktischen Unabhängigkeit vom "Mutterland" Spanien trat Nicaragua wie auch Guatemala, Honduras, El Salvador und Costa Rica zunächst dem Staatenbund "Vereinigte Provinzen von Zentralamerika" (auf Spanisch "Provincias Unidas del Centro de América") bei. Erst 1838 erklärte man sich offiziell für unabhängig. Schon kurz nach der Unabhängigkeit brach der Kampf der konkurrierenden Kräfte um die politische Vorherrschaft aus - schon damals mischten sich die USA, vor allem aber Großbritannien, in diesen Konflikt ein.

Während des gesamten 19. Jahrhunderts sammelten sich die politischen Gegner in den im Westen gelegenen Städten León und Granada. Das nördlicher gelegene León wurde Basis für die "liberalen" Kräfte, die "Konservativen" hingegen hatten in Granada am Nicaraguasee (damals eine der bedeutendsten Hafenstädte Zentralamerikas) ihren Hauptstützpunkt. Als man darüber nachdachte, einen Kanal für den Seeverkehr durch Nicaragua zu bauen, wurde das Interesse der handelsstarken europäischen Staaten und der USA wach. Auch ohne den Bau des Kanals gelangten Handelsschiffe über den Río San Juan an der Grenze zu Costa Rica und über den Nicaraguasee vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean und umgekehrt.

1848 nahm Großbritannien die nicaraguanische Stadt San Juan Norte an der Atlantikküste ein, um die Flussmündung des Río San Juan zu kontrollieren. Die atlantische Miskitoküste (benannt nach dem indigenen Volk der "Miskito", deren Gebiet sich noch heute bis nach Honduras erstreckt) wurde von Großbritannien als britisches "Protektorat" in Beschlag genommen ("protegere" ist Lateinisch und bedeutet "schützen"). Aufgrund der Einflussnahme Großbritanniens sprechen noch heute zahlreiche Bewohner der nicaraguanischen Atlantikküste Englisch.

Im Jahr 1855 forderten die liberalen Kräfte den US-amerikanischen Abenteurer und Eroberer William Walker auf, sich dem Kampf gegen die Konservativen und gegen die Besatzer aus Großbritannien anzuschließen. Walker hatte die Idee, Teile Lateinamerikas zu erobern um dort von weißen Nordamerikanern beherrschte Staaten zu gründen. Gegen den Willen der US-Behörden drang er mit einer Söldnertruppe von 57 Mann in Nicaragua ein und übernahm die Kontrolle über die Armee der Liberalen - für kurze Zeit konnte er die Macht an sich reißen.

US-Präsident Franklin Pierce erkannte Walker als legitimen Herrscher Nicaraguas an. Walker wollte die in den USA längst umstrittene Sklaverei wieder einführen und auch die vier weiteren unabhängigen zentralamerikanischen Staaten Guatemala, El Salvador, Honduras und Costa Rica unter Kontrolle bringen. Nach dem Bruch mit der US-Regierung bemühte er sich um die Unterstützung der US-amerikanischen Südstaaten. Später wurde Walker von den Briten, die in ihm eine Bedrohung der englischen Interessen in der Region sahen, gefangen genommen und in Honduras durch ein Erschießungskommando hingerichtet.

Unter US-Kontrolle

Augusto César Sandino: Er leistete Widerstand gegen die konservativen Kräfte und gegen die US-Streitkräfte in Nicaragua. Die späteren Revolutionäre nahmen ihn zum Vorbild. (Quelle: Wikipedia)

Im 20. Jahrhundert wurde Nicaraguas politisches System gänzlich von den USA manipuliert. Seit 1893 waren die Liberalen an der Macht, an der Spitze der Regierung stand General José Santos Zelaya. Das politische Programm der Liberalen sah zu dieser Zeit unter anderem die Trennung von Kirche und Staat vor - nach dem Willen der Konservativen hingegen sollte die Kirche auch politische Macht haben.

Auf Druck der USA wurde Zelaya im Jahr 1909 gestürzt. Daraufhin gelangte die konservative "Oligarchie" zurück an die Macht. (Der Begriff "Oligarchie" ist dem Griechischen entlehnt und tauchte in den alten Staatslehren von Platon und Aristoteles auf - "oligos" bedeutet "wenig", "archein" bedeutet "herrschen". Gemeint ist eine Gesellschaftsordnung, in der nur wenige herrschen, ohne dass diese sich am Gemeinwohl orientieren.)

