Brasilien

Sammelbecken der Kulturen

Teil 4 von 14

von Björn Pawlak

Die brasilianische Flagge steht für dreierlei: der grüne Hintergrund symbolisiert den Regenwald, die gelbe Raute symbolisiert stellvertretend für die Bodenschätze einen Diamanten, die 26 Sterne im Zentrum stehen für die brasilianischen Bundesstaaten.


Brasilien ist das mit Abstand größte Land auf dem südamerikanischen Kontinent - sowohl was die Fläche, als auch was die Einwohnerzahl betrifft. Weltweit gibt es nur vier Länder, die mehr Fläche und mehr Einwohner besitzen. Das Land grenzt mit Ausnahme von Chile und Ecuador an alle anderen südamerikanischen Länder. Im Jahr 1500 nahmen die Portugiesen die brasilianische Landfläche im Namen ihrer Krone in Besitz. Seine Unabhängigkeit vom "Mutterland" Portugal erlangte Brasilien im Jahr 1825.

Der "Zuckerhut" (auf Portugiesisch "Pão de Açúcar"): dieser steil aufragende Felsen ist Wahrzeichen von Rio de Janeiro, der berühmtesten Stadt Brasiliens. (Quelle: tinakayser || pixelio.de)

Der Name "Brasilien" leitet sich von einer bestimmten Holzsorte ab, dem "Brasilholz". Der portugiesischer Name "Pau-brasil" bedeutet soviel wie "glutrotes Holz". Berühmt ist Brasilien für seine kulturelle Vielfalt, für seine Strände, für den Karneval und für den Fußball: mit fünf Weltmeistertiteln ist dieses Land so erfolgreich wie kein anderes (Stand 2009).

Als europäischer Entdecker Brasiliens gilt der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral. Das Land wurde also von der Atlantikküste aus erobert. Die ersten Portugiesen trafen vor Ort Indianer an, besonders auf das Volk der Tupí. Man schätzt die Anzahl der "Indios" zur Zeit der portugiesischen Eroberung auf mehr als fünf Millionen, innerhalb weniger Jahrhunderte sank diese Zahl auf unter eine Million. Im 16. Jahrhundert begannen jesuitische Missionare damit, die brasilianischen Indianer zum katholischen Glauben zu bekehren.

Geschichte

"Sklaverei in Brasilien", Gemälde von Jean-Baptiste Debret: im Laufe von rund 300 Jahren wurden geschätzte zwei Millionen Afrikaner als Sklaven nach Brasilien verschleppt. (Quelle: Wikipedia)

Für die Ureinwohner bedeutete das Zeitalter des Kolonialismus oftmals Tod oder Versklavung. Zugleich vermischten sich die Völker jedoch auch in starkem Maße, so dass die heute lebenden Brasilianer fast immer sowohl europäische als auch indianische Vorfahren haben. Auch aus anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Spanien oder Italien wanderten viele Menschen ein. Hinzu kamen die Afrikaner, die als Sklaven nach Brasilien gebracht wurden. Etwa die Hälfte der heute lebenden Brasilianer hat auch afrikanische Vorfahren.

Vom 16. Jahrhundert an wurden innerhalb von 300 Jahren schätzungsweise zwei Millionen Afrikaner als Sklaven in das Land verschleppt. Größtenteils mussten die Sklaven auf den Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen arbeiten. 1815 wurde Brasilien eigenständiges Königreich, blieb jedoch noch immer stark abhängig von Portugal. Am 5. November 1891 wurde nach dem Sturz der Monarchie die brasilianische "Republik" gegründet. Man rief die "Vereinigten Staaten von Brasilien" (auf Portugiesisch "República dos Estados Unidos do Brasil") aus. Erst kurz zuvor, nämlich im Jahr 1888, war die Sklaverei offiziell abgeschafft worden.