Der neue Präsident Adolfo Díaz unterschrieb die so genannten "Dawson-Verträge", in denen Nicaragua sich zu einer von den USA abhängigen Wirtschaft und Politik verpflichtete. Als 1912 ein Militärputsch gegen Díaz drohte, schickte die US-Regierung Soldaten nach Nicaragua, um den von ihr gewünschten Präsidenten zu beschützen. US-Streitkräfte blieben zunächst bis 1933 in Nicaragua - es gab immer wieder Versuche, die US-hörige Regierung zu stürzen. Nicaragua stand für Jahre am Rand eines Bürgerkriegs zwischen Anhängern der Konservativen und Anhängern der Liberalen.

Besonders hartnäckigen und auch militärischen Widerstand unter den Liberalen leistete General Augusto César Sandino - zunächst gegen die Konservativen, dann im "Guerillakampf" gegen die US-Streitkräfte. (Der Begriff "Guerillakampf" steht einerseits für eine bestimmte Kriegstaktik, andererseits für soziale und nationale Befreiungskriege.) Fünf Jahre lang kämpfte Sandino für einen Abzug der US-Truppen, der 1933 auch wirklich erfolgte. Man hatte im Sinne der US-Interessen allerdings vorgesorgt: Mit US-amerikanischer Hilfe wurde die nicaraguanische "Nationalgarde" aufgebaut und ausgebildet, die dem Oberbefehl des US-Verbündeten Anastasio Somoza Garcia unterstellt war.

Nach dem Abzug der USA aus Nicaragua legten Sandino und seine Mitstreiter die Waffen nieder. Somoza lud Sandino unter dem Vorwand der Versöhnung zu sich ein, was sich allerdings als Hinterhalt herausstellte. Auf Veranlassung Somozas wurde Sandino am 21. Februar 1934 ermordet.

Die Diktatur der Somozas

Anastasio und Luís Somoza Debayle: Wie schon ihr Vater Anastasio Somoza Garcia verfügten die beiden Brüder als nicaraguanische Präsidenten über diktatorische Gewalt. (Quelle: Wikipedia)

1937 putschte Somoza gegen den amtierenden Präsidenten Juan Bautista Sacasa, um sich selbst als Kandidat der "Partido Liberal Nacionalista" ("PLN") zum Präsidenten wählen zu lassen. Die Somoza-Familie vereinnahmte und beherrschte das Land anschließend mit diktatorischen Mitteln bis zum Jahr 1979. Die Verschleppung und Ermordung von Menschen durch die so genannten "Todesschwadronen" war in den Jahren der Somoza-Diktatur in Nicaragua eine Normalität.

Der Form nach wurde zwar ein Mehrparteiensystem mit regelmäßig wechselnder Präsidentschaft eingeführt, die Macht lag aber stets bei den Somozas und bei der Nationalgarde. Mit Costa Rica und Honduras gab es in den 40er und 50er Jahren Grenzkonflikte, bei denen Nicaragua militärisch von den USA unterstützt wurde.

Anastasio Somoza Garcia fiel 1956 einem Attentat zum Opfer. Nachfolger als Präsident zwischen 1956 und 1963 wurde sein Sohn Luís Somoza Debayle, der wie sein Vater inneren Widerstand im Land mit Gewalt unterdrückte und sich dabei der Unterstützung durch die USA sicher sein konnte. Später (1967 bis 1972 und 1974 bis 1979) folgte im Amt des Staatspräsidenten mit Anastasio Somoza Debayle ein weiterer Sohn von Anastasio Somoza Garcia.

In all den Jahren holzten US-Firmen für ihre Bananenplantagen riesige Urwaldgebiete ab. Edelhölzer, Gold und Silber wurden ins Ausland verscherbelt, ohne dass Nicaraguas Bevölkerung vom Gewinn etwas abbekam. Eine Katastrophe ereignete sich am 24. Dezember 1972, als ein Erdbeben in der Hauptstadt Managua für Zerstörung und den Tod von mehr als 10.000 Menschen sorgte. Große Teile der internationalen Hilfsgelder für die Erdbebenopfer sollen direkt auf die Bankkonten der Somoza-Familie geflossen sein, die aus der Katastrophe noch Gewinn erzielte. Auch am Wiederaufbau verdienten die Somozas, weil sie das Baugewerbe beherrschten.

Ab 1977 festigte sich die Widerstandsbewegung der "Sandinisten" (auf Spanisch "Sandinistas" - benannt nach dem alten Widerstandskämpfer Augusto César Sandino). Am 19. Juli 1979 wurde Somoza gestürzt - er floh nach Paraguay, wo er später in der dortigen Hauptstadt Asunción von Anhängern der marxistischen Gruppierung "Ejército Revolucionario del Pueblo" ("Revolutionäre Volksarmee") umgebracht wurde.

letzte Aktualisierung: 18.01.2012

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