In den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts beteiligte sich Brasilien kaum aktiv, stand offiziell aber auf Seiten der "Alliierten". In den 1960er-Jahren wurde Brasilien zu einer Militärdiktatur, erst im Jahr 1985 wurden wieder freie Wahlen zugelassen. 1993 entschied sich die Bevölkerung in einem Volksentscheid für die "republikanische Staatsform", die noch heute Bestand hat. Der amtierende Präsident seit 2003 heißt Luiz Inácio Lula da Silva, er gehört der brasilianischen Arbeiterpartei "Partido dos Trabalhadores" an (Stand 2009). [Nachtrag: Im Jahr 2010 wurde Dilma Rousseff zu Lulas Nachfolgerin gewählt. Seit Januar 2011 ist die Parteigenossin Lulas Präsidentin von Brasilien. (Stand 2012)]

Regionen

Straße über den Fluss "Iguazú" im Süden des Landes. (Quelle: eigenes Archiv)

Brasilien grenzt im äußersten Norden an Französisch-Guayana und im äußersten Süden an Uruguay, dazwischen verlaufen gemeinsame Grenzen mit Suriname, Guyana, Venezuela, Kolumbien, Peru, Bolivien, Paraguay und Argentinien. Das Land ist in 26 Bundesstaaten eingeteilt, dazu kommt noch der eigenständige Bezirk der Hauptstadt Brasília. Brasília liegt im Landesinneren und ist Hauptstadt seit 1960. Die alte Hauptstadt war Rio de Janeiro, die wohl berühmteste Stadt des Landes.

Das "Herz" des Landes liegt eher im Osten - dort leben die meisten Menschen, dort befinden sich die riesigen Städte und dort spielt sich auch hauptsächlich die brasilianische Landwirtschaft und Industrie ab. Der Norden Brasiliens ist relativ unerschlossen und schwach bevölkert. Hier befinden sich die großen Regenwaldflächen und das riesige Flussgebiet des Amazonas mit seinen über tausend Nebenflüssen ("Amazonasbecken"). Die größten Städte sind São Paulo mit über 20 Millionen Einwohnern und Rio de Janeiro mit über 11 Millionen Einwohnern.

Bevölkerung

Darstellung einer Tupí-Indianerin aus dem 16. Jahrhundert. Die Tupí waren die größte Bevölkerungsgruppe unter den brasilianischen Ureinwohnern. (Quelle: Wikipedia)

Heute leben in dem 8,5 Millionen Quadratkilometer großen Land über 195 Millionen Einwohner. 80 Prozent der Einwohner leben in den Städten - vor allem die Einzugsgebiete der Küstenstädte Rio de Janeiro, São Paulo, Porto Alegre, Recife und Salvador sind dicht bevölkert. Das Durchschnittsalter der brasilianischen Bevölkerung ist relativ niedrig.

Aufgrund der nach Brasilien verschleppten Sklaven leben heute sehr viele Menschen mit afrikanischen Vorfahren im Land - nach Nigeria ist Brasilien der Staat mit den meisten dunkelhäutigen Einwohnern. Rund die Hälfte der heute lebenden Brasilianer zählt sich selbst zu den "Weißen" mit vor allem europäischen Vorfahren. Dazu gibt es ungefähr eine halbe Million Menschen indianischer Herkunft - teilweise in Reservaten, wo die indianische Kultur noch gepflegt wird, teilweise jedoch auch in den Städten, wo dies kaum mehr gelingt. Insgesamt werden noch über hundert verschiedene Sprachen in Brasilien gesprochen, darunter Indianersprachen wie "Guaraní", aber auch andere europäische Sprachen wie Deutsch mit über eine Million Muttersprachlern. Für über 95 Prozent ist aber das "brasilianische Portugiesisch" die Muttersprache.

Berühmteste brasilianische Musik ist der "Samba", der sich im 20. Jahrhundert entwickelte und dessen Wurzeln "afrobrasilianisch" sind. Die Abbildung aus dem 19. Jahrhundert zeigt den "Lundu-Tanz", einen Vorläufer von Samba. (Quelle: Wikipedia)

Über 70 Prozent der brasilianischen Bevölkerung lebt in den Großstädten. Brasilien ist ein Land mit großen sozialen Problemen. Die Einkommensunterschiede unter den Menschen sind riesig: zehn Prozent der Brasilianer verfügen über fast 50 Prozent des Einkommens. 30 Prozent der Brasilianer verfügen über weniger als zwei Dollar pro Tag - ein Leben am Rande des Existenzminimums. Viele Brasilianer sind auch heute unzufrieden mit einer Politik, die an diesen Zuständen kaum etwas ändert. Dazu passt auch eine relativ hohe Kriminalitätsrate: über 50.000 Menschen sterben mutmaßlich pro Jahr durch Mord oder Totschlag. In den 1990er-Jahren kam es in den Armenvierteln der großen Städte zu teils willkürlichen Morden an Straßenkindern, an denen auch Polizisten beteiligt waren.

Die am meisten verbreitete Religion ist in Brasilien der Katholizismus, der aber oft mit "afrobrasilianischen" religiösen Traditionen vermischt wird. Über 70 Prozent der Bevölkerung bekennt sich zu dieser Glaubensrichtung. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung ist protestantischen Glaubens. Relativ stark verbreitet ist auch der "Spiritismus" mit seiner Überzeugung, dass die menschlichen Seelen nach dem Tod weiterleben und die Lebenden auch mit ihnen kommunizieren können.

Wirtschaft

Zuckerrohr gehört zu den bedeutendsten landwirtschaftlichen Erzeugnissen des Landes. Kein Land auf der Welt produziert mehr Zucker als Brasilien, das gleiche gilt auch für Kaffee und Zitrusfrüchte. (Quelle: Robert Brenner || pixelio.de)

Im Nordwesten des Landes befinden sich die großen landwirtschaftlichen Plantagen, auf denen Zuckerrohr, Kakao oder Baumwolle angebaut wird. Meist sind es Großgrundbesitzer, die über die ausgedehnten Ländereien verfügen. So besitzt ein Prozent der Grundbesitzer Brasiliens über 40 Prozent des Landes. Viele Menschen finden hier keine Arbeit mehr, in den letzten Jahren hat eine "Landflucht" stattgefunden. Diese Menschen ziehen auf der Suche nach Arbeit in große Städte wie Rio de Janeiro oder São Paulo, und landen dort in den schnell wachsenden "Favelas". Die Favelas sind Armenviertel, in denen die Bewohner nicht über rechtmäßigen Grundbesitz verfügen und in teils erbärmlichen Verhältnissen leben. In den Favelas geht nur jedes achte Kind zur Schule.

Kaffee, Zuckerrohr und Zitrusfrüchte werden in großer Menge in den südöstlichen Regionen angebaut. Es gibt kein Land auf der Welt, das mehr dieser Erzeugnisse produziert und exportiert (also in andere Länder verkauft) als Brasilien. Aber auch die herstellende Industrie ist im Südosten stark vertreten. Der Südosten ist die stärkste Wirtschaftsregion des Landes.

Im Landesinneren wird vor allem Viehzucht betrieben, außerdem baut man hier Soja an. Der von Regenwald bedeckte Norden ist wirtschaftlich kaum erschlossen. Allerdings gewinnt man hier Holz und schürft Bodenschätze, an denen Brasilien relativ reich ist. Man fördert Eisen, Mangan, Kohle, Bauxit, Nickel, Erdöl, Erdgas, Zinn, Silber, Diamanten, Gold, und Uran. Die Wirtschaft im Norden Brasiliens ist am Wachsen, was man auch an den immer größer werdenden Städten sehen kann.

Ins Ausland verkauft werden vor allem Werkstoffe wie Stahl, Aluminium und Zinn, Landwirtschaftsprodukte wie Kaffee, Zucker und Soja, aber auch Fleisch, Waffen und Maschinen. Wichtigste Handelspartner sind die lateinamerikanischen Staaten, ebenso die USA, die Europäische Union und China.

Politik

Im Jahr 2003 wurde Luiz Inácio Lula da Silva zum neuen Präsidenten Brasiliens gewählt. Ursprünglich war Lula da Silva Anhänger der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung. [Nachtrag: Seit Januar 2011 ist Lulas Parteigenossin Dilma Rousseff Brasiliens Präsidentin. (Stand 2012)] (Quelle: Wikipedia)

Präsident Lula da Silva hatte versprochen, die ungleichen Verhältnisse im Land zugunsten der breiten Bevölkerung zu verändern und die Armut zu bekämpfen. Schon seit 1995 wurde im Rahmen von "Mercosur" (auf Portugiesisch "Mercosul" - "Mercado Comum do Sul") ein gemeinsamer Markt mit den Nachbarländern Argentinien, Paraguay und Uruguay aufgebaut, um für wirtschaftlichen Aufschwung zu sorgen. Auch Peru, Chile, Bolivien und Venezuela sind mittlerweile Mitglieder von Mercosur.

Beim Mercosur-Projekt handelt es sich um einen Versuch, für ganz Südamerika eine gemeinsame Wirtschaftsunion aufzubauen. Dieses Projekt wirkt dem US-amerikanischen Versuch entgegen, eine gesamtamerikanische Freihandelszone ("FTAA", "Free Trade Areas of the Americas") zu organisieren. Im Grunde entspricht das einem südamerikanischen Versuch, mehr Eigenständigkeit zu erlangen.

Brasilien bemüht sich besonders um diplomatische Beziehungen zu afrikanischen Staaten - vor allem zu portugiesischsprachigen Staaten wie Angola und Mozambique. Auch mit Südafrika und Indien gibt es eine enge Bindung.

Landschaft, Klima und Artenvielfalt

Die "Iguazú-Wasserfälle", an der Grenze zu Argentinien gelegen, zählen zu den größten Wasserfällen der Welt. (Quelle: Carlosh || pixelio.de)

Das Klima Brasiliens ist größtenteils tropisch, nur im Süden herrschen gemäßigte subtropische Klimabedingungen. Das Amazonasgebiet mit seinem Regenwald - das größte zusammenhängende Waldgebiet der Welt - ist ein Feuchtgebiet mit heftigen Regenfällen. Der Amazonas ist mit 6.448 Kilometern neben dem Nil der längste Fluss der Welt. Im Norden liegt auch der höchste Berg des Landes, der "Pico da Neblina" mit seinen 2994 Metern. Berühmt sind auch die südlich gelegenen "Iguazú-Wasserfälle" mit ihren bis zu 80 Meter tiefen Schluchten.

Die Tier- und Pflanzenwelt Brasiliens gilt als die artenreichste der Welt. Das Amazonasgebiet beherbergt Tausende verschiedener Baum- und Farnarten und Zehntausende von Blütenpflanzen, außerdem Tausende verschiedene Arten von Insekten, Schmetterlingen und Fischen. Dazu kommen noch zahlreiche große Waldtiere wie Affen, Wildkatzen oder Tapire sowie eine reiche Vogelwelt mit besonders vielen Papageien, Tukanen und Kolibris.

Leider sind immer mehr Arten vom Aussterben bedroht, da der Regenwald ständig kleiner wird. Zu Zeiten der portugiesischen Eroberung waren noch etwa zwei Drittel des Landes mit Wald bedeckt, seitdem wurde fast die Hälfte dieses Waldes und damit auch der Lebensraum für die Tiere abgeholzt.

Kultur und Küche

Besonders berühmt ist die "Bahianische Küche" mit Gerichten wie dem abgebildeten Eintopf "Moqueca Baiana", dessen wichtigste Zutaten Fisch und Kokosmilch sind. (Quelle: Wikipedia)

Die kulturelle Vielfalt des Landes spiegelt sich besonders in der Musik wieder: hier mischten sich portugiesische, afrikanische und indianische Elemente. Am berühmtesten sind der "Bossa Nova" und der "Samba". Der Samba spielt auch eine große Rolle beim "Karneval in Rio", der jährlich in den Tagen vor Aschermittwoch stattfindet und bei dem die "Sambaschulen" im musikalischen und tänzerischen Wettkampf gegeneinander antreten. Besonders dominant innerhalb der brasilianischen Musik sind die Schlaginstrumente, aber auch Zupfinstrumente und natürlich die Gitarre.

Auch die brasilianische Küche zeichnet sich besonders durch ihre Vielfalt aus. Beliebte Grundnahrungsmittel sind schwarze, rote und weiße Bohnen, Reis und Maniok, dazu natürlich auch Fisch, Fleisch und Meerestiere. Es gibt starke regionale Unterschiede. Besonders berühmt ist die "Bahianische Küche" (Bahia ist ein brasilianischer Bundesstaat), die starke afrikanische Einflüsse hat. Berühmtestes Gericht der Bahianischen Küche ist "Moqueca Baiana", ein Fischeintopf mit Kokosmilch, der auf unzählige verschiedene Weisen zubereitet wird. Aus dem Südosten Brasiliens kommt der beliebte Bohneneintopf "Feijoada", der als brasilianisches Nationalgericht gilt.

Größe des Landes
8.547.404 qkm
Hauptstadt
Brasília
Einwohner
195 Mio. (Stand 2009)
Landessprachen
  • Amtssprache: Portugiesisch
  • rund 180 Indianersprachen
  • Minderheitensprachen der Einwanderer (über eine Million deutsche Muttersprachler)

letzte Aktualisierung: 23.10.2016

